Im Siegesrausch den Biss verloren

14. März 2013, 14:00 Uhr

Das Champions-League-Aus kann der FC Bayern gegen Arsenal gerade noch verhindern. Doch die Formkurve der Münchner zeigt plötzlich nach unten - ausgerechnet vor den entscheidenden Wochen dieser Saison. Von Klaus Bellstedt und Maximilian Koch, München

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Auf dem Boden der Tatsachen: Arjen Robben und der FC Bayern enttäuschten gegen Arsenal©

Es war eine bedrückende Atmosphäre. Die Stimmung in der Allianz Arena war schon vorher eines Europapokal-Abends unwürdig – was sicher auch an den Minusgraden lag. Aber jetzt, vier Minuten vor Ende der regulären Spielzeit im Achtelfinal-Rückspiel der FC Bayern gegen Arsenal London, schlug alles nochmal um. Koscielny hatte gerade das 2:0 für die "Gunners" geköpft. Hinter dem Tor von Manuel Neuer rasteten knapp 5000 mitgereiste Arsenal-Fans aus. Die restlichen 60000 Zuschauer erstarrten dagegen zu Salzsäuren. Die Angst vor dem Sudden Death, dem plötzlichen Tod, wie es in der Sportsprache heißt, ging um.

Eine ganze Saison stand in diesem Moment auf dem Spiel. Ein weiteres Tor, irgendein dummer abgefälschter Ball – und alles wäre vorbei gewesen. Ja, man musste in diesen Momenten auch an Chelsea und den Mai 2012 denken. An das verlorene Champions-League-Finale im eigenen Stadion. Am Mittwochabend ist es so gerade nochmal gut gegangen. Aber es war verdammt knapp.

Zum Glück war es nur Arsenal

Dass es letztlich kein zweites "Drama dahoam" gab, lag weniger an den Bayern als am Gegner. Der FC Arsenal demonstrierte auch am Mittwoch, dass er nicht mehr zur europäischen Elite gehört. Die Mannschaft von Trainer Arsene Wenger besaß nicht die Mittel, um die Schwächen der Bayern noch konsequenter auszunutzen. Weil sie selbst genug Mühe hatte, den Ball sauber zum Mitspieler zu passen. Häufig gelang das nicht. Man mag sich gar nicht vorstellen, was ein besseres Team an diesem Abend mit den Bayern gemacht hätte. Doch zum Glück war es nur Arsenal. Eine Mannschaft, die in der englischen Premier League auf Tabellenplatz fünf rangiert, 24 Punkte hinter Spitzenreiter Manchester United.

In München dürfte dennoch Alarmstimmung herrschen. Denn auch ein durchschnittliches Team war am Mittwoch in der Lage, den deutschen Rekordmeister in dessen eigenem Stadion 2:0 zu besiegen. "Ich bin immer noch fassungslos, wie man so Fußball spielen kann", sagte Franz Beckenbauer bei Sky. "So kannst du unmöglich weiterspielen, sonst bist du in der nächsten Runde draußen. Egal gegen wen." Und Arjen Robben meinte: "Vielleicht ist das positiv für uns, weil es ein Weckruf ist. Wir müssen einfach immer konzentriert sein."

Sieg gegen Dortmund als Wendepunkt

Konzentration – im bisherigen Saisonverlauf war es gerade diese Eigenschaft, die das Team von Trainer Jupp Heynckes auszeichnete. Auch gegen schwächere Mannschaften traten die Bayern professionell auf. Sie agierten so diszipliniert, dass der Gegner häufig nicht mal in die Nähe des Münchner Tores kam. Die von Sportvorstand Matthias Sammer vermittelten Werte wie Demut und Hingabe hatten ihren Weg in die Köpfe der Spieler gefunden. So schien es. Doch offenbar haben die Bayern diese totale Fokussierung in den vergangenen Wochen verloren. Vielleicht ist der 20-Punkte-Vorsprung in der Bundesliga daran schuld. Vielleicht sind die Münchner selbst zu sehr berauscht von dem, was sie in dieser Spielzeit bereits geleistet haben.

"Der Trend ist your friend. Und wir spielen seit drei Wochen schönen Dreck", schimpfte Uli Hoeneß. Und der Präsident lag mit seiner Beobachtung genau richtig. Kurioserweise hat das Bayern-Spiel ausgerechnet nach jener Partie einen Knacks bekommen, die von Seiten der Münchner als Wendepunkt deklariert wurde. Nur war das im positiven Sinne gemeint. Das gewonnene Pokal-Viertelfinale gegen Borussia Dortmund werteten die Verantwortlichen des Rekordmeisters als "Machtwechsel". Hoeneß tönte, "die deutschen Verhältnisse sind geklärt". In der Tat gelang den Bayern gegen den amtierenden Doublesieger ein beeindruckender Erfolg. Dortmund hatte der Entschlossenheit und Einsatzfreude des Rivalen kaum etwas entgegenzusetzen.

Warnschuss zur rechten Zeit?

In den anschließenden Bundesliga-Partien gegen Hoffenheim und Düsseldorf war davon allerdings nur noch wenig zu sehen. Vor allem gegen Aufsteiger Fortuna ließ die Heynckes-Elf den nötigen Biss vermissen. Unerklärliche Abspielfehler, zögerliches Zweikampfverhalten – bei den Bayern war ein deutlicher Spannungsverlust zu beobachten. Angesichts des beruhigenden Punktepolsters in der Liga fallen zwei schlechtere Auftritte nicht ins Gewicht. Dachte man. Doch anders als gegen Dortmund und im Hinspiel gegen Arsenal, schaffte es der FCB am Mittwoch nicht, in einem Highlight-Spiel die bestmögliche Leistung abzurufen. Das ist die Erkenntnis des gestrigen Abends. Und das wird die Bayern umtreiben.

Vielleicht ist das ja ein positiver Aspekt dieses sonst so deprimierenden Spiels. Der "Warnschuss", von dem Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge sprach, er könnte zur rechten Zeit erfolgt sein. Spätestens jetzt sollte jeder Bayern-Spieler wissen, dass Siege in der europäischen "Königsklasse" nur mit der richtigen Einstellung erreicht werden können. Die sportliche Führung um Coach Heynckes und Sportvorstand Sammer hat nun drei Wochen Zeit, um die Mannschaft daran zu erinnern. Nach zwei Spielen in der Liga gegen Leverkusen und Hamburg steht dann das Champions-League-Viertelfinale an. Für die Münchner soll das nicht die letzte Station in dieser Saison sein. Doch dafür müssen sie ihren Drive wiederfinden. Sonst droht auch diese Spielzeit mit einer Enttäuschung zu Ende zu gehen.

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