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Darum hat Deutschland (nicht) das Zeug zum Titel

Zwei Klassiker als Testspiele, als nächstes folgt die Nominierung der Spieler für die EM. Viele Gelegenheiten haben die Weltmeister nicht mehr, sich für das Turnier in Frankreich fit zu machen. Sind Jogis Jungs bereit für den nächsten Titel? Es gibt echte Zweifel, aber auch Hoffnung.

Die Nationalspieler Thomas Müller, Jonas Hector und Julian Draxler bejubeln im weißen Trikot ein Tor

So soll es auch in Frankreich werden: Müller, Hector und Draxler bejubeln einen Tor gegen Italien

Das also waren die Test-Klassiker: 2:3 gegen starke Engländer, 4:1 gegen schwache Italiener. In beiden Fällen wären die Partien unter Wettbewerbsbedingungen sicherlich anders gelaufen. Die vergangenen Tage waren für Coach Jogi Löw die letzte Gelegenheit, die Nationalkicker um sich zu scharen. Und für die Spieler war es die letzte Chance, im Kreis der Nationalelf auf sich aufmerksam zu machen. Denn der nächste wichtige Termin ist der 17. Mai. Dann wird schon der vorläufige Kader für die EM nominiert.

Ist die Nationalmannschaft bereit für das Turnier in Frankreich (10. Juni - 10. Juli)? Ist sie gar reif für den Titel? Oder hat sich an der zu Beginn des Jahres geäußerten Einschätzung von Sami Khedira, "in unserer aktuellen Verfassung hätten wir keine Chance", im wesentlichen nichts geändert? Eine Bestandsaufnahme nach den letzten großen Tests.

Was macht Sorgen?

Die Bilanz seit dem WM-Titel. So hell der vierte Stern nach dem vierten WM-Titel und den begeisternden Spielen in Brasilien auch strahlte, so schnell ist der Glanz verblasst. Seit dem Finale am 13. Juli 2014 hat sich "die Mannschaft" kaum einmal weltmeisterlich gezeigt. Die Bilanz ist mit 8 Siegen und 6 Niederlagen bei 2 Unentschieden selten schlecht. Auch in der EM-Qualifikation tat sich der Weltmeister so schwer wie nie. Erstmals wurden zwei Spiele verloren: die Niederlage gegen Polen (0:2)  war die erste gegen das Nachbarland überhaupt, gegen Irland (0:1) ging erstmals ein Pflichtspiel verloren. Zudem verbuchte man die bisher höchste Niederlage gegen Argentinien (2:4).

Die Abwehr. Eigentlich müsste Löw Philipp Lahm und Per Mertesacker auf Knien bitten, dass die beiden wieder einsteigen. Vor allem durch den Rücktritt Lahms - nach wie vor einer der besten Außenverteidiger der Welt - ist die Stabilität der Defensive verloren gegangen. Die Lücken konnten bisher nicht geschlossen werden. 23 Gegentore in 17 Spielen - 1,36 pro Spiel - sind deutlich zuviel, um Titel-Ambitionen zu hegen. Zumal man - mit Ausnahme des 1:0 gegen Spanien - nur gegen Gibraltar und Georgien ohne Gegentor blieb. Dass auf der Sechser-Position Löws Lieblings-"Leader" Bastian Schweinsteiger ständig verletzt und für die EM noch fraglich ist, macht die Sache nicht einfacher.

Die Einstellung. Es ist nicht das erste Mal, dass die hochbegabte Truppe den Eindruck erweckt, nicht immer ganz bei der Sache zu sein. Dass dies bei Testspielen so ist, hat Thomas Müller nach dem 2:3 gegen England selbst zugegeben (die häufigen Niederlagen belegen das ohnehin). In der EM-Quali hatte man den Eindruck, dass der letzte Wille nun auch bei Pflichtspielen bisweilen fehlt. Bei der EM können sich Neuer, Müller, Hummels und Co. das nicht leisten. Schon bei der letzten EM in Polen und der Ukraine war dies ein Grund, dass man den möglichen Titel verpasste - zusammen mit dem Umstand, dass Löw das Halbfinale gegen Italien (1:2) vercoachte.

Italien. Apropos Squadra azzura. Der erste Sieg nach über 20 Jahren gegen die Italiener spielt keine Rolle. Es war ein Freundschaftsspiel. Wann immer die deutsche Elf einen Titel einfuhr, konnte sie in den K.o.-Spielen dem Angstgegner aus dem Wege gehen. Ansonsten war Italien bei EM und WM stets Endstation. Nie konnte die DFB-Auswahl bisher bei einem großen Turnier gegen die Blau-Weißen gewinnen. Beim nicht unwahrscheinlichen Fall, dass beide in Frankreich ihre Vorrundengruppen gewinnen, droht schon im Viertelfinale das Aufeinandertreffen der beiden erfolgreichsten Fußball-Nationen Europas. Erst dann gilt es. 

Was macht Hoffnung?

Die Offensive. Ob Götze, Gomez, Kruse oder gar kein Stürmer - was soll's. In Sturm und offensiven Mittelfeld gibt es so viele erstklassige Alternativen, dass jede andere Fußball-Nation neidisch wird. In Frankreich werden, anders als bei der WM, voraussichtlich auch noch die beiden Dortmunder Marco Reus und Ilkay Gündogan bereit sein - noch mehr Möglichkeit, noch mehr Alternativen, noch weniger Sorgen wegen schwächelnder oder verletzter Stars wie Schweinsteiger, Schürrle oder Podolski. Diese Offensive ist sogar so stark, dass sie manchen Patzer der Abwehr ausgleich kann - wenn sie Schwächen in der Chancenauswertung ablegt.

Die Torhüter. Mit Manuel Neuer verfügt die Nationalelf über einen Torhüter, der notfalls ein Spiel allein retten kann. Wer erinnert sich nicht an das WM-Spiel gegen Algerien, als der Bayern-Keeper gefühlt allein verteidigte und damit den Weg zum Titel bahnte. Wahrlich Weltklasse. Doch selbst wenn Neuer einmal ausfallen sollte, gibt es keinen Grund zur Sorge. Marc-André ter Stegen (FC Barcelona) und Kevin Trapp (Paris St. Germain) sind Stammgäste in der Champions League. Ob Bernd Leno, Ron-Robert Zieler oder Ralf Fährmann - jeder der deutschen Top-Keeper hätte in anderen Teams den Stammplatz im Kasten.

Löws Händchen für Spieler. Es ist eine Spezialität von Jogi Löw. Mehr als alle seine Vorgänger setzt der Badener auf Spieler, von denen er überzeugt ist. Und zwar auch dann, wenn sie einen Karriereknick haben oder nach langer Verletzung noch nicht ganz fit sind. Im Moment profitiert davon Mario Götze, früher war es beispielsweise Lukas Podolski. Nicht jeder hätte den lange verletzten und noch nicht fitten Sami Khedira mit zur WM genommen, in Brasilien aber fand der Neu-Turiner nicht nur zu alter Stärke, sondern wurde sogar zur Führungspersönlichkeit (hoffentlich wird der verletzte Jerome Boateng in Frankreich ähnlich auftrumpfen). Viele Spieler entfalten im Kreis der Nationalelf erst ihre ganze Stärke. Das darf man auch für die EM erhoffen.

Die (Turnier-)Mannschaft. Dieser Punkt darf bei keiner Turnier-Einschätzung fehlen - und er stimmt ja auch. Ohne die schon sprichwörtliche Fähigkeit, im Turnierverlauf als Mannschaft zusammen zu wachsen und sich zu steigern, wäre so mancher umjubelte Titel unmöglich geblieben. Das Meisterstück in dieser Hinsicht ist sicherlich das unvergessene 7:1 gegen Brasilien im WM-Halbfinale. Wenn Löw und sein Stab "die Mannschaft" auch nur in die Nähe dieser Klasse bringen, werden wir wieder viel Freude an ihr haben.

Fazit

Und was bedeutet das nun alles? Gilt die alte Fußball-Weisheit, dass der Sturm Spiele gewinnt, ganze Turniere aber die Abwehr, dann hat Deutschland aktuell keine Chance auf den Titel. Aber: Bis zum ersten Spiel gegen die Ukraine (12. Juni) sind noch mehr als zwei Monate Zeit. Zeit, die die Weltmeister Jerome Boateng, Benedikt Höwedes und Bastian Schweinsteiger nutzen können, um wieder fit zu werden. Zeit, in der Löw und sein Stab mit der Defensive und der gesamten Mannschaft arbeiten, das Team zusammenschweißen werden. Wird die Gegentorflut eingedämmt - und damit steht und fällt alles -, ist dem DFB-Team wieder alles zuzutrauen, denn die Offensive ist und bleibt die wohl beste der Welt. Und bei aller Kritik am deutschen Team: Ob Gastgeber Frankreich oder Geheimtipp Belgien, ob Spanien, Italien oder das erstarkte England - sie haben alle ihre Probleme. Den einen, herausragenden EM-Favoriten gibt es nicht. Wer den Titel gewinnen will, wird aber die Elf von Jogi Löw schlagen müssen.

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