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Kommentar

Beckenbauers angebliche Ahnungslosigkeit wird immer mehr zur Farce

Eindeutige Beweise für einen Stimmenkauf bleibt der Ermittlungsbericht zur WM-Affäre schuldig. Schwer belastet wird jedoch Franz Beckenbauer. Dass dieser sich an nichts erinnern will, wird immer unglaubwürdiger.

Franz Beckenbauer (r.) und Mohamed bin Hammam im Juli 2000

Franz Beckenbauer (r.) und Mohamed bin Hammam im Juli 2000

"Wir haben keinen Beweis für einen Stimmenkauf gefunden, können diesen aber auch nicht ausschließen." Das ist der zentrale Satz im Ermittlungsbericht zur Vergabe der WM 2006 der vom DFB beauftragten Anwaltskanzlei Freshfields. Das über 300 Seiten starke Papier wirft unterm Strich mehr Fragen auf, als es beantwortet und belastet vor allem einen: Franz Beckenbauer. Der ehemalige Präsident des WM-Organisationskomitees taucht an gleich mehreren Stellen auf. Sogar ein Privatkonto von ihm und seinem Berater ist in einen dubiosen Zahlungsverkehr verwickelt, der über eine Schweizer Anwaltsfirma - und teilweise über ein Privatkonto eines der Eigentümer dort - zum korrupten katarischen Fifa-Funktionär Mohamed bin Hammam führt. Bin Hammam soll bei der Abstimmung für Deutschland gestimmt haben und wurde mittlerweile wegen Korruptionsvorwürfen lebenslang gesperrt.

Das Ausmaß der Verstrickung Beckenbauers in die WM-Affäre erscheint damit im neuen Licht. Umso unglaubwürdiger wird so seine Haltung, sich an nichts erinnern zu können. Kann jemand eine so zentrale Rolle bei offensichtlich dubiosen Geschäften spielen und nur wenige Jahre später von all dem nichts mehr wissen? Sein Anwalt ließ verlauten, dass Beckenbauer nach dem Freshfields-Bericht überrascht war "über die gewonnenen Erkenntnisse, die aber seine bisherige Erinnerung durchaus zutreffend ergänzen." Mein Name ist Franz, ich weiß von nichts. Bereits beim ersten Aufkommen der Vorwürfe berief sich Beckenbauer stets auf seine Erinnerungslücken. Außerdem habe er ja ohnehin einfach alles unterschrieben, wie die Fußball-Legende mehrfach zu Protokoll gab.

Der dubiose Zahlungsverkehr laut Freshfields-Bericht

Im Mai/Juni 2002 werden in vier Tranchen rund sechs Millionen Schweizer Franken von einem Konto von Beckenbauer und Schwan an das Schweizer Advokatbüro Gabriel & Müller (teilweise auf das Privatkonto eines der Eigentümer) überwiesen. Dort werden diese an eine katarische Firma weitergeleitet, dessen alleiniger Eigentümer der stimmberechtigte Fifa-Funktionär Mohamed bin Hammam ist (mittlerweile wegen Korruption lebenslang gesperrt).

Im August überweist der ehemalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus zehn Millionen Schweizer Franken an besagtes Advokatbüro. Vier Millionen fließen als "Restrate" nach Katar, knapp sechs Millionen zurück auf das Beckenbauer-Schwan-Konto.

Im April 2005 überweist der DFB 6,7 Millionen Euro unter falscher Deklarierung auf ein Fifa-Konto. Am selben Tag geht die Summe von dort weiter auf das Konto von Robert Louis-Dreyfus, das seit 2002 im Minus war und offenbar ausschließlich für besagte eine Überweisung ins Leben gerufen und genutzt wurde. Das Konto trägt neben einer Nummer und dem Namen von Louis-Dreyfus das Kürzel "F.B.".


Allein der Geldfluss wirkt aber überaus suspekt. Das Kürzel "F.B." in der Bezeichnung eines Kontos von Louis-Dreyfus sorgt darüber hinaus für mehr als nur leichte Skepsis. Und warum verschleierte der DFB 2005 den wahren Verwendungszweck des Geldes, wenn nicht, um damit illegale Aktivitäten zu verbergen?

Allerdings muss auch klar gesagt werden: All diese Zahlungen finden zwischen 2002 und 2005 statt, also Jahre nach der Entscheidung, die bereits im Juli 2000 zu Gunsten Deutschlands fiel. Sollten also Stimmen gekauft worden sein, dann war dieses Geld höchstens eine nachträgliche Rückzahlung dafür. Dafür gibt es aber keine Beweise. 

Beckenbauer-Warner-Deal weiter ein Rätsel

Ein großes Rätsel bleibt auch der von Franz Beckenbauer vier Tage vor der Vergabe unterzeichnete Vertrag mit dem skandalumwobenen ehemaligen Verbandschef für Mittel- und Nordamerika, Jack Warner. Darin werden diesem unter anderem Ticketkontingente für die WM 2006 zugesichert. Obwohl die Vereinbarung formal nie in Kraft trat, wurden Teile der versprochenen Leistungen offenbar vom DFB erbracht. Allerdings ist davon auszugehen, dass Warner gar nicht für Deutschland stimmte. Entsprechend mysteriös bleibt dieser Vertrag.

Licht in dieses Dunkel könnte, ja muss(!) die zentrale Figur selbst bringen. Betrachtet man aber seinen Umgang mit den ersten Vorwürfen vom vergangenen Herbst, wäre die Hoffnung auf Aufklärung eine mehr als optimistische.

Warum sollte er sich auch äußern? Mit der Masche des ahnungslosen WM-Onkels kommt er offenbar durch. Justiziabel sind die Vorwürfe ob der Verjährungsfristen wohl ohnehin nicht mehr - und der Bezahlsender "Sky" lässt ihn nach einem kurzen Reinwasch-Interview weiter regelmäßig über Fußball schwadronieren. Zweifelsfrei beweisen lassen sich die Vorwürfe schließlich nicht. Nur: Bei einem so dubiosen Zahlungsverkehr - teilweise von einem Konto Beckenbauers - an dessen Ende eine der korruptesten Personen in der Geschichte der Fifa steht, die zudem an der WM-Vergabe beteiligt war, kann man sagen: Wenn es läuft wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es höchstwahrscheinlich - eine verdammte Ente.

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