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Verzicht scheint keine Lösung

Die deutsche Nationalmannschaft kombiniert sich weiter durch ihre Pflichttermine. Nach dem 4:1 gegen Kasachstan kommt nun ein Luxusproblem auf Joachim Löw zu.

Von Mathias Schneider, Nürnberg

  Vier Tore durch das Dortmunder Trio: Ilkay Gündogan (l.), Marco Reus (m.) und Mario Götze zeigen sich bei Minusgraden in Nürnberg treffsicher.

Vier Tore durch das Dortmunder Trio: Ilkay Gündogan (l.), Marco Reus (m.) und Mario Götze zeigen sich bei Minusgraden in Nürnberg treffsicher.

  • Mathias Schneider

Philipp Lahm trug schon mal seine Jeans zur offiziellen Trainingsjacke der deutschen Nationalmannschaft, als er um 23 Uhr auf das Podium der Pressekonferenz trat, man musste das schon als deutliches Zeichen werten, sich zu sputen. Kasachstan? Schien 25 Minuten nach Spielende bereits ein halbes Leben zurückzuliegen.

Draußen in der Mixed-Zone des Nürnberger Frankenstadions beantwortete Lahms Bayern-Kollege Jerome Boateng bereits Fragen zum nächsten Champions League-Gegner Juventus Turin ("sehr gute Mannschaft, kann aber nur einen Sieger geben, wenn wir unsere Leistung bringen"), niemand mochte sich länger als nötig mit den Pflichten aufhalten, die hinter ihnen lagen. Wichtige Alltagsverpflichtungen in Champions League und Liga werfen ihre Schatten voraus. Was sollte man als Kapitän dieser Nationalmannschaft auch groß bilanzieren nach einem Halbjahr, das unspektakulärer kaum hätte verlaufen können. "Bis jetzt ist ja noch nicht so viel passiert", brachte Lahm schließlich vor. In Frankreich 2:1 gewonnen, das hatte schon mal gut getan und endgültig den Post-EM-Blues gebannt, der sich zwischenzeitlich durch das 4:4 gegen Schweden nach 4:0-Führung chronisch festzusetzen drohte.

Furioser Kurzpassfußball

Dann war da noch das 3:0 im Hinspiel dieser WM-Qualifikation am Freitag gegen Kasachstan, ein Land, das im europäischen Fußball verortet ist und - Achtung, jetzt kommt's - die Volksrepublik China einen Anrainer nennt. Souverän war die Elf damit in der WM-Qualifikation ihren Verpflichtungen nachgekommen, sie führt jetzt die Gruppe standesgemäß an.

Und irgendwie hatte dieses 4:1 von Nürnberg kurz zuvor ja ohnehin alle Antworten in einem unsichtbaren Beipackzettel gleich mitgeliefert. Auch deshalb tat sich der Kapitän so schwer, Erhellendes zum finalen Teil eines unspektakulären Zweiteilers beizutragen.

Mit furiosem Kurzpassfußball hatten die wieseflinken Reus, Özil, Gündogan, Lahm oder Götze die tapferen Kasachen in der ersten Hälfte überzogen. Einmal mehr demonstrierte die Elf, welch hohe spielerische Potenz sie besitzt.

Götze brillant

Immer wieder wechselten sich Quer- und Vertikalpässe ab, durchsetzt von plötzlichen Spielverlagerungen. Man hätte bei Ansicht der 30 Minuten vor der Pause glauben können, der DFB drehe einen Lehrfilm für einen seiner Lehrpläne. Thema: Wie hebelt man einen engbeinigen Abwehrverbund aus. "Die Mannschaft schafft es immer wieder, dass sie in der ersten Halbzeit alles klar macht, lobte Lahm zu Recht.

Dass Schweinsteiger im Mittelfeld und die Stürmer Gomez und Klose fehlten, entnahm man nur der Verletztenliste. Der dynamische Gündogan kurbelte im Mittelfeld dermaßen gekonnt mit tausend kleinen Kurzpässen und eigenen Abschlüssen im Strafraum das Spiel an, dass der diesmal neben ihm aufgebotene Khedira in seiner eher großen Übersetzung schon wieder gefährlich old-school wirkte. Wo soll Löw aber mit Gündogan hin, wenn Schweinsteiger nach der Sperre zurückkehrt? Verzicht scheint keine Lösung.

Im Sturm, der ja streng ausgelegt diesmal ein groß angelegtes Mittelfeld war, schafften Götzes technische Brillanz auf engstem Raum Anspielsituationen, wo Gomez sonst in Erwartung zahlreicher Anspiele aus allen Richtungen im Strafraum wie ein mächtiger Monolith thront.

Pfiffe der eigenen Fans

So kombiniert sich diese Nationalelf weiterhin lautlos durch ihre Pflichttermine. Schön ist das anzuschauen, effektiv obendrein. Weiterhin ist die Elf mit ihrer Riege der Vorwärtsdenker noch immer anfällig für schnell und humorlos vorgetragenes Konterspiel und neuerdings auch gegen Standardsituationen. Doch die Gegnerschaft Ecuador und USA Ende Mai und Anfang Juni dürften kaum Kapital aus den Schwächen schlagen.

Selbst wenn die Deutschen dann ohne Manuel Neuer antreten müssen. Er spielt voraussichtlich mit seinen Bayern zur gleichen Zeit im Pokalfinale. Er wird die verordnete Länderspielpause verschmerzen können, denn in Nürnberg gab es neben den Ballstafetten der Techniker dann doch noch ein neues Phänomen zu besichtigen: Das Torwart-Bashing.

Bislang galt ja ein Naturgesetz in deutschen Fußballstadien, nach dem die Unruhe vom Feld auf die Tribüne überspringt. Nach zahlreichen Fehlpässen verdichten sich einige Pfiffe zu einem Pfeifkonzert gegen die eigene Elf. Als Strafe für die gezeigte Leistung. So weit, so akzeptiert von allen Seiten.

Neuers Entschuldigung

Dass mancher im Publikum dem eigenen (nur selten fehlbaren) Torwart aber beim Stand von 3:0 eine ungeschickte Ballannahme nicht verzieh, war neu. Hohn und Spott drangen fortan von den Rängen, wann immer Neuer in Nürnberg den Ball berührte.

Sarkastisch applaudierte mancher Fan fortan bei jeder simplen Ballannahme, als machte er sich einen Spaß daraus, die Längen der zweiten Halbzeit mit ein bisschen Fußball-Mobbing zu überbrücken. Der Anspruch, 90 Minuten mit feinster Fußballkost unterhalten zu werden, treibt mittlerweile sonderbare Blüten auf den Rängen.

Manuel Neuer hat sich nach dem Spiel dann noch öffentlich entschuldigt, gleich mehrmals, als habe er eine ganze Nation im Stich gelassen. „Das war die Initialzündung für eine schlechte zweite Halbzeit“, hat er gesagt. Er wollte Einsicht zeigen, er war peinlich berührt. Und peinlich ist das, was sich da abspielte, ja auch gewesen.

Hinter dem Zaun, wohlgemerkt.

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