19. September 2010, 12:16 Uhr

Der Mythos vom Klassenkampf

Auf den ersten Blick prallen beim Hamburger Lokalderby zwischen HSV und FC St. Pauli Welten aufeinander. Die Vertreter von Fans beider Vereine geben einen Einblick, ob das tatsächlich stimmt. Von Philipp Markhardt (HSV) und Mathias Radowski (St. Pauli)

Wenn am Sonntag der FC St. Pauli den Hamburger SV empfängt, treffen im einzigen Lokalderby der Fußball-Bundesliga nicht nur sportlich Welten aufeinander. Auch soziokulturell könnten diese beiden Vereine unterschiedlicher nicht sein - vor allem ihre Anhänger nicht. So zumindest geht die gern gepflegte Legende. Aber stimmt das noch? Zwei Fanvertreter haben sich Gedanken gemacht über das, was ihren Verein ausmacht, vom lokalen Konkurrenten unterscheidet - und verbindet.

Bundesliga, Derby, Hamburger SV, FC St. Pauli, Hamburg

Der FC St. Pauli "hat die Vermarktung eines Image perfektioniert": HSV-Fan Philipp Markhardt©

HSV
Philipp Markhardt ist Mitglied der HSV-Fangruppe "Chosen Few" und Sprecher der vereinsübergreifenden Faninitiative Pro 15.30.

Der Unterschied zwischen HSVern und Paulianern liegt im Selbstverständnis. Der HSV ist und sieht sich als Volksverein. Die Fanszene setzt sich aus sämtlichen sozialen Schichten, politischen und religiösen Lagern zusammen. Sie ist heterogener als die des FC St. Pauli. Zudem ist sie eben auch bedeutend größer, was das Vorhandensein vieler verschiedener Strömungen begünstigt. Dazu kommt, dass der HSV immer der große hanseatische Verein war, der auch noch den notwendigen Erfolg hatte.

Politik spielte dabei nie eine wirkliche Rolle. Der HSV war ein Freizeitvergnügen für alle. Eben auch für Rechte, die in den 1980ern bis in die 1990er Jahre erkennbar vorhanden waren. In dieser Zeit kehrten viele linke oder alternativ angehauchte HSVer ihrem Verein den Rücken und wanderten zum FC St. Pauli ab, wo sich zu dieser Zeit auch eine wahrzunehmende Fanszene unter der Führung der Hausbesetzerszene bildete. Sie prägte das politische Selbstverständnis. Dies gilt noch immer als Konsens.

Beim HSV gibt es seit dem Verschwinden erkennbarer Nazigruppen aus dem Stadion übrigens mehr erkennbar linke Fans mit einem politischen Bewusstsein, die dies auch zeigen. Trotzdem gilt bei den meisten immer noch das "Football without Politics"-Dogma, obwohl Kommerzkritik und Fanpolitik ja auch politischer Natur sind.

Bei St. Pauli bemängeln die Alteingesessenen ein Abrücken von Gewaltfreiheit und Toleranz - oder sexistische Ausfälle. Der antikommerzielle Verein ist doch auch längst im Business angekommen. Exzellente Vermarktung des Außenseiterimage weckt bei pubertierenden Punks und Hipstern aus der Oberschicht die Begehrlichkeit, zu "den anderen" dazuzugehören. Aber die Revolution hat ihre Kinder längst gefressen. Unter den heutigen Zuschauern sind genug unpolitische "Normalos". Leute, die nur Fußball sehen wollen.

Die Fanszenen beider Vereine sind sich in ihrer Kritik am modernen Fußball und an der Kommerzialisierung grundsätzlich einig.

Beide sind leider Teil der "Inszenierung", allerdings verleugnet man dies beim HSV nicht. Und das ist die Hauptkritik an den St.-Pauli-Fans: Sie sind nicht der "andere Klub". Ihr Verein hat sogar die Vermarktung eines Image perfektioniert. Das müssten sie nur mal zugeben. Und nicht jedes Wort auf die Goldwaage der Political Correctness legen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite den Beitrag des St. Pauli-Vertreters.

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