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"Das habe ich für meine Familie getan"

Weil er beim Spiel der U21-Nationalmannschaft am Freitag in Israel fehlte, wird dem deutschen Nationalspieler Ashkan Dejagah Antisemitismus vorgeworfen. Der in Teheran geborene und in Berlin aufgewachsene Mittelfeldspieler des VfL Wolfsburg äußert sich bei stern.de erstmals über die Hintergründe der Affäre.

Herr Dejagah, bis vor einer Woche kannten Sie nur Fußballexperten, heute ganz Deutschland. Weil Sie Deutsch-Iraner sind, wollten Sie nicht mit der deutschen U21-Nationalmannschaft in Israel spielen. Ihr Fehlen hat mächtig für Wirbel gesorgt. Zeitungen und Politiker kritisieren Ihre mangelnde Identifikation mit Deutschland, und Dieter Graumann, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, unterstellt Ihnen, Sie betrieben einen "persönlichen Judenboykott". Waren Sie überrascht, was Sie da alles ausgelöst haben?

Ja, natürlich. Ich hatte niemals damit gerechnet. Das wollte ich überhaupt nicht. Ich bedauere diese Missverständnisse sehr. Wenn einige mein Fehlen falsch verstanden haben, entschuldige ich mich dafür. Die Anschuldigungen machen mich sehr, sehr traurig. Ich habe gegen keinen Menschen auf der Welt irgendwelche Vorbehalte, ich bin kein Rassist.

Ihnen werden politische Motive unterstellt.

Das ist Quatsch.

Was sind dann Ihre Gründe?

Rein persönliche. Das habe ich auch Dieter Eilts, meinem Trainer bei der U21-Nationalmannschaft, erklärt. Ich habe ja neben dem deutschen Pass auch noch den iranischen. Bis heute erkennt die iranische Regierung Israel nicht an und untersagt den Bürgern die Einreise dort. Iranische Staatsbürger, die nach Israel einreisen, müssen mit harten Strafen, mit mehreren Jahren Gefängnis rechnen. Ich selbst war zwar schon seit fünf, sechs Jahren nicht mehr im Iran. Aber meine Eltern fahren jedes Jahr mehrmals dorthin. Wir haben noch viele Verwandte in Teheran. Es ging bei der ganzen Sache gar nicht um mich, das habe ich für meine Familie getan. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Hat Ihre Familie Druck auf Sie ausgeübt?

Nein. Natürlich haben meine Eltern, mein Bruder und ich über die ganze Sache gesprochen. Aber ich war es, der nichts riskieren wollte. Deshalb habe ich Dieter Eilts angerufen.

Wie hat der Trainer reagiert?

Eilts hatte Verständnis für meine Bedenken. Ein paar Tage später rief er mich an und sagte, er würde meine Situation respektieren und mich nicht für das Länderspiel gegen Israel nominieren. Aber fürs nächste Spiel, gegen Moldawien, würde er mich dann vielleicht wieder berücksichtigen.

Sind Sie ein politischer Mensch? Verfolgen Sie und Ihre Familie die politische Entwicklung im Iran?

Ich kann allen versichern, wir haben mit Politik nicht viel im Sinn. Wir interessieren uns dafür nicht großartig.

Aber von den Ansichten des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der den Holocaust leugnet und die Vernichtung Israels propagiert, haben Sie schon gehört?

Meine Einstellung hat damit absolut nichts zu tun. Ich konzentriere mich auf den Fußball, damit hab ich genug zu tun. Es ist traurig, was mir alles unterstellt wird.

Die iranische Sportzeitung "Goal" bezeichnet Ihre Haltung als "heroisch" und "meisterlich". Finden Sie das nicht befremdlich?

Ich kann Persisch nicht lesen und schreiben, ich spreche es nur. Von diesen Meldungen habe ich in den deutschen Zeitungen gelesen. Damit kann ich nichts anfangen. Für mich zählt nur das Wohl meiner Familie.

Sie sind in Teheran geboren, in Berlin aufgewachsen. Leben Sie nach den Lehren des Koran?

Meine Religion ist der Islam, ich glaube an Allah, aber ich bin nicht streng gläubig.

Beten Sie fünfmal am Tag, wie es der Prophet befohlen hat?

Nein. Aber vor jeden Spiel bete ich auf Persisch zu Allah. Das ist mein Ritual.

Der Ramadan geht gerade zu Ende - haben Sie gefastet?

Nein, das ist mit meinem Beruf nicht vereinbar. Auch andere Profi-Fußballer und Muslime, zum Beispiel Franck Ribery, halten das so.

Sie haben mal gesagt, Sie hätten zur Hälfte iranisches Blut und deutsches Blut in sich. Was meinten Sie damit? Ihre Eltern sind doch beide Iraner.

Ich wollte damit ausdrücken, dass ich mich beiden Ländern und Kulturen verbunden fühle. Ich habe ja auch auf dem einen Unterarm Berlin und auf dem anderen Teheran eintätowiert. Ich fühle mich als Deutscher und als Iraner. Meine Eltern stammen aus dem Iran, ich bin hier aufgewachsen, ich spiele für die deutsche Nationalmannschaft.

Warum haben Sie sich eigentlich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden? Es heißt, Ihr Vater hätte es lieber gesehen, wenn Sie für den Iran spielen.

Das stimmt nicht. Mein Vater hat von mir nie gefordert, dass ich für den Iran spielen soll. Mein Vater war genau so stolz wie ich, als ich mit 16 Jahren zum ersten Mal von der deutschen Junioren-Nationalmannschaft eingeladen wurde. Ich spiele gerne für Deutschland. Der DFB hat mir ja auch geholfen, einen deutschen Pass zu bekommen. Mittlerweile haben meine Eltern und mein Bruder auch deutsche Pässe. Was stimmt, ist: Es gab Anfragen der iranischen Nationalmannschaft. Ich hätte bis zu meinem 21. Lebensjahr die Möglichkeit gehabt, zu wechseln. Aber ich habe mich nie damit befasst.

Anfang kommender Woche wird DFB-Chef Theo Zwanziger Sie zu einem Gespräch treffen - und es sieht so aus, als könnte das eine Art Gesinnungsverhör werden. Finden Sie es fair, wie der DFB mit Ihnen umgeht?

Ich werde Herrn Zwanziger das Gleiche sagen wie Ihnen. Ich bin so wie ich bin. Jeder, der mit mir redet, wird merken, worum es mir wirklich geht: die Familie. In einem persönlichen Steckbrief für die Klubzeitschrift des VfL Wolfsburg habe ich geschrieben, dass ich mir wünsche, dass überall auf der Welt Frieden herrscht. Daran hat sich nichts geändert.

Herr Zwanziger wird Sie bestimmt auch fragen, wie Sie sich beim nächsten Spiel gegen Israel verhalten werden.

< Das möchte ich mit Herrn Zwanziger in aller Ruhe besprechen.

Wie haben Ihre Eltern auf den Sturm der Entrüstung reagiert?

Die waren genauso überrascht wie ich. Die haben den Telefonstecker rausgezogen und gewartet, dass es vorbeigeht. Und mein Bruder wundert sich, dass einige Zeitungen schreiben, er lebe in Teheran und spiele dort für den Verein Paykan - dabei wohnt er in Berlin bei meinen Eltern.

Sie sind nicht der erste iranisch-stämmmige Bundesliga-Spieler, der für ein Spiel in Israel ausfällt. Als 2004 der FC Bayern zu Maccabi Tel Aviv fuhr, plagte Ihren Landsmann Vahid Hashemian urplötzlich ein Problem mit seinem Rücken. Wäre es nicht einfacher gewesen, auch eine Verletzung vorzutäuschen?

Ich weiß nicht, was damals mit Hashemian war. Wenn ich gelogen hätte und das wäre herausgekommen - das wäre für mich noch schlimmer. Ich will niemanden verarschen.

Jetzt büßen Sie für Ihre Ehrlichkeit. Nach allem, was in den vergangenen Tagen passiert ist: Haben Sie überhaupt noch Lust, für Deutschland zu spielen?

Na klar. Ich bin doch hier aufgewachsen. Es ist immer wieder ein geiles Gefühl, für Deutschland aufgestellt zu werden. Und es ist immer noch mein Ziel, irgendwann in der A-Nationalmannschaft anzukommen und bei einer Weltmeisterschaft für Deutschland mitzuspielen.

Haben Sie Angst, dass daraus jetzt nichts mehr werden könnte - wenn Theo Zwanziger dem großen öffentlichen Druck nachgibt und Sie aus der Nationalmannschaft ausschließt?

Natürlich habe ich Bammel. Ich habe jahrelang für meine sportliche Ziele trainiert - und jetzt kann es von einem auf den anderen Tag vorbei sein. Da fragt man sich schon: Wie konnte es nur so weit kommen?

Interview: Steffen Gassel und Giuseppe Di Grazia
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