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Beckenbauer steht erneut im Visier der Ethikspitze

Die Fifa bekommt Druck von allen Seiten. Ehemalige Mitarbeiterinnen der Bewerber Katar und Australien erheben schwere Vorwürfe. Auch Franz Beckenbauer rückt erneut in den Fokus der Fifa-Ethikspitze.

  Stand schon im WM-Sommer im Fokus des Fifa-Skandals: Franz Beckenbauer

Stand schon im WM-Sommer im Fokus des Fifa-Skandals: Franz Beckenbauer

In der größten Glaubwürdigkeitskrise ihrer Geschichte muss die Fifa neue krasse Vorwürfe aus der ganzen Fußball-Welt einstecken. Und auch der Name Franz Beckenbauer könnte bei den nun zwingend notwendigen Folge-Untersuchungen zur WM-Vergabe an Russland und Katar wieder eine Rolle spielen. Der für sein mildes Urteil scharf kritisierte Ethikrichter Hans-Joachim Eckert will bei seinem anberaumten Spitzentreffen mit dem verärgerten Chefermittler Michael Garcia über die Rolle sogenannter "Einzelpersonen" im skandalösen WM-Vergabeprozess sprechen - wohl auch über Beckenbauer und dessen frühere Kollegen in der Fifa-Exekutive. Dass die bereits von Eckert erwähnten möglichen neuen Ermittlungen laufen, wurde weder von der Fifa noch von deren Ethikkommission bestätigt.

Nach der Veröffentlichung des Eckert-Berichts werden unterdessen täglich neue Details bekannt, die ein verheerendes Licht auf die Fifa werfen. Phaedra Almajid, Ex-Mitarbeiterin von Katars Bewerbungskomitee und wichtige Garcia-Informantin, gab einen Einblick in die brisante Affäre. Sie sei von ihrem ehemaligen Arbeitgeber in Katar unter Druck gesetzt worden, ihre Aussagen zu widerrufen. "Wenn es um die Fifa geht, muss man darauf vorbereitet sein, gekreuzigt zu werden, nicht einmal oder zweimal, sondern wieder und immer wieder", erklärte sie der "Mail on Sunday". Man müsse darauf vorbereitet sein, "niemandem vertrauen zu können" und "von denen betrogen zu werden, die dir versprochen haben, dich zu beschützen".

"Musste das Wohlergehen meiner Kinder schützen"

Almajid wurde nach eigener Darstellung von den Katarern wegen gebrochener Schweigepflicht, die sie als Angestellte der Bewerbung vertraglich zusichern musste, eine Schadensersatzklage in Höhe von einer Million Dollar angedroht. Ein hochrangiger Funktionär aus Katar habe ihr angeboten, auf die Klage zu verzichten, sollte sie eidesstattlich einräumen, ihre Korruptionsvorwürfe seien eine Erfindung gewesen. "Ich war völlig allein bei meinem Versuch, mich gegen die Katarer zu wehren", erklärte Almajid. "Ich musste das Wohlergehen meiner Kinder schützen und habe unterschrieben."

Zusammen mit Bonita Mersiades, die als Ex-Chefin für öffentliche Angelegenheiten von Australiens Kandidatur für die WM 2022 Garcia ebenfalls wichtige Informationen zukommen ließ, wurde sie nun ins Parlament in London eingeladen und soll dort vor einem neutralen Komitee im Unterhaus aussagen. Beide Frauen fühlten sich - obwohl namentlich nicht genannt - im Bericht von Eckert als unglaubwürdig dargestellt. Zahlreiche belastende Aussagen seien nicht aufgetaucht. Sie nannten Eckerts Zweifel eine "absichtliche Verunglimpfung von zwei Frauen, die den Mut gehabt haben, etwas zu sagen".

Hammams Angestellte zerstörten Material

An den Informationen von Clare Kenny Tipton, Strategieberaterin von Englands gescheiterter Bewerbung um die WM 2018, schien Garcia nicht interessiert zu sein. Ihr Angebot, dem Ermittler als Zeugin zur Verfügung zu stehen, sei von dem US-Amerikaner abgelehnt worden, schrieb die Zeitung "The Times". Demnach hätten bin Hammam und sein Team versucht, Wahlabsprachen mit England und der gemeinsamen Kandidatur von Spanien und Portugal über Stimmen für Katar zu treffen. Nach dem Votum seien bin Hammams Angestellte damit beschäftigt gewesen, belastende Mails, belastende Korrespondenz oder andere wichtige Beweise seiner geheimen WM-Kampagne zu zerstören.

Während andere Sportverbände wie die UEFA oder das IOC schweigen, wird auf politischem Parkett die Fußball-Affäre debattiert. "Während ich nicht die Autonomie der Sportverbände angreifen will, denke ich, dass es Zeit ist, dass die FIFA alle Karten auf den Tisch legt, um die Zweifel über die Ergebnisse des Reports zu beseitigen", sagte EU-Sportkommissar Tibor Navracsics. In Amerika verstärkt laut Nachrichtensender CNN die Bundespolizei FBI die Ermittlungen um die Machenschaften des Weltverbandes vor der WM-Wahl im Dezember 2010, bei der die USA überraschend gegen Katar mit 8:14 Stimmen unterlagen.

"Uefa von der Fifa lösen"

Theo Zwanziger - im kommenden Frühjahr scheidendes deutsches Mitglied der Fifa-Regierung und weiterhin enger Vertrauter des beharrlich schweigenden Weltverbands-Chefs Joseph Blatter - will für eine Offenlegung des Garcia-Dokuments werben. "Dies werde ich jetzt betreiben", sagte der frühere DFB-Präsident der "Bild"-Zeitung. 

Wie angreifbar sich die Fifa mit dem desaströsen Kuddelmuddel ihrer zwei Ethikkammern gemacht hat, zeigt die letztlich nur als Provokation zu verstehende These von Ligapräsident Reinhard Rauball, der eine europäische Fußball-Revolution nicht ausschließt. "Eine Option, über die ernsthaft nachgedacht werden müsste, ist sicherlich, dass die Uefa sich von der Fifa löst", sagte Rauball dem "Kicker". An der DFB-Spitze war man über den verbalen Radikalvorschlag des eigenen Vizepräsidenten ganz und gar nicht amüsiert. Präsident Wolfgang Niersbach äußerte sich nicht. Rauball gilt als krasser Katar-Gegner. In der Diskussion um Menschenrechte in Katar hat sich Rauball mehrfach klar gegen das Emirat positioniert.

Beckenbauer nicht namentlich erwähnt

Im Gegensatz zu Beckenbauer, der schon im WM-Sommer in den Fokus des Fifa-Skandals geriet und einst mit der Aussage für Wirbel sorgte, er habe "noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen, weder in Ketten gefesselt oder auch mit irgendwelcher Büßerkappe am Kopf". Durch seine anfängliche Weigerung, die Garcia-Fragen zu beantworten, wurde er mit einer provisorischen 90-Tage-Sperre belegt. Im Eckert-Bericht wird der "Kaiser" namentlich nicht erwähnt, aber unter Punkt 5.2. heißt es: "Letztlich kooperierte ein Funktionär mit der Untersuchungskammer nur, nachdem Ermittlungen zu ethischen Verfehlungen für die Kooperationsverweigerung eingeleitet wurden".

Keine Erwähnung finden im Eckert-Bericht die von der britischen Zeitung "Sunday Times" im Sommer erhobenen Anschuldigungen über angebliche geschäftliche Verquickungen Beckenbauers mit seinem sportpolitischen Mandat. Nach der WM-Vergabe im Dezember 2010 an Russland erhielt er einen Werbevertrag aus der russischen Gasindustrie. Nach Katar reiste er als Geschäftsberater einer Hamburger Firma. Kontakte zum dortigen Emir bestanden durch die Fußball-Aktivitäten seit langem. Beckenbauer hat Reisen nach Katar nie bestritten, sämtliche Vorwürfe von Korruption aber immer heftig zurückgewiesen.

and/Arne Richter/Sven Busch/DPA/DPA
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