Nie wieder deutsche Tugenden

13. November 2012, 17:09 Uhr

Im letzten Match des Jahres gegen die Niederlande steht für das DFB-Team viel auf dem Spiel. Schweden? Schon vergessen! Joachim Löw bleibt seiner Spielphilosophie treu. Das ist riskant. Von Klaus Bellstedt, Amsterdam

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Bundestrainer Joachim Löw bleibt seiner Spielphilosophie treu und setzt beim Freundschaftsspiel in Amsterdam auf die Offensivstärke seines Teams©

Jetzt hat er den Salat: Weil es Joachim Löws Philosophie entspricht, wonach er Tests zur Weiterentwicklung des eigenes Teams nur noch gegen Hochkaräter vereinbart, rundet nun also das Länderspiel gegen die Niederlande das Länderspieljahr 2012 für die DFB-Auswahl ab. Wäre ja nicht weiter schlimm, wenn alle Mann an Bord wären. Aber ausgerechnet vor dem Prestigeduell mit Oranje ist der Stamm der Nationalmannschaft durch Prellungen, Zerrungen und einen Gemisch aus Grippe- und Magen-Darm-Viren außer Gefecht gesetzt. Schweinsteiger, Özil und Klose sind nur drei von insgesamt acht sehr prominenten Ausfällen. Für Löw könnte der Zeitpunkt der Krankheitswelle seiner Spieler nicht unpassender kommen. Denn es hängt ja viel an dieser Partie am Mittwochabend in Amsterdam. Auch das hat sich der Bundestrainer in gewisser Weise selber zuzuschreiben.

Und so holt Löw auf der Abschlusspressekonferenz vor der Partie gegen die Niederlande in einem 80er-Jahre-Hotel mitten in der Innenstadt von Amsterdam schnell die Erinnerung ein. Es geht, natürlich, um das verrückte 4:4 gegen Schweden vor vier Wochen, das wegen des Spielverlaufs für die Deutschen zu einer Blamage historischen Ausmaßes wurde. 60 Minuten brillierte die Mannschaft, dann brach sie ein. Löw vercoachte sich. Statt Sicherheit wechselte er Offensive ein. Das Team löste sich auch deshalb in seine Bestandteile auf. So wie nach dem EM-Aus gegen Italien flammten plötzlich wieder die Diskussionen um den Stil der Nationalmannschaft auf. Die Rufe nach den nicht vorhandenen Holzfällern in der Truppe wurden lauter. Auch in Amsterdam geistern sie durch den zum Presseraum umfunktionierten Konferenzsaal.

In Löws Kopf gibt es kein zurück

Joachim Löw steht zu diesem 4:4. Das muss man ihm lassen. Er steht auch zu den Fehlern von Berlin. Aber eine Abkehr von seiner Idee, wie diese hochtalentierte Ansammlung von Fußballern ihren Sport ausüben soll, nein, die gibt es nicht. "Natürlich müssen wir Defensive lernen, wenn es im Laufe eines Spiels Unwägbarkeiten gibt. Wir müssen dann stabiler werden. Aber unseren Stil werden wir auch weiterhin beibehalten", sagt er. Schön spielen, schnell spielen, den Gegner mit Kombinationen verwirren: So ist es Löw am liebsten. Schon gegen die Niederlande und mit einer besseren Ersatzelf wird man sich davon vermutlich wieder überzeugen können. Mario Götze, Marco Reus oder auch Ilkay Gündogan, allesamt in der Startelf, sind eben keine Effenbergs. Das ist auch gut so, möchte man anfügen.

Der Bundestrainer ist zukunftsorientiert. Es gibt in seinem Kopf kein Zurück. "Es wird im Moment ja wieder viel über die deutschen Tugenden gesprochen. Aber vielleicht müssen wir langsam mal den Mut aufbringen, im Zusammenhang mit deutschen Tugenden von technisch guten und hervorragend ausgebildeten Spielern zu sprechen", sagt Löw. Seine Stimme überschlägt sich fast. Die Botschaft ist angekommen. In diesem Jahr hat die Nationalelf in 13 Spielen 22 Tore kassiert, das macht 1,69 pro Spiel und die schlechteste Quote seit 1964. Aber der 52-Jährige denkt gar nicht daran, seine Schön-Spiel-Taktik zu begraben. Dafür nimmt Löw in Amsterdam auffallend oft das Wort "Balance" in den Mund. Über ein Gleichgewicht zwischen den Mannschaftstilen und einer daraus folgenden Stabilität auf dem Platz kann man mit ihm schon sprechen. Aber seine Priorisierung bleibt dieselbe. Selbst wenn sie mitunter nur zwischen den Zeilen und zwei Schlucken aus seiner Espresso-Tasse herauszuhören sind: "Das Wichtigste am Fußball ist, in der Offensive viel Kraft zu entwickeln und dabei die Defensive nicht zu vernachlässigen."

Bei einer Niederlage droht Ungemach

Vielleich auch deshalb ist die Aufarbeitung des Schweden-Spiels noch gar nicht richtig abgeschlossen. Das erstaunt einen doch. "Im Trainerstab wurde schon intensiv danach gesprochen", verrät Löw. Es wurden auch ein paar Telefonate mit bestimmten Spielern nach dem 4:4 geführt. "Wichtiger ist jetzt, in diesen zwei Tagen aber über Holland zu sprechen und nicht zwei Stunden über Schweden. Das wäre nicht sehr motivierend", findet der Bundestrainer, der die Mannschaft von Bondscoach Louis van Gaal "unabhängig vom Schweden-Spiel unter Druck setzen will". Kein Wort des Jammerns über die Absageflut seiner wichtigsten Akteure geht Löw an diesem Nachmittag über die Lippen. Stattdessen freue er sich auf die Partie, die ihm "wichtige Erkenntnisse" bringen werde, weil nun "andere Spieler die Chance haben, sich gegen Holland zu bewähren". Auch diese Einstellung spricht mehr für als gegen den Bundestrainer.

So sehr man Joachim Löw für seine Standhaftigkeit in Sachen Spielphilosophie bewundern kann, das Ganze ist für ihn nicht ohne Risiko. Vor allem der Zeitpunkt des Testspiels gegen die Niederlande ist heikel. Denn das Ergebnis wird erst einmal eine Weile stehen. Bis zum 6. Februar, wenn die nächste Partie gegen Frankreich ansteht. Nach EM-Frust und Schweden-Panne geht es am Mittwoch in Amsterdam um mehr. Ein Ausrufezeichen wie das brillante 3:0 gegen die Niederlande vor genau einem Jahr wäre ideal zur allgemeinen Stimmungsaufheiterung und würde Debatten um vermeintlich falsche Mentalität und fehlendes Führungspotenzial in der DFB-Auswahl nicht über den Jahreswechsel ziehen. Bei einer deutlichen Niederlage hingegen könnte es möglicherweise so ungemütlich wie nie zuvor für Löw werden. Davor wird ihn wohl nicht einmal die 1B-Besetzung seiner Mannschaft schützen.

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