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Ein Land läuft Sturm

Dem niederländischen Nationaltrainer Marco van Basten stößt in seiner Heimat breite Ablehnung entegegen. Der einstige Volksheld hat sich mit den Superstars der geliebten "Elftal" verkracht und lässt zudem erbärmlichen Fußball spielen. Die Angst vor einer deftigen EM-Blamage wächst stetig.

Von Albert Eikenaar, Amsterdam

Euphorisch reagierten die niederländischen Oranjefans, als im Juli 2004 Marco "der Zauberer" van Basten vom Fußballverband als "Bondscoach" verpflichtet wurde. Vom legendären Wunderstürmer wurden Ergebnisse erwartet, die andere Nationaltrainer wie Dick Advocaat, Guus Hiddink und Louis van Gaal nicht schafften. Seit dem EM-Titel 1988 sind die Niederländer leer ausgegangen. Nun sollte Van Basten wieder Schwung in die Mannschaft bringen.

Der Mann, der bei Ajax und AC Mailand die Zuschauer

mit einer oft unglaublichen Balltechnik bezauberte, ging voll auf sein erstes Ziel los, die Teilnahme an der WM 2006 in Deutschland zu sichern. Dabei erwartete der Fußballverband von ihm noch kein überragendes Ergebnis, weil die damalige Oranje-Elf in keiner Weise richtig eingespielt war. Aber bei der EM 2008 sollte der Weltfußballer der Jahre 1988, 1989 und 1992 nicht mehr nur dabei sein, sondern auch richtig um den heiß begehrten Spitzenplatz kämpfen.

So also war die Sachlage im Sommer 2004. Und dann geschah etwas, womit eigentlich keiner gerechnet hatte. Zwar gewann die von Van Basten gelenkte Oranje-Truppe ein Spiel nach dem anderen, aber es ging mühsam, ohne Spirit, ungeordnet, als ob es Pflichtübungen waren. Der berühmte Van Basten, der schlaue Fuchs, der Künstler, der Techniker auf dem Rasen, der bei Ajax und AC Mailand insgesamt sieben Landesmeisterschaften maßgebend beeinflusst hatte, konnte den Oranje-Motor nicht auf Trab bringen. Der Verbrauch an Spielern war überdurchschnittlich hoch: 54 Mann setzte er bislang ein, 32 von ihnen machten ihr Debüt. Die meisten spielten ein, zweimal und wurden dann wieder zur Seite geschoben. Das sorgte nicht gerade für Sicherheit, Teamgeist, handfestes Vertrauen. Die Stars fingen immer mehr an zu nörgeln.

Sogar die großen Namen, die Prestige zu verlieren haben, fühlten sich in der häufig wechselnden Mannschaft nicht länger richtig wohl. Außerdem legte Van Basten sich mit ihnen an. Name hin oder her, wenn einer keine Leistung brachte, wurde er rigoros ausgemustert. Er konnte seine Position vergessen. Bei den hochdotierten, verwöhnten Stammspielern führte das öfter zu Unmut, Entrüstung oder gar einem Eklat. Sie verstanden das oft taktlose, jedenfalls sehr gradlinige Benehmen von Van Basten nicht. Dieser beharrte trotz wachsender Kritik auf seinem rationellen Radikalkurs. Seitdem gilt er als arrogant.

"Bei mir geht's nicht um die besten Fußballer

, sondern um das beste Team. Mann muss eben zu meinem Totalbild passen". Die Tageszeitung Trouw analysierte diesen Ausgangspunkt als "fundamentalen Trainerfehler". Es sei "nicht richtig, Spieler zu einem System zu suchen; richtig sei es, aus den besten Spielern eine Mannschaft zusammenzufügen".

In demselben Blatt enthüllte Van Basten seine Kriterien, welche Spieler für ihn interessant sind: "Sie müssen imstande sein, den Verlockungen des Lebens, dem Interesse der Medien zu widerstehen. Das setzt eine gewisse Beständigkeit, Standfestigkeit voraus. Der eine kann mit Luxus und Glamour umgehen, der andere lässt sich davon ablenken und driftet vom Kern, dem Fußball, weg. Wenn das geschieht, ist er meiner Meinung nach nicht mit seinem Fach beschäftigt. Ich fordere Disziplin". Es heißt, dass Van Basten, selbst Multimillionär, die damit verbundenen Randerscheinungen des heutigen Fußballtreibens hasst. Es wurde zum Showgeschäft, meint er. Jungspieler, die noch nichts geleistet haben, aber in einem dekadenten Ferrari herumbrausen, sind ihm ein Greuel. Er nennt das "Filmstarallüren"und verabscheut sie. Prahlerei mag er nicht. Er selbst wohnt in einem gutbürgerlichen Viertel und fährt einen "stinknormalen" Mittelklassewagen. "Vor allem sollen die Auserkorenen Spaß auf dem Fußballplatz haben, kreativ sein und nicht die gefahrlose Lösung suchen". Er verlangt totale Hingabe.

Trotz des erbärmlich schlechten Fußballspiels und den Konflikten am Rande

schaffte Van Basten es, dass Oranje doch wieder an der EM teilnimmt. Dabei wird das Team, eingeteilt in Gruppe C mit drei anderen "Killerländern" - Italien, Frankreich und Rumänien - mit Recht "Todesgruppe" genannt. Van Basten macht sich über diese Auslosung keine Sorgen. "Wir wissen, was wir zu tun haben". Selbst muss er noch einige Affären aus dem Weg räumen. Mit ein paar wichtigen Spielern hat er sich verkracht, u.a. mit Mark van Bommel vom FC Bayern. Gegen renommierte Fußballnationen wie Italien und Frankreich könnte er als Geheimwaffe der Antreiber hinter den Spitzen sein. Aber Van Basten meinte bisher, dass gerade Van Bommel seine Verteidigungsaufgaben schmählich vernachlässigt. Nun muss er irgendwie zu Kreuze kriechen, um Van Bommel wieder für sich um die Mannschaft zu gewinnen. Dieser bleibt jedoch beim ‘nein'.

Vielleicht kann Van Nistelrooij den Weg ebnen. Der war nämlich auch vom "Bondescoach" malträtiert und entwürdigt worden. Inzwischen haben sie sich in einer Art "Vernunftsehe" arrangiert. Damit gibt Van Basten zu, dass er den Rekordschützen von Real Madrid nicht missen kann.

Neulich kündigte Van Basten seinen Job.

Er will nur noch die Niederlande bis zum Meisterschaftstitel begleiten. Dann ist Schluss. Er wechselt zu einem Verein, seiner ewigen Liebe: Ajax. Dort muss er nach der EM zeigen, was er wirklich in sich hat. Ob Van Basten die Nationalelf zur Meisterschaft führt? Man hofft es vehement. Aber so recht glaubt keiner daran!

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