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Von Blatter in die Traufe

An diesem Freitag wählt der skandalumwitterte Weltfußballverband Fifa einen neuen Präsidenten. Der Favorit für die Blatter-Nachfolge: ein umstrittener Scheich.

Von Christian Ewes und Johannes Röhrig

Scheich Salman Bin Ibrahim Al Chalifa will Fifa-Boss werden

Sammelt seine Truppen: Scheich Salman Bin Ibrahim Al Chalifa aus Bahrein will Sepp Blatter als Fifa-Präsidenten beerben

Am frühen Abend, wenn die Sonne sich senkt und eine Brise vom Meer die Gluthitze vertreibt, beginnt in Bahrain die große Zeit des Fußballs. Dann füllen sich die Plätze, Gassen und Höfe des kleinen Königreichs am Persischen Golf. Dann wird gekickt, oftmals bis tief in die Nacht, und besonders beliebt sind die Mittelinseln der Kreisverkehre, denn hier spenden Straßenlampen verlässlich Licht.

Fußball ist ein Gewusel auf staubigem Untergrund in Bahrain, und das setzt sich fort bis in die "Premier League", die höchste Spielklasse des Landes. Viel Kleinkunst, wenig Disziplin. Das will kaum jemand sehen, mitunter kommen nur wenige Hundert Zuschauer zu den Spielen.

Scheich Salman Bin Ibrahim Al Chalifa, 50, war hier mehr als zehn Jahre Präsident des Fußballverbands. Im internationalen Vergleich ist Bahrain, das die Größe des Stadtgebiets von Hamburg hat, ein Fußballzwerg. Platz 130 in der Weltrangliste. Der Karriere des Scheichs hat das auf wundersame Weise nicht geschadet. 2013 stieg er zum Chef des Asiatischen Fußball-Verbands (AFC) auf, der 47 Nationalverbände vereint. Nun greift Salman, der einstige Herrscher einer Puppenstuben-Liga, nach dem höchsten Amt im Sport.

Salman steht für: Strippenzieherei, Hinterzimmerdiplomatie, Günstlingswirtschaft

An diesem Freitag wird in Zürich ein neuer Präsident des Weltfußballverbands Fifa gewählt. Fünf Kandidaten treten an, die meisten von ihnen sind blasse Typen. Dass ausgerechnet Salman Nachfolger von Sepp Blatter werden und die Fifa in eine bessere Zukunft führen soll, sagt viel aus über den skandalgeschüttelten Verband.

Leerer Stuhl von Fifa-Boss Sepp Blatter

Wer beerbt Sepp Blatter auf dem Fifa-Thron? Am Freitag wählt der Weltfußballverband in Zürich seinen Nachfolger.


Denn Salman strebt mit Methoden an die Macht, die der Verband eigentlich hinter sich lassen wollte: mit Strippenzieherei, Hinterzimmerdiplomatie und Günstlingswirtschaft. Der Favorit weiß nicht nur die meisten Asiaten auf seiner Seite, sondern wohl auch die afrikanische Konföderation CAF, den stimmenstärksten Kontinentalverband. Mit der CAF hatte Salmans AFC in den Monaten vor der Wahl noch schnell eine "Kooperation" vereinbart. Wobei klar sein dürfte, wer hier finanziell die Geber und wer die Nehmer sein werden – und dass die Zuwendungen aus Asien möglicherweise mit Voten bei der Fifa-Wahl zurückzuzahlen sind.

Zudem erheben Menschenrechtler schwere Anschuldigungen gegen den Scheich. Salman ist ein Mitglied jener Herrscherfamilie in Bahrain, die während des Arabischen Frühlings 2011 Proteste blutig niederschlagen ließ. Salman, der damalige Chef des bahrainischen Fußballverbands, steht im Verdacht, Regimekritiker unter den Spielern identifiziert und der Staatsmacht gemeldet zu haben. Tatsächlich hat es wohl Denunzianten im Verband gegeben, aber ob Salman beteiligt war, konnten Ermittler im Auftrag der Fifa bislang nicht klären. Salman streitet jede Beteiligung ab; die Vorwürfe bezeichnet er als "schäbig".

Fifa in schwerster Krise seit Gründung vor über 100 Jahren

Der Schweizer Strafrechtsprofessor Mark Pieth kennt sich aus im Inneren der Fifa. Er war 2011 bis 2013 mit der Erarbeitung von Reformvorschlägen beauftragt. Pieth sagt: "Die Fifa steuert gerade in die nächste Krise. Wir brauchen einen Aufschrei. Salman kann nicht ernsthaft die Symbolfigur für die Erneuerung sein."

Der Weltverband macht im Moment die schwerste Zeit seit seiner Gründung vor 112 Jahren durch. Präsident Blatter wurde 2015 wegen des Verdachts auf "ungetreue Geschäftsbesorgung" zunächst für 90 Tage, dann für acht Jahre suspendiert, ebenso Michel Platini, Chef des europäischen Verbands Uefa, der Blatters Erbe antreten wollte. Außerdem ließ die US-amerikanische Justiz im Mai vergangenen Jahres im Zuge der Rechtshilfe sieben Fifa-Funktionäre im Schweizer Luxushotel "Baur au Lac" wegen des Verdachts der Bestechlichkeit verhaften. Im Dezember, kurz vor Beginn einer Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees, nahm die Züricher Kantonspolizei zwei Vizepräsidenten in Gewahrsam.

Diese Bilder gingen um die Welt: Fußballfunktionäre abgeführt im Morgengrauen, nur mit Bettlaken vor den Blicken der Öffentlichkeit geschützt.

Auf dem außerordentlichen Kongress im Züricher Hallenstadion soll kommende Woche die Wende eingeläutet werden. Neben der Wahl eines neuen Präsidenten steht auch ein Reformpaket zur Abstimmung. Wichtigste Neuerungen: Das allmächtige Exekutivkomitee wird abgeschafft und durch ein sogenanntes Council ersetzt, dem künftig mindestens sechs Frauen angehören. Das Council ist eine Art Aufsichtsrat, der Fifa-Chef nimmt künftig eher repräsentative Aufgaben wahr. Die Geschäfte des Verbands sollen vom Generalsekretär und den Fifa-Direktoren geführt werden. Schon beschlossen ist zudem, dass die Vergabe der Weltmeisterschaften künftig nicht mehr in kleinen Zirkeln stattfindet, sondern in der Versammlung der 209 Nationalverbände zur Abstimmung kommt.

Der Bund der alten Männer

Sylvia Schenk ist dennoch skeptisch. Sie leitet die "Arbeitsgruppe Sport" bei Transparency International, einer NGO, die sich weltweit engagiert in der Korruptionsbekämpfung. "Es kommt darauf an, ob die neuen Strukturen konsequent umgesetzt werden" , sagt sie. "Und ob es einen kulturellen Wandel geben wird. Ohne ein neues Denken und Handeln bringt das mutigste Reformpapier nichts."

Seit mehr als 30 Jahren regiert ein Bund alter Männer den Weltfußball. Es war Sepp Blatter, der in den 80er Jahren die Chance in der TV-Vermarktung erkannte und die Fifa – zunächst als Generalsekretär – zielstrebig zu einer milliardenschweren Unternehmung machte. Übertragungsrechte kosteten bald Hunderte Millionen Dollar. Korruption und Vetternwirtschaft beherrschen seitdem die Fifa. Erst 2002 führte der Verband überhaupt eine Buchprüfung ein. Ob die Millionen, die regelmäßig an die Nationalverbände verteilt werden, ihren angegebenen Verwendungszweck erreichen, kann nur in einzelnen Fällen nachvollzogen werden.

Mit der Pleite der Schweizer Sportrechte-Vermarktungsfirma ISL im Jahr 2001, die eng mit der Fifa verwoben war, wurde das Ausmaß der Korruption erstmals deutlich. 138 Millionen Schweizer Franken waren damals an Schmiergeldern an Sportfunktionäre und in dunkle Kanäle geflossen. Dennoch wurde der Fall nie vollständig aufgeklärt oder gar geahndet: Die Annahme von Bestechungsgeldern war nach Schweizer Recht nicht strafbar. Und die Fifa blockierte die Ermittlungen wegen Untreue. Die Sache endete mit einem Vergleich. Ein Ethik-Kodex existierte damals noch nicht. So verstießen korrupte Funktionäre nicht mal gegen internes Reglement.

"Fifa funktioniert als privater Geldverteilapparat"

Den immensen Reichtum nutzt die Fifa-Führungsspitze bis heute, um sich Nationalverbände gefällig zu machen – und das recht unverhohlen. Unter dem Deckmantel der Fußball-Entwicklungshilfe durfte sich mancher Miniverband vor Präsidentschaftswahlen über eine großzügige Bezuschussung freuen. "Die Fifa funktioniert bislang als privater Geldverteilapparat", sagt der Korruptionsexperte Pieth.

Gianni Infantino, Kandidat der Europäer auf den Fifa-Thron

Er ist der Kandidat der Europäer für den Fifa-Chefposten: der Schweizer Gianni Infantino, derzeit Generalsekretär der Uefa


Mit dem Geschacher um Stimmen und Pfründen soll es nun bald vorbei sein – zumindest, wenn man Reformern innerhalb der Fifa glaubt. Doch die alten Kräfte dort arbeiten bereits geschickt gegen die Neuerungen an. So etwa bei der Begrenzung der Amtszeit des Spitzenpersonals. Erstmals schreiben die neuen Statuten für die Besetzung von Top-Positionen in der Fifa eine maximale Amtsdauer von zwölf Jahren fest – das entspricht drei Wahlperioden. So sollen alte Seilschaften gekappt werden.

So weit die Theorie. In der Praxis rückt das amtierende Exekutivkomitee, zu dem auch der zwielichtige kommissarische Fifa-Chef Issa Hayatou aus Kamerun gehört, geschlossen in das neu geschaffene Council ein. Das Limit gilt erst für künftige Amtszeiten. Wer schon jetzt einen Posten einnimmt, könnte ihn lange behalten.

Offenes Rennen um Fifa-Chefposten

Der Kampf um die Präsidentschaft läuft ebenfalls nach einem alten, zweifelhaften Muster ab: Während Scheich Salman die Afrikaner umgarnt, ködert sein Hauptwidersacher, der Schweizer Gianni Infantino, die Karibikverbände. Infantino ist derzeit Generalsekretär der Uefa, ein Apparatschik, der zuvor Michel Platini diente. Er hat sich für seine Fifa-Werbetour 500.000 Euro aus der Uefa-Verbandskasse genehmigt.

Zuletzt wurde der rührige Schweizer in Teheran gesichtet. Warum ausgerechnet im Iran? Auch dahinter steckt Kalkül. Seit bei den Protesten 2011 in Bahrain vor allem Schiiten unter den Opfern waren, ist der Ajatollah nicht gut auf das sunnitische Königshaus und damit auch nicht auf Salman zu sprechen. Da kann ein Europäer wie Infantino vielleicht punkten.

Noch ist das Rennen um die Fifa-Herrschaft nicht entschieden. Möglich erscheint auch, dass sich die beiden Favoriten auf den letzten Metern noch verbünden. So könnten sie die Spitzenposten unter sich aufteilen: Der Bahrainer rückte auf den Fifa-Thron, der Schweizer auf den Chefsessel des Generalsekretärs. Und beide wären gut bedient.

Findet auch Scheich Salman, der bereits angekündigt hat, das Tagesgeschäft gern seinem Konkurrenten überlassen zu wollen.

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