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Immer schön locker bleiben

Peinliche Reporter-Fragen, ein verpatzter TV-Spot und hysterische Kritik an der Bundeskanzlerin, die lieber im Urlaub weilt: Der Umgang mit Frauenfußball ist hierzulande nach wie vor krampfig.

Von Carsten Heidböhmer

  Respekt und Begeisterung: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach feiert mit der deutschen Torhüterin Nadine Angerer den EM-Titel.

Respekt und Begeisterung: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach feiert mit der deutschen Torhüterin Nadine Angerer den EM-Titel.

Wer als Mann auf einer Party Frauen ansprechen möchte, sollte eine einfache Grundregel beherrschen: Alter und Gewicht sind tabu. Die meisten Menschen beherrschen diese Umgangsformen. Nicht so ARD-Reporter Nick Golüke, der die ersten Interviews nach dem Abpfiff des EM-Finales führen durfte.

Deutschlands Frauen feierten den Europameister-Titel. Torfrau Nadine Angerer hat zwei Elfmeter gehalten. Was fragt man eine Heldin, die gerade Übermenschliches geleistet hat. Möglichkeiten gibt es viele. Golüke spricht die Titanin auf das Gewicht an.

Golüke: "Nadine, sechs Kilo abgenommen hat Bernd Schmelzer gerade gesagt, aber ich glaub, ein paar Kilo sind heut noch dazugekommen."
Angerer: "Wie?"
Golüke: "Abgenommen."
Angerer: "Stimmt ja so nicht. Ich habe nur mein Training umgestellt."

Na gut, es kann nicht immer gleich bei der ersten Frau klappen. Also wendet sich Golüke der Mittelfeldspielerin Lena Lotzen zu: "Lena, eigentlich erst 19. Aber fühlen sie sich heut ein bisschen wie 25?"

Die Bayern zogen gegen die Fußball-Frauen den Kürzeren

Fettnäpfe wie diese zeigen: Das Verhältnis der Deutschen zum Frauen-Fußball ist nach wie vor verkrampft. Während bei den Männern alle Fragen geklärt sind, ob ein Länderspiel wichtig ist (sehr), welche Spiele übertragen werden sollen (alle) und ob Spitzenpolitiker zu wichtigen Partien einfliegen sollen (unbedingt), herrscht bei der Frauen-Elf nach wie vor Unsicherheit über die Bedeutung dieser Sportart.

Das wurde erst jüngst wieder offenbar, als der FC Bayern ein Freundschaftsspiel gegen den FC Barcelona auf einen Abend terminierte, an dem das erste Halbfinale der Fußball-EM der Frauen angesetzt war. Diese Ignoranz wurde bestraft: Weil die deutsche Elf das Halbfinale erreichte, verbannte das ZDF die Bayern in den Vorabend. Eine völlig nachvollziehbare Entscheidung: Schließlich steht ein EM-Halbfinale deutlich höher im Kurs als das Testspiel einer Vereinsmannschaft - selbst wenn es sich bei ersterem um Frauenfußball handelt.

Ansonsten ist die Frage schon schwieriger: Während die deutsche Bundeskanzlerin selbstverständlich zu wichtigen Spielen der Löw-Truppe fährt, hat sie ihren Urlaub für das Finalspiel der Frauen nicht unterbrochen. Eine Entscheidung, für die Angela Merkel in den sozialen Netzwerken heftig gerüffelt wurde.

Die Frauen-Bundesliga hat im Schnitt 890 Zuschauer

Die ganze Diskussion scheint etwas verquer: Wenn Sebastian Vettel ein Formel-1-Rennen fährt, wenn Deutschlands Hand-, Basket- oder Volleyballer (Männer wie Frauen) spielen, schreit niemand nach der Kanzlerin. Und auch Sabine Lisicki musste bei ihrem Wimbledon-Finale ohne den Beistand politischer Vertreter des Landes auskommen. Warum in Gottes Namen sollte dann ausgerechnet das Finale von Stockholm für Angela Merkel ein Pflichttermin sein?

Was der schrillen Diskussion um den Frauenfußball wirklich gut tun würde, wäre ein Stück mehr Normalität. Normalität, wie sie das ZDF bereits bei der Entscheidung pro EM-Halbfinale und kontra Bayern bewiesen hat. Oder auch die ARD, wenn sie ganz selbstverständlich das Champions-League-Finale der Frauen live überträgt. Und - jede Wette - auch die EM-Heldinnen von Stockholm wünschen sich vermutlich nichts lieber, als dass sie nach dem Spiel ganz normal nach ihrer sportlichen Leistung befragt werden, anstatt Auskunft geben zu müssen über Alter, Gewicht oder sexuelle Vorlieben.

Zur Normalität gehört aber auch, dass der Männer-Fußball nun mal eine Sonderrolle einnimmt. Er ist die wichtigste Sportart des Landes - mit Abstand. Woche für Woche spielen die Bundesligaklubs vor ausverkauften Stadien, allein in Dortmund kommen regelmäßig 80.000 Zuschauer pro Spiel. Die Spiele der Zwölf Damen-Bundesligisten schauten sich in der zurückliegenden Saison dagegen im Schnitt 890 (!) Zuschauer an. Selbst die Dritte Liga der Männer hat ein Vielfaches an Publikum, in der vergangenen Saison waren es durchschnittlich 6162 zahlende Gäste.

Angesichts dieser Resonanz kann niemand verlangen, dass Finalspiele der Frauen für Angela Merkel ein Pflichttermin sind. Eine Sonderbehandlung oder Förderung des Frauenfußballs gehört jedenfalls nicht zu den Aufgaben der deutschen Kanzlerin.

Angemessen gewürdigt wurde die Leistung der Frauen der DFB. Obwohl er noch am Samstagabend beim Supercup in Dortmund weilte, flog Präsident Wolfgang Niersbach am Sonntag nach Schweden. Dort verfolgte er zunächst die Partie, und zeigte sich anschließend auf der Feier in Topform. Ganz nebenbei ereilte der gelernte Journalist der ARD noch eine Lehrstunde, wie man mit weiblichen Champions umgeht: Er simulierte ein Interview für das "DFB-Radio" mit Matchwinnerin Nadine Angerer. Es soll sehr lustig gewesen sein.

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