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26. November 2009, 21:00 Uhr

Ärzte und Köche sollten offenbar Spieler "vergiften"

Im europaweiten Fußball-Wettskandal tauchen immer brisantere Vorwürfe auf: Nach Aussage des Rechtsanwalts eines Verdächtigen sollen Mannschaftsärzte und Köche angewiesen worden sein, einzelne Spieler für bestimmte Partien außer Gefecht zu setzen.

Wettskandal, Fußball, Wetten

Europaweiter Wettbetrug: Die Dimension des Skandals schockiert die Funktionäre© Philipp Guelland/DDP

Der europaweite Fußball-Wettskandal nimmt immer brisantere Ausmaße an. Nach Erkenntnissen der Ermittler solle es auch Einwirkungen auf Mannschaftsärzte und Köche von Luxushotels gegeben haben, sagte Rechtsanwalt Burkhard Benecken nach Einsicht in die Ermittlungsunterlagen seines Mandanten Deniz C. der Deutschen Presse-Agentur. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bochum seien diese angewiesen worden, "einzelne Spieler im Sinne russischer Methoden zu 'vergiften', damit diese für einzelne Partien ausfallen."

Laut Ermittlungsakten sei die Wettaffäre ein Fall für die Abteilung "Organisierte Kriminalität", da die Verdächtigen sich nicht wie andere Wett-Betrüger zuvor darauf beschränkt hätten, mit List und Täuschung vorzugehen. Das entscheidende Kriterium dieses weltweiten Netzwerks sei die Gewalt. Man schrecke nicht mehr davor zurück, Leute in Keller einzusperren oder Spieler zu betäuben. Es seien Geldflüsse von zig Millionen Euro im Spiel, so dass auch Vermögenswerte verschleiert werden sollten.

C. soll zentrale Figur der Wettmafia sein

Beneckens Mandanten, der seit vergangenem Donnerstag in Untersuchungshaft sitzt, wird erpresserischer Menschenraub und gewerbsmäßiger Bandenbetrug in acht Fällen vorgeworfen. Laut Ermittlungsakten soll der 30-Jährige aus Herten eine der zentralen Figuren der europaweit tätigen Wettmafia sein. C. soll bei Manipulationen entscheidenden Druck ausgeübt haben.

Deniz C. wird darüber hinaus nach Aussage Beneckens zur Last gelegt, Rechtsanwälte von anderen Beschuldigten und Geschädigten bezahlt zu haben, damit diese keine oder gewünschte Aussagen machen. Der Hertener soll mit sechs anderen Verdächtigen auf manipulierte Partien in der Schweiz, Belgien, Türkei, Slowenien und Kroatien gewettet haben. Dabei habe C. einen Gewinn von 990.275 Euro gemacht.

"Ausmaß und Fülle sind schon erschreckend"

Zuvor hatten sich die Funktionäre bereits über die Dimension des Wettskandals schockiert gezeigt. "Das Ausmaß, fast flächendeckend in Europa, und die Fülle sind schon erschreckend", erklärte Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff. Auch DFB-Präsident Theo Zwanziger sieht den internationalen Aspekt als größte Bedrohung an. "Neu ist die Qualität in der internationalen Spitze", sagte Zwanziger zu den Spielmanipulationen in ganz Europa.

Der DFB-Präsident ist allerdings auch überzeugt davon, dass der nationale Verband und die Justiz in Deutschland gemeinsam erfolgreich gegen den neuen Betrug vorgehen werden: "Ich bin sicher, dass wir in naher Zukunft diese Sache geklärt werden haben." Reinhard Rauball, Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL), sieht in Deutschland ebenfalls eine gute Chance für Aufklärung und Bestrafung: "Die absolute Härte wird diejenigen treffen, die unseren Fußball beschmutzen."

Kapitän des SC Verl will offenbar auspacken

Nach Ansicht des Bundeskriminalamtes (BKA) ist der jüngste Wettskandal ein gutes Beispiel für die zunehmende internationale Verflechtung der Kriminalität. "In Europa wird bestochen, in Asien gezockt und in Berlin abkassiert", sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke bei der Herbsttagung seiner Behörde in Wiesbaden.

Bei ihren Ermittlungen kommen die Behörden scheinbar voran. Der wegen Manipulationsverdacht suspendierte Kapitän des West-Regionalligisten SC Verl, Patrick Neumann, will bei der Staatsanwaltschaft Bochum aussagen. "Er wird gegenüber den Bochumer Ermittlern alles sagen, was er weiß", kündigte sein Anwalt Lutz Klose im "Westfalen-Blatt" an. Dabei gebe es allerdings "nicht so viel zu gestehen". Über Hintermänner und Strukturen könne sein Mandant nichts sagen.

Bei der Regelung von Sportwetten unterstrichen die Vertreter der vier wichtigsten deutschen Profi-Ligen Fußball, Handball, Basketball und Eishockey auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin, dass auch ein Wettmonopol den aktuellen Skandal nicht hätte vermeiden können. Außerdem sei der Wett- und Manipulationsskandal vorrangig kein Problem des Fußballs, sondern der organisierten Kriminalität. "Wir fordern eine Neuordnung des Wettmarktes", sagte Jan Pommer, der Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga.

Jens Mende, Florian Lütticke/DPA
 
 
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