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Manchmal muss es eben grausam sein

Der Klassiker versprach Brisanz und flottes Spiel. Stattdessen boten Holländer und Deutsche nur Langeweile. Bundestrainer Joachim Löw und sein niederländisches Pendant sahen das anders.

Von Klaus Bellstedt, Amsterdam

  Zäher Kampf: Marco Reus wird von Hollands Stefan de Vrij gestoppt.

Zäher Kampf: Marco Reus wird von Hollands Stefan de Vrij gestoppt.

  • Klaus Bellstedt

Bei Louis van Gaal lohnte es sich schon immer, ganz genau zuzuhören. Das war auch an diesem Novemberabend nach der tristen Nullnummer zwischen seinen Holländern und der deutschen Nationalmannschaft der Fall. Der ehemalige Trainer der Bayern stärkte sich kurz vor seinem Aufritt vor der Presse noch schnell mit einer Happs vom Buffet, dann nahm er im kleinen Presseraum im Bauch der Amsterdam Arena auf dem Podium Platz. Und jetzt Obacht: "Ich habe dieses Spiel genossen", sagte der Bondscoach. War das jetzt ein typischer Van-Gaal-Scherz? Die Journalisten aus beiden Ländern schauten sich leicht verdattert an. Aber der Trainer blieb dabei: "Ich habe heute ein gutes Match gesehen." Van Gaal hatte diese Meinung übrigens nicht exklusiv.

Während die Zuschauer, wenn sie nicht schon irgendwann während dieser langweiligen 90 Minuten weggenickt waren, beide Mannschaften nach dem Schlusspfiff gnadenlos auspfiffen, fand auch Joachim Löw hinterher Gefallen an der Darbietung seiner Mannschaft: "Es war ein gutes Spiel von uns, wobei ich nicht das Ergebnis meine", sagte er. Die beiden Trainer begegneten sich für einen kurzen Moment, als der eine den anderen auf der Pressekonferenz ablöste. Löw und van Gaal begrüßten sich herzlich und schlugen aneinander anerkennend auf die Schultern. Dabei wechselten sie ein paar Worte. "Haben wir doch gut gemacht heute, keiner hat dem anderen wehgetan." Zugegeben, das ist nur eine Vermutung, wie das kurze Gespräch zwischen den beiden abgelaufen sein könnte. Gewundert hätte sich aber kaum jemand, wenn es wirklich so gewesen wäre. Denn das Spiel sah ja genau danach aus: Bloß nicht so viel laufen, bloß keine Verletzungen und immer schön Zweikämpfe vermeiden. Dass am Ende dabei ein 0:0 herauskommen muss, war eigentlich schon nach zehn Minuten klar.

Gündogan der einzige Lichtblick

Konnte man es ihnen verübeln? Nein! Musste man damit nach all den Absagen nicht rechnen? Doch schon! Stand die Maßgabe ‚Safety First‘ vor allem aus der Sicht von Joachim Löw nach dem verrückten 4:4 gegen Schweden vor vier Wochen nicht über allem? Aber wie! Der Bundestrainer war ein bisschen unter Druck vor der Partie gegen Holland. Die Kritiker standen nach den grausamen 30 Minuten von Berlin, in denen seine Mannschaft vier Gegentore hinnehmen musste, schon wieder auf dem Plan. Wäre Amsterdam schief gegangen, hätte Löw auch vor dem Hintergrund des ungünstigen Zeitpunkts und einem langen Tunnel bis zum nächsten Länderspiel im Februar gegen Frankreich wohl einen unruhigen Jahreswechsel erlebt. Nach dem 0:0 aber ist vorerst Ruhe. "Ob ich jetzt erleichtert bin, weiß ich nicht. Aber es ist besser mit so einem Ergebnis in die Pause zu gehen, als zu verlieren", sagte Löw. Ja, er war erleichtert.

Das konnte man besonders gut erkennen, als die ereignisarme Partie vorüber war und der Bundestrainer alle seine Spieler unten in der Zone zwischen Rasen und Stadiontunnel beglückwünschte. Wär das Match nicht gesehen hat, hätte beim Beobachten dieser Szenen leicht den Eindruck bekommen können, dass hier Sieger unter sich feiern würden. Einen Spieler herzte Löw besonders doll. Ilkay Gündogan. Der Dortmunder feierte sein Startelfdebüt in der Nationalmannschaft. Gündogan nutze seine Chance mit einer starken Leistung als Sechser. Er und Löw waren aus deutscher Sicht die einzigen Gewinner des Abends. Auch wenn die weiteren Experimente des Bundestrainers nicht so wirklich glückten. Aber dafür stand die Null.

"Positionstreu und diszipliniert"

Mario Götze, überraschend als Stürmer aufgeboten, blieb vieles schuldig. Genauso wie Lewis Holtby, der für Lukas Podolski in der Startelf stand. Reus und Co. waren vor allem auf Fehlervermeidung bedacht. Pressing war ein Fremdwort, vom flüssigen Kombinationsspiel, das was diese Mannschaft normalerweise auszeichnet, war nichts zu sehen. Stattdessen wurden endlose Schleifen an Sicherheitspässen abgespult. Wenigstens stand die Abwehr diese Mal sicher. Löw hatte vor dem Holland-Spiel wieder mal alle in die Irre geführt indem er angekündigt hatte, auch mit dieser besseren B-Elf seinen offensiven Spielstil beibehalten zu wollen. Das Gegenteil war der Fall. In Amsterdam rückte der Bundestrainer von seiner zuletzt nach dem Schweden-Spiel viel kritisierten Philosophie ab. Gegen Holland wirkte es manchmal so, als habe die deutsche Mannschaft nicht mehr rechtzeitig eine Aufenthaltserlaubnis für die gegnerische Hälfte erhalten. Darüber zu meckern, wäre falsch. Es war nur so ungewohnt, so untypisch für die Nationalelf. Aber Spektakel geht eben nicht immer. Dass das Team sehr wohl auch grausam defensiv spielen kann, hat sie nun bewiesen. Und das ist vielleicht sogar ganz beruhigend.

"Wir haben positionstreu, diszipliniert und kompakt gespielt", bilanzierte Löw hinterher. Dann ließ er die Katze aus dem Sack: "Die 30 Minuten gegen Schweden durften sich nicht wiederholen. Es war wichtig, dass wir defensiv gut gestanden haben. Heute haben wir die Ruhe nie verloren und von Anfang an die Balance gefunden." Dass dabei dann ein Abend herausspringt, an dem ein an sich ziemlich bescheuerter, aber deshalb irgendwie auch lustiger Pausenauftritt der beiden sich über den Rasen rollenden Maskottchen "Paule" (der deutsche Adler) und "Welpie" (der holländische Löwe) zum einzigen Highlight wird, muss Löw nicht weiter stören. Auch er weiß, dass seine Mannschaft in dieser Besetzung so vermutlich nie wieder zusammenspielen wird. Ergebnis statt Erlebnis, Kontrolle statt Ballzauber, gegen Holland musste das einfach mal sein.

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