Der Messias bittet zum Tanz

25. Juni 2013, 09:03 Uhr

Zwei Tage nach der großen Präsentation von Pep Guardiola als neuem Bayern-Trainer hat der Star-Coach die erste Einheit mit der Mannschaft gestartet. Das sind die Bilder.

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Bayern München, Pep Guardiola, Bundesliga, Trainer

Der Außeridische ist gelandet: Josep Guardiola besichtigt seine neue Arbeitsstätte, die Allianz-Arena des FC Bayern.©

Es knistert im überfüllten Presseraum des FC Bayern im Bauch der Allianz-Arena, als sich um fünf Minuten nach Zwölf die Tür rechts unten neben dem Podium öffnet und nacheinander fünf Männer die Bühne betreten. 240 (!) Journalisten aus elf (!) Nationen halten jetzt inne. Alles steht still. Weil endlich der Guardiola-Moment gekommen ist. Eingerahmt von Bayerns Pressechef und Uli Hoeneß auf der einen Seite sowie Karl-Heinz Rummenigge und Matthias Sammer links von ihm aus sitzend, nimmt der neuer Trainer der momentan wahrscheinlich besten Fußballmannschaft der Welt Platz. Josep Guardiola, 42, ist nicht sehr groß. Neben einem Koloss wie Hoeneß wirkt er noch schmächtiger, als er in Wirklichkeit ist. Der dunkle Dreiteiler, den der Katalane mit einem weißen Hemd, dunkelroter Krawatte und weißem Einstecktuch kombiniert, sitzt wie eine zweite Haut. Auch modisch wird Guardiola beim FC Bayern vermutlich neue Maßstäbe setzen. Sein Style ist perfekt. Sein Deutsch noch nicht ganz, aber dazu später mehr.

Montag, der 24 Juni 2013 wird in München in die Gesichte eingehen. Der Tag markiert eine neue Zeitrechnung im Club, der sich qua eigenem Selbstverständnis sowieso schon relativ gut findet. Jetzt wird dieser Verein also auch noch vom besten Trainer der Welt geführt. 14 Titel in vier Jahren fuhr Guardiola zwischen 2008 und 2012 mit dem FC Barcelona ein. Er ließ Messi und Co. in dieser Zeit atemberaubenden Fußball spielen. Dann nahm er sich eine Auszeit, siedelte über nach New York, ging in die Oper, traf Woody Allen, las Hermann Hesse, lernte Deutsch und ist jetzt bereit für die vielleicht größte Herausforderung in seinem noch jungen Trainerleben. Denn hier bei den Bayern hat sich nur wenige Wochen zuvor mit Jupp Heynckes jemand verabschiedet, der in der vergangenen Saison alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gab. Das Triple. Und wenn schon! Josep, genannt "Pep", Guardiola nimmt das mit einer beeindruckenden Lässigkeit hin. "Ich muss damit leben", sagt er. Genauso hätte er auch sagen können: "Es ist mir egal."

Wohltuende Bescheidenheit

In Spanien ist es so: Die Sportjournalisten, egal ob aus Barcelona, Madrid oder Sevilla, verehren Guardiola. Weil ihn eine Aura umgibt, sagen sie. Eine Aura, die einen anziehen soll. Wohl jeder, der bei seiner Vorstellung in München dabei war, wird das nun bestätigen können. Da ist natürlich die Sprache. Guardiola hält seine erste Pressekonferenz bei den Bayern tatsächlich in Deutsch ab. Und man fragt sich: Wie klug muss jemand sein, um in so kurzer Zeit eine dermaßen schwierige Sprache schon so gut zu beherrschen? Nur wenn die spanischen Reporter ihre Fragen stellen, antwortet der Trainer in seiner Muttersprache. Zwischendurch switcht er um in perfektes Italienisch. Hier sitzt ein Mann von Welt. Und Rummenigge und Hoeneß platzen fast vor Glück, ihn der Öffentlichkeit präsentieren zu können.

Guardiola ist ein besonderer Typ. Seine ersten Sätze sind, wie der gesamte fast einstündige Auftritt, wohltuend bescheiden. "Guten Tag, Grüß Gott! Verzeihen Sie mir mein Deutsch. Ich habe ein Jahr in New York Deutsch gelernt, aber das ist nicht der optimale Ort, um Deutsch zu lernen." Und weiter: "Was ich heute fühle: Es ist ein Geschenk, hier zu sein. Ich möchte mich bei Bayern München für diese Gelegenheit bedanken." Der 42-Jährige spricht leise. Reden andere wie Hoeneß ("Es hat fünf Minuten gedauert bis ich gemerkt habe, dass es mit ihm passt"), dann legt er die Arme in den Schoß und blickt mit seinen dunklen Reh-Augen in die vielen fremden Gesichter.

"Das System ist egal"

Als ein kleiner Einspielfilm mit den größten Momenten des neuen Bayern-Trainers präsentiert wird, schaut der Starcoach nach unten. Das hier ist ihm jetzt unangenehm. Man merkt das sofort. Guardiola sucht im Publikum nach seiner Frau Cristina. Die sitzt gemeinsam mit Tochter Maria, Bruder Pere und einigen Beratern weiter hinten im Pressesaal. Nach einer Weile treffen sich ihre Blicke. Cristina nickt, so als wolle sie ihn beruhigen. Guardiola lächelt zurück. Es ist ein starker Moment, kaum bemerkt von den Journalisten.

Inhaltlich kommt nicht viel. Das war auch zu erwarten. Guardiola kennt seine Mannschaft ja noch gar nicht. Erst am Mittwoch bittet er seine Spieler zum ersten Mal zum Training. Ein paar grundsätzliche Dinge bleiben aber dennoch hängen. Das System sei ihm "egal", sagt er. Oder hier: "Ich muss mich den Spielern anpassen." Als Letztes: "Ich liebe es anzugreifen." Die Klarheit seiner Aussagen ist beeindruckend. Dass diesem Pep Guardiola irgendjemand von den Großkopferten bei den Bayern mal in die Aufstellung quatscht, ist jetzt schon ausgeschlossen. Aber das wussten sie vorher. Sie wollten es so.

"Seine Arbeit wird den deutschen Fußball befruchten", sagt Karl-Heinz Rummenigge. Wahrscheinlich hat Bayerns Vorstandsvorsitzender Recht. Für Guardiola ist Fußball wie Schach. Er lässt ein extrem kompliziertes, taktisches Spiel trainieren. Junge Spieler lechzen danach, sich unter ihm weiterzuentwickeln. Weil sie wissen: Eher früher als später kommt mit Guardiola der Erfolg. Mario Götze hätte woanders mehr Geld verdienen können, aber er entschied sich für die Bayern. Vor allem wegen der Fähigkeiten des neuen Trainers.

Ein Trainer, der wie von Gott geküsst wirkt

Der ist nun angekommen in München. Und es gibt in den nächsten Wochen und Monaten in der Sportwelt kaum etwas spannenderes, als zu beobachten, wie diese einmalige Konstellation aus bester Mannschaft der Welt und bestem Trainer der Welt funktionieren wird. "Lasst mir Zeit", sagt Guardiola noch kurz vor Ende seines ersten (halben) Arbeitstags in München. Er lächelt dabei milde. Wohl wissend, dass er diese Zeit natürlich nicht bekommen wird.

Man wird das Gefühl nicht los, dass den Bayern mit der Verpflichtung von Pep Guardiola etwas Großes gelungen ist. Der Beginn dieser neuen Zeitrechnung hätte kaum besser laufen können: Ein Trainer, der wie von Gott geküsst wirkt, stolze Bayern und ehrfurchtsvolle Reporter. Nur die Sache mit dem Jamon Ibérico, der im Anschluss gereicht wurde, trübte ein wenig das perfekte Bild. Der Schinken wurde per Maschine in kleine Scheiben geschnitten. Eine Todsünde in Spanien. Gut, dass Guardiola das nicht gesehen hat.

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Neuer Bayern-Trainer Auftritt mit Pep
 
 
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