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Götterdämmerung – wie die Bayernbosse den Klub in die Krise führen

Der Gewinn des sportlich wertlosen Supercups vermag die Krise des FC Bayern München nicht zu übertünchen: Deutschlands Vorzeigeklub und seine Bosse haben keinen Plan für die Zukunft. Ein Abpfiff kurz vor Saisonstart.

Von Felix Hutt

FC Bayern München: Götterdämmerung bei Deutschlands Vorzeigeklub

Uli Hoeneß (links), 65, hat den FC Bayern München zum erfolgreichsten deutschen Verein gemacht. Der Weltmeister von 1974 vertraut bei Personalfragen auf seine Instinkte. Karl-Heinz Rummenigge (Mitte), 61, führt den Klub als Vorstandsvorsitzender seit 2002. Einst einer der besten Stürmer der Welt, hat er ein abwägendes Naturell. Carlo Ancelotti, 58, gewann mit dem AC Mailand und Real Madrid die Champions League. Im ersten Bayern-Jahr reichte es nur für die Meisterschaft

Da war er wieder, der Jubel-Uli. Seine Bayern hatten gewonnen, und das war alles, was zählte. Super Bayern, egal wie. Unverdient hatten sie Borussia Dortmund besiegt, am Ende im Elfmeterschießen, uninspiriert waren sie die zweite Halbzeit aufgetreten, aber Uli Hoeneß lief nach Abpfiff des sportlich zweitrangigen Supercups über den Rasen und herzte jeden, der ihm in den Weg kam. Er breitete die Arme aus und drückte Trainer an sich, als hätten sie gerade im Finale der Champions League triumphiert. "Wir sind da, wenn es darauf ankommt", so die Botschaft, "mia san immer noch mia."

Dabei war in den Wochen zuvor unübersehbar geworden, wie konzeptlos die Führung des Rekordmeisters agiert. Fünf Tage vor dem Supercup hatten Präsident Hoeneß und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge im Presseraum den neuen Sportdirektor des vorgestellt. Wen würden sie präsentieren, die Bosse? Miroslav Klose? Giovane Elber? Mehmet Scholl? Die Suche nach einem Nachfolger von Matthias Sammer war zu einer Posse verkommen, die viel aussagt über den Zustand des Vereins. Dass die Wahl schließlich auf Hasan Salihamidžic fiel, der so plötzlich aus dem Hut gezaubert worden war, dass er bei seiner Vorstellung noch nicht einmal seinen Vertrag unterschrieben hatte, auch.

Welche Strategie verfolgt der FC Bayern München auf dem verrückten Transfermarkt?

Der Klub steht vor einem Umbruch, und es mangelt auf allen Ebenen an Personal, das ihn bewältigen kann. "Brazzo" wird Salihamidžic genannt, was übersetzt Bürschchen heißt. Es wirkt, als würden sich und Hoeneß bewusst schwaches Personal auswählen, weil erfahrene Strategen die Rollen der Bosse hinterfragen, sie womöglich überflüssig erscheinen lassen könnten.

Sportdirektor Hasan Salihamidžic (links), 40, spielte neun Jahre in München. Der Bosnier hat den Job angetreten, den eigentlich Weltmeister Philipp Lahm übernehmen sollte. Auch Willy Sagnol, 40, war neun Jahre Bayern-Spieler. Ihn platzierte der Vorstand als Co-Trainer in Ancelottis Team, um Infos aus erster Hand zu bekommen

Sportdirektor Hasan Salihamidžic (links), 40, spielte neun Jahre in München. Der Bosnier hat den Job angetreten, den eigentlich Weltmeister Philipp Lahm übernehmen sollte. Auch Willy Sagnol, 40, war neun Jahre Bayern-Spieler. Ihn platzierte der Vorstand als Co-Trainer in Ancelottis Team, um Infos aus erster Hand zu bekommen

Wer also führt die Mannschaft nach dem Abgang von und Xabi Alonso? Wer wird Arjen Robben und Franck Ribéry ersetzen, wenn auch die sich in den Ruhestand verabschieden? Wie sieht das Spielkonzept aus, mit dem Mannschaften aus Madrid, Manchester und Mailand geschlagen werden sollen, die über den Sommer aufgerüstet haben? Welche Strategie verfolgen die Bayern auf dem verrückten Transfermarkt? Was passiert mit Carlo Ancelotti? Überlebt er die Saison? Kommt für ihn oder nach ihm ein junger Konzepttrainer – oder wieder ein Welttrainer? Kurz: Wie soll sie aussehen, die Agenda 2020 des FC Bayern? Das sind die drängenden Fragen vor der neuen Saison, die aber niemand im Verein beantworten mag.

Schuld daran tragen die Bosse – Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß. Sie haben keine Vision. "Zurück zum 'Mia san mia'", gibt Hoeneß als Leitfaden vor. Aber was heißt das, wie gewinnt man damit die ? Vergangene Woche wurde das neue Nachwuchszentrum eröffnet, das 70 Millionen Euro gekostet hat. Bayern München will in den Nachwuchs investieren statt in spektakuläre Neueinkäufe. Hermann Gerland leitet das Zentrum. Wieder wurde eine Stelle mit einem langjährigen Vertrauten besetzt. Aber wo soll der Nachwuchs sich beweisen, wenn er nicht spielen darf? David Alaba war der Letzte aus der Jugend, der sich bei den Profis durchsetzen konnte. Lange her.

Sie können nicht loslassen

Hoeneß und Rummenigge umgeben sich mit loyalen Jasagern wie Willy Sagnol, den sie als Co-Trainer in Ancelottis Trainerteam installiert haben und der ihnen nun von jedem Training und aus jeder Mannschaftssitzung berichten kann. Mit einem Salihamidžic, von dem weniger seine Manager- als seine Schafkopfrunden bekannt sind, die er mit Hoeneß pflegte. Er sollte Chef des erfahrenen Kaderplaners Michael Reschke werden, der sich nun lieber nach Stuttgart verabschiedet hat. Philipp Lahm und Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl, denen man einen Zukunftsplan und – mittelfristig – die Führung des Vereins zugetraut hätte, entschieden sich gegen eine Anstellung unter Hoeneß und Rummenigge. Sie ahnten wohl, dass sie nur ausführende Organe sein würden, und das auf lange Zeit. Denn die Bosse können nicht loslassen. Rummenigge, sagen langjährige Beobachter, müsse man irgendwann aus seinem Büro tragen. Hoeneß wiederum fühle sich durch seine Beliebtheit bei den Fans berufen, die Zeit nachzuholen, die er durch seine Haft verpasst hat.

James Rodríguez kam in Madrid über die Reserve rolle nicht hinaus. Von München ausgeliehen, beginnt er mit einer Verletzung und fällt etwa vier Wochen aus

James Rodríguez kam in Madrid über die Reserve rolle nicht hinaus. Von München ausgeliehen, beginnt er mit einer Verletzung und fällt etwa vier Wochen aus

Bayern München balanciert seit einiger Zeit zwischen dem Anspruch, ein Weltverein sein zu wollen, und dem Wunsch, seine bayerische Verwurzelung nicht zu verraten. Der Verein möchte die Champions League gewinnen, aber am liebsten mit elf Thomas Müllers aus Oberbayern. Wenn man die Einkäufe mit denen der europäischen Topteams vergleicht, mutet das mau an. Niklas Süle. Sebastian Rudy. Serge Gnabry. James Rodríguez. Corentin Tolisso. Letzteren mussten sogar diejenigen googeln, die sich Fußballexperten nennen. Mehr als 40 Millionen Euro Ablöse an Olympique Lyon für einen kaum bekannten französischen Mittelfeldspieler müssen sich noch als gute Geldanlage beweisen. Über James, von seinem Exverein Real Madrid im Champions-League-Finale 2017 nicht einmal in den Kader berufen, sagte Rummenigge bei dessen Vorstellung, dass er seiner Frau gefalle. Der Kolumbianer verletzte sich gleich mal am rechten Oberschenkel und fällt Wochen aus.

Den Fans dürfte am Ende egal sein, wie gut das Festgeldkonto gefüllt ist

Die Bayern distanzieren sich vom Transferwahnsinn, wollen keine dreistelligen Millionenbeträge für einen Spieler ausgeben. Verweisen immer wieder auf ihre gesunde wirtschaftliche Situation. Aber den Fans dürfte am Ende egal sein, wie gut das Festgeldkonto gefüllt ist. Sie wollen Erfolge. Das Triple, wie 2013. Ihnen reicht es schon länger nicht mehr, einmal im Jahr "Super Bayern" auf dem Marienplatz zu rufen. Die Meisterschaft ist ohnehin Pflicht, Kür ist die Champions League.

Die Neueinkäufe der Bayern: Corentin Tolisso (zweiter von rechts), 23, Mittelfeld, kommt von Olympique Lyon; Serge Gnabry (ganz links), 22, Mittelfeld, kommt von Werder Bremen, an die TSG Hoffenheim ausgeliehen; Niklas Süle (zweiter von links), 21, Abwehr, kommt aus Hoffenheim; Sebastian Rudy, 27, Mittelfeld, ebenfalls aus Hoffenheim

Die Neueinkäufe der Bayern: Corentin Tolisso (zweiter von rechts), 23, Mittelfeld, kommt von Olympique Lyon; Serge Gnabry (ganz links), 22, Mittelfeld, kommt von Werder Bremen, an die TSG Hoffenheim ausgeliehen; Niklas Süle (zweiter von links), 21, Abwehr, kommt aus Hoffenheim; Sebastian Rudy, 27, Mittelfeld, ebenfalls aus Hoffenheim

Entscheidungen müssten, sagte Uli Hoeneß bei der Vorstellung von Salihamidžic, auch mal aus dem Bauch getroffen werden. Im Zweifel ist es nun wieder sein Bauch, der für Bayern München entscheidet. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Profiabteilung ist mittlerweile eine AG, ein Konzern, der zuletzt mehr als 600 Millionen Euro Umsatz im Jahr gemacht hat und einige der wertvollsten Dax-Firmen als Sponsoren und Anteilseigner gewonnen hat. Hoeneß erweckt zuweilen den Eindruck, er wolle diesen Konzern noch führen wie jenen Verein, den er 1979 übernommen hat. Das waren die Zeiten, als er neben den Trainern auf der Bank am Spielfeldrand saß und Ausgaben auf dem Taschenrechner kalkulierte.

"Abteilung Attacke" ist zurück

Es ist sein Verdienst, dass der FC Bayern München heute der erfolgreichste und reichste Fußballverein Deutschlands ist. Es wäre ein noch größeres Verdienst, wenn Hoeneß erkennen würde, dass es an der Zeit ist, eine neue Generation ranzulassen: auf dem Platz, im Management, in Vorstand und Aufsichtsrat. Als Borussia Dortmund sich erdreistete, den Bayern zweimal die Meisterschaft zu entreißen, kaufte man ihnen in der Folge Robert Lewandowski, Mario Götze, Mats Hummels weg. Hoeneß' Prinzip, den Konkurrenten um die besten Spieler zu schwächen, wenn der eigene Erfolg ausbleibt, funktioniert international aber nicht. Von Real Madrid bekommt man höchstens den hübschen James von der Tribüne.

Für Hoeneß scheint jedoch noch lange nicht Schluss zu sein. Er ist bis 2019 zum Präsidenten gewählt worden. Während er sich in der vergangenen Saison zurückgehalten hatte, dürfen sich Anhänger deftiger Interviews auf die "Abteilung Attacke" freuen. Uli Hoeneß doziert wieder, bis die Stirn rot glänzt. Sein erstes Opfer könnte Carlo Ancelotti sein, für dessen Verpflichtung als Nachfolger von Pep Guardiola sich Rummenigge starkgemacht hatte.

Zwischen Rummenigge und Hoeneß herrscht eine Hassliebe, so Stimmen aus dem Verein, was besonders deutlich wird, wenn sie, wie bei Salihamidžic, überbetonen, wie einig sie sich in einer Entscheidung seien. Man habe viel zusammen im Auto gesessen und geredet, berichtete Hoeneß nach der Rückkehr von der zwölftägigen PR-Tour des Vereins durch Asien. Intern aber hält sich jeder einen kleinen Stab Vertrauter. Rummenigge gibt den weltmännischen Elder Statesman und neidet Hoeneß dessen Popularität, der nicht einmal die Steueraffäre etwas anhaben konnte. Für Hoeneß geht Rummenigge die Dinge manchmal zu verkopft an.

Hoeneß ist weniger begeistert von Ancelotti

Rummenigge gefällt an Ancelotti, dass er feine Hemden trägt wie er selbst, guten Rotwein trinkt und einen ruhigen Führungsstil pflegt, den er als souverän interpretiert. Er ist immer noch stolz auf seine Zeit als Profi bei Inter Mailand und spricht Italienisch mit Ancelotti. "Mi piace", "Gefällt mir", soll ihm Ancelotti geantwortet haben, als er ihm sagte, dass Salihamidžic Sportdirektor werde; so erzählte das Rummenigge bei Salihamidžics Vorstellung. Dabei hatte der Coach zuvor erklärt, dass er keinen Sportdirektor brauche. Umgekehrt intervenierte Rummenigge nicht, als Ancelotti bei Dienstantritt seine halbe Verwandtschaft mit Jobs im Trainerstab ausstattete.

Hoeneß ist weniger begeistert von Ancelotti. Er ließe zu lasch trainieren, heißt es aus seinem Umfeld. Ancelottis Armada an Vertrauten ist ihm zudem nicht geheuer. Deshalb wurde Sagnol als U-Boot im Trainerstab platziert. Im Frühherbst vergangenen Jahres lud er Ancelotti und seine Frau zu sich an den Tegernsee. Eine gute Gelegenheit, um nach ein paar Gläsern die Dinge anzusprechen, die ihm nicht passten. Ancelotti brachte Wein mit und machte Komplimente zum Pizzaofen. Er umgarnte Hoeneß – es kam zu keinem Diskurs. Hoeneß soll hinterher von Ancelottis Charme geschwärmt haben.

Das aber wird Ancelotti nicht helfen. Er braucht Erfolge. In der abgelaufenen Saison vertrauten die Bosse darauf, dass er die Spieler seiner jeweiligen Mannschaft immer im Frühjahr in Bestform auf den Platz geschickt hatte, wenn es um die Titel ging. Nach dem Aus in Pokal und Champions League waren sie desillusioniert. Ancelottis Bonus ist aufgebraucht. Und die jüngsten Niederlagen in der Vorbereitung sorgten für jede Menge Nervosität.

Die Bilder vom Samstag in Dortmund sollen nun eine andere Botschaft senden. Hoeneß und Rummenigge, die einträchtig klatschten, als ihre Mannschaft und ihr Carlo den Supercup in Empfang nahmen. Herzlich einige Superbayern – im nationalen Maßstab. Wenn am 26. Mai 2018 in Kiew der nächste Champions-League-Sieger beklatscht wird, werden die Bayern und ihre Bosse das am Fernseher verfolgen. Dazu bedarf es keiner großen Vision.

Der Artikel über den FC Bayern München ist dem aktuellen stern entnommen:




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