Wie Schultheater mit Ball und Brüsten

11. Juli 2011, 18:13 Uhr

Wohlmeinend, gönnerhaft, unkritisch: Das ZDF berichtet über Frauenfußball, als spielten Gehandicapte, deren Leistungen man nicht kritisieren dürfe. Das hat mit Gleichbehandlung nichts zu tun. Eine TV-Bilanz von Carsten Heidböhmer

Frauenfußball-WM, Deutschland, Japan, Kim Kulig, Viertelfinale, Silvia Neid

"Absehbar war das ganz sicher nicht": ZDF-Expertin Silke Rottenberg und Moderator Sven Voss waren wohl die einzigen, die vom WM-Aus der Deutschen überrascht wurden©

Vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft gab es mächtig Aufregung: Der Formel-1-Pilot Nico Rosberg soll Frauenfußball mit den Paralympics verglichen haben. Das hat er zwar so gar nicht gesagt, aber die Empörung war trotzdem groß: Welch eine Beleidigung, die Leistung unserer Frauen mit behinderten Sportlern gleichzusetzen!

Doch nach zwei Wochen WM-Berichterstattung im Fernsehen drängt sich der Verdacht auf, dass das ZDF über Frauenfußball berichtet, als handele es sich um Sportler, die aus biologischen Gründen nicht ihre Bestleistungen bringen können und über die man deshalb nur positiv berichten dürfe.

Kaum eine kritische Bemerkung

Überdeutlich wurde das nach dem deutschen Ausscheiden im Viertelfinale gegen Japan. Es war der traurige Schlusspunkt eines desolaten Turniers, bei dem Deutschland bestenfalls ein Spiel lang überzeugen konnte - manche sagen: nur eine Halbzeit lang.

Aber das sagte beim ZDF niemand. Gleich Eltern, die noch die missratene Theaterdarbietung ihrer Kinder beklatschen, "weil die Kleinen sich ja so viel Mühe gegeben haben", gab es kaum eine kritische Bemerkung. Während der 120 Minuten gegen Japan fand Kommentator Norbert Galeske überwiegend warme Worte für das kopflose Anrennen der Deutschen gegen eine gut organisierte japanische Mannschaft. Bei so viel Selbstbenebelung ist es kein Wunder, dass Moderator Sven Voss und Expertin Silke Rottenberg nach dem Abpfiff aus allen Wolke fielen. "Absehbar war die Niederlage ganz sicher nicht", stammelte Rottenberg sichtlich geschockt in ihr Mikrofon. Wer die vorangegangene Partie sowie die ersten beiden Vorrundenspiele Deutschlands verpasst hat, wird sich tatsächlich über das Resultat gewundert haben. Aber wozu leistet sich das ZDF eine "Expertin", wenn sie das Offensichtliche nicht kommen sieht?

Salbungsvoller Ton

Wie sehr die Verklärung den kritischen Geist benebelt hat, war in den Interviews danach zu erkennen: Katrin Müller-Hohenstein sprach mit Bundestrainerin Silvia Neid in einem salbungsvollen Ton, als gelte es zu kondolieren und nicht die Fragen zu stellen, die die TV-Nation bewegen. Die Trainerin wurde in dem Gespräch als hilfloses Opfer einer unvorhersehbaren und grausamen Sportart dargestellt: "Wie viele Möglichkeiten gibt's dann, von außen die Spielerinnen zu erreichen?", fragte KMH voller Mitgefühl. Dass die Trainerin immerhin die Mannschaft aufstellt, die Taktik bestimmt und auch über Einwechselungen ins Spiel eingreifen kann - die Idee kam der ZDF-Journalistin offenbar nicht.

So hätte Silvia Neid zum Beispiel die deutsche Rekordnationalspielerin Birgit Prinz aufstellen können, die 120 Minuten auf der Bank schmoren musste. Warum hat sie die kopfballstarke Stürmerin gegen die kleinen Japanerinnen nicht gebracht? Der Zuschauer wird es nie erfahren. Denn anstatt genau das zu fragen, hatte Müller-Hohenstein schon wieder auf den Mitleid-Modus umgeschaltet: "Für Birgit Prinz hat die Karriere ein jähes Ende gefunden. Das ist schon auch bitter." Da zeigte dann auch die Bundestainerin ihr gutes Herz und bestätigte: "Das ist schon sehr bitter." Dass sie aber an dem traurigen Karriereende dieser Vorzeigeathletin maßgeblich beteiligt ist, konnte gar nicht mehr angesprochen werden. Denn schon flötete KMH: "Ich möcht ihnen trotzdem sagen, dass sie sich hier ganz toll präsentiert haben, super sympathisch, und dass die Zeit mit ihnen einfach wirklich klasse war."

"Da waren Sie machtlos"

Einfach wirklich Klasse auch das anschließende Interview mit Torfrau Nadine Angerer. Zunächst redete Müller-Hohenstein die Vorrunde schön, ("Es gab zwei Siege, die, naja, relativ hart erkämpft waren"), dann verpasste sie es, Angerers Rolle in der spielentscheidenden Szene anzusprechen. Dass die Torfrau beim japanischen Siegtreffer keine gute Figur machte - vielleicht hätte sie das ja selbst eingestanden. Doch mit dieser Verantwortung durfte man die zweifache Weltmeisterin offenbar nicht konfrontieren. Bevor sich Angerer äußern konnte, erteilte ihr Müller-Hohenstein Absolution: "Da waren Sie machtlos." Die Torfrau selbst gestand nach Ansicht der Fernsehbilder: "Ich seh grad: Das mache ich nicht gut." Dieses Eingeständnis ging im weiteren Geplänkel aber komplett unter.

Bei so viel Wohlwollen wird dann schon mal das Selbstverständliche als Leistung angerechnet. In der Halbzeitanalyse lobte Moderator Sven Voss: "Kim Kulig musste früh raus, aber das deutsche Team spielte trotzdem weiter." Dass die deutsche Elf nicht nach drei Minuten den Spielbetrieb eingestellt hat - das ist schon ein Sonderlob wert.

Nun soll nicht behauptet werden, dass der Sportjournalismus bei den Fußballern immer unbestechlich und kritisch ist. Doch ein Herren-Bundestrainer, der im Viertelfinale einer WM ausscheidet, wird von den Journalisten "gegrillt". Erinnert man sich an das mediale Trommelfeuer, durch das Bundestrainer Berti Vogts bei den WM-Viertelfinal-Niederlagen 1994 und 1998 gehen musste, wird deutlich, wie sehr hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Das ist ungerecht - und zwar den Frauen gegenüber. Denn sie haben das Recht und den Anspruch auf Gleichbehandlung.

Doch anstelle kritischer Aufbereitung galt für das komplette ZDF-WM-Team, was Kommentator Galeske eigentlich nur auf die verletzte Kim Kulig bezogen hatte: "Jetzt ist Trösten gefragt."

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