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Aus der Traum

Es sollte die Partynacht des Jahres werden. Am Ende liegen sich erwachsene Männer weinend in den Armen. Um 22.38 Uhr war der Dortmunder Traum vom Champions-League-Sieg geplatzt.

Von Michael Westerhoff, Dortmund

Heike aus dem sauerländischen Balve fehlen die Worte. Sie presst noch kurz ein "mir reicht's" hervor, zerrt an ihrem Mann, will nur noch ins Hotelzimmer. 90 Minuten hat sie mit 10.000 anderen Fans auf dem Dortmunder Friedensplatz mitgezittert, mitgefeiert und mitgesungen. Jetzt will sie nur noch ihre Ruhe. Bereits am Mittag war sie mit ihrem Mann die 56 Kilometer aus dem Sauerland nach Dortmund gefahren. Es sollte der größte Tag seit dem Champions-League-Sieg 1997 werden.

Viele waren noch früher dran als das Paar. Hendrik und seine Freunde hatten sich schon um 10 Uhr morgens einen Platz vor der Großbild-Leinwand auf dem Dortmunder Friedensplatz gesichert: "Wir haben bei Facebook gelesen, dass man schon so früh da sein muss, wenn man einen Platz bekommen will."

Jetzt sind sie die allerersten auf dem Platz. Die Bierwagen und Würstchenbuden sind noch geschlossen, also holen sie schnell beim Kiosk um die Ecke die ersten Bierdosen und genießen die Dortmunder Sonne. Gegen 13 Uhr wird es voll auf dem Platz. "Olé, hier kommt der BVB" - die Fans stimmen die ersten Lieder an.

Sieger-Schals als böses Omen

Etwas entfernt hat Manfred Kübler seinen Stand mit Fanschals aufgebaut. "Champions- League-Sieger 2013" steht auf einem der schwarz-gelben Schals. Etwas voreilig. Ein schlechtes Omen? "Nein. Im Gegenteil", sagt Kübler: "Wir hatten bei der Meisterschaft 2012 auch schon welche, als der BVB noch gar kein Meister war. Und dann sind sie es geworden."

Zu diesem Zeitpunkt schlendert Heike aus Balve mit ihrem Mann durch die Stadt. Die Geschäfte sind schwarz-gelb geschmückt, der Bäcker verkauft BVB-Amerikaner, vom Kleinkind bis zur Rentnerin greifen alle zu. Fast jeder trägt ein Trikot oder zumindest einen schwarz-gelben Kranz mit Plastikblumen um den Hals.

Heike hat ihrem Mann ein schwarzes Plastik-BVB-Hütchen geschenkt. Er ist eigentlich Gladbach-Fan und noch sauer wegen des Wechsels von Marco Reus nach Dortmund, aber heute muss er für den BVB jubeln. Eheliche Pflicht.

16 Uhr. Der Friedensplatz ist schon fast komplett voll. In der Mitte haben Sascha und seine Freunde Platz genommen und öffnen ein 5-Liter-Partyfässchen. Sascha ist trotz des Wechsels zu den Bayern in seinem Götze-Trikot gekommen: "Vielleicht merkt er ja in München, dass er bei uns zu Hause ist und kommt wieder zurück", hofft der 19jährige.

SEK-Beamte patroullieren über den Friedensplatz

Von den Terrorwarnungen hat sich niemand abschrecken lassen. 50.000 Menschen stehen auf den drei Public-Viewing-Plätzen in der City und fiebern dem Anpfiff entgegen. Auf den Dächern stehen bewaffnete Polizisten, über den Friedensplatz gehen schwer bewaffnete SEK-Beamte Streife. "Es besteht keine Gefahr", beruhigt Kim Freigang von der Dortmunder Polizei die Medien. Angesichts des massiven Polizeiaufgebots zweifeln einige an dieser Aussage. 1000 Beamten sind an diesem Abend im Einsatz.

Heike und ihr Mann haben sich an den Rand des Friedensplatzes gestellt. Mitten ins Getümmel wollen die beiden nicht. "Wir gewinnen 2:1", tippt Heike. Ihr Mann nickt brav und jubelt dem BVB zu. Auf der Leinwand zeigt das Fernsehen Bilder von Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Die Masse gröhlt: "Steht auf, wenn ihr Steuern zahlt".

Anpfiff. Heike wird ruhiger. Ihr Mann schreit und singt. Borussia macht das Spiel. Die Stimmung auf dem Friedensplatz kocht über. Jeder Schuss, jede Ecke wird laut bejubelt von den Fans. Nur im Moment, als die Kameras Mario Götze auf der Tribüne im Londoner Wembley-Stadion zeigen, erklingt ein gellendes Pfeif-Konzert.

Platz der Tränen

Dann das 1:0 für die Bayern. Heike ist geschockt. Erst als der BVB den Ausgleich erzielt, taut sie wieder auf. Jubelt und singt, liegt sich mit wildfremden Menschen in den Armen. "Ja, jetzt kann es noch klappen", ist sie überzeugt. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Ein Pärchen spannt einen Schirm auf. Der Blick auf die Leinwand ist versperrt. Heike schimpft wie ein Rohrspatz, bis die beiden ihn wieder zuklappen. 89. Minute. Tor durch Robben. Nachspielzeit. Totenstille auf dem Platz. Die ersten kämpfen mit den Tränen.

Schluss. Der FC Bayern gewinnt die Champions League. Heike will nur noch zurück ins Hotel. Als die Bayern den Henkelpokal bekommen, sind nur noch ein paar Dutzend Fans auf dem Friedensplatz. Paare liegen sich in den Armen und weinen. Der Traum ist geplatzt. Die geplante längste Partynacht des Jahres wird zu einer der kürzesten.

Enttäuscht und schweigend ziehen die meisten nach Hause. Einige Aufrechte singen BVB-Lieder oder "Vizemeister, Vizemeister". Noch schnell ein Bier vom Kiosk holen und dann in die warme Wohnung. Es ist ruhig in Dortmund. Viel ruhiger als sonst in einer Samstagnacht.

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