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Boateng: Deutsche Nationalspieler bedankten sich für Foul an Ballack

Ein Foul mit Folgen: Kevin-Prince Boateng tritt auf den Fuß von Michael Ballack, der deshalb die WM 2010 verpasst. Fast sechs Jahre später erinnert sich der Übeltäter in seiner neuen Biografie: Nicht alle Deutschen waren damals sauer auf ihn. Im Gegenteil.

Kevin-Prince Boateng foult Michael Ballack

Kevin-Prince Boateng (l.) über sein Foul im englischen Pokalfinale 2010 gegen Michael Ballack: "Fünf Minuten später kam im Mittelfeld halt der Zug vorbei"

Der ARD ist es einen Brennpunkt wert, gleich nach der Tagesschau: Wegen eines fiesen Fouls von Kevin-Prince Boateng fällt Michael Ballack, Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, für die WM 2010 aus. Die Aufregung ist groß, der allgemeine Tenor lautet: Wie soll das Team ohne seinen Anführer funktionieren? Brauchen Jogis Jungs beim Turnier in Südafrika überhaupt anzutreten?

Das Ende der Geschichte ist bekannt: Die junge Mannschaft fegt England (4:1) und Argentinien (4:0) in legendären Spielen weg, wird am Ende Dritter. Boateng bleibt trotzdem der Buhmann des deutschen Fußballs. Oder doch nicht? In seiner neuen Biografie "Ich, Prince Boateng", aus der "Bild" exklusiv Auszüge vorab druckt, erinnert sich der 28-Jährige an die Ironie der Geschichte: "Ich habe Nachrichten von deutschen Nationalspielern bekommen mit dem Tenor: 'Gut, dass er nicht dabei ist.' Es soll im deutschen Lager einige gegeben haben, die sich klammheimlich darüber freuten, dass Ballack nicht dabei war."

Michael Ballacks Standing war "weiß Gott nicht gut"

Das Standing des Kapitäns sei in der Mannschaft "weiß Gott nicht gut" gewesen, so Boateng. Keiner habe sich über die Verletzung gefreut, aber viele hätten die Option "ohne Ballack" sogar besser gefunden.

Boateng verbindet seit Beginn seiner Karriere eine innige Abneigung mit Ballack, der als Spieler des FC Bayern München dem damaligen Jungprofi von Hertha BSC Berlin beim ersten Zusammentreffen absichtlich auf den Fuß tritt: "Ich war gerade 18", so Boateng in seinem Buch, "seit diesem Tag war er mir unsympathisch."

Immer wieder gibt es im Laufe der Jahre Nickligkeiten zwischen den beiden, auch dem folgenschweren Foul im englischen Pokalfinale zwischen Ballack-Club FC Chelsea und Boatengs Portsmouth waren Wortgefechte und eine Rangelei vorausgegangen. Ballack habe Boateng auch ins Gesicht geschlagen: "Die Ohrfeige war nicht nur so ein Klaps, sondern schon ein richtiger Wischer. Fünf Minuten später kam im Mittelfeld halt der Zug vorbei."

Für die Fußballfans in Deutschland ist der stets unbequeme Boateng mit der rüden Aktion gegen die Nationalelf-Ikone der Nuller Jahre aber endgültig in Ungnade gefallen. In Briefen und über die sozialen Medien erhält er Drohungen: "Nigger, vergasen sollte man dich" oder "Wir vergewaltigen deine Frau!" oder "Man sollte deinen Pass einziehen". Er habe die Briefe der Polizei übergeben und sei - wenn überhaupt - nur noch mit zwei Bodyguards vor die Tür gegangen.

Kevin-Prince Boateng: Nirgendwo sicher vor dem Hass

Vor dem Hass ist Boateng nirgendwo sicher: "Einmal brachte ich den Müll raus, es war Sonntagabend und eine Seniorengruppe radelte an mir vorbei. Der letzte, ein älterer Herr um die 80, drehte sich zu mir um und streckte mir den Mittelfinger entgegen. Und das in Viersen, dem wohl nettesten Örtchen in ganz Deutschland."

Für Boateng-Biograf Christian Schommers kocht die Volksseele seinerzeit "ein Stück weit übertrieben" hoch. "Er war danach noch auf Schalke", sagt der Journalist, mit dem der Profi vom AC Mailand das Buch geschrieben hat, "aber eigentlich war er in Deutschland verbrannt. Nicht umsonst fühlt er sich in Mailand inzwischen wohler." Was das Foul an Ballack betrifft, gelte aber: "Wer austeilt, muss auch einstecken können - und Boateng hat nun mal kräftig ausgeteilt."

tim
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