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Götter spielen, Klinsmann weint

Nach dem Champions-League-Spiel zwischen Barcelona und Milan schrillen bei Jürgen Klinsmann die Alarmglocken. Auch wenn kein Tor fiel: Die hochklassige Darbietung hat dem Bundestrainer Angst gemacht.

Von Klaus Bellstedt

Selten hat man Jürgen Klinsmann in letzter Zeit so betrübt gesehen. Im Fernsehstudio des TV-Senders Sat 1 setzte der Bundestrainer nach dem Champions-League-Spiel Barcelona gegen Milan sein finsterstes Gesicht auf. Ehezoff? Hund gestorben? WM-Aus für Michael Ballack? Nein, alles halb so schlimm, oder vielleicht doch nicht? Klinsmann wurde beim Betrachten des mitreißenden Halbfinal-Rückspieles mal wieder vor Augen geführt, wie weit der deutsche Fußball derzeit von der europäischen Spitze entfernt ist. Es schien so, als ob im deutschen Nationalcoach im Hinblick auf die WM erstmals die Angst vor einem echten Desaster hochstieg. Sein Kommentar hinterher war jedenfalls viel sagend, aber dazu später mehr.

Berauschen wir uns zunächst noch einmal an den 90 Minuten Camp Nou. Es war ein Fußballspiel der modernsten Prägung, geführt von zwei Mannschaften, die sich auf Augenhöhe begegneten. Schon in der ersten Hälfte hatte sich ein hochklassiges Match entwickelt, taktische Fesseln waren wegen der Ausgangslage (Barca gewann das Hinspiel 1:0) sofort gelockert. Beide Mannschaften suchten den direkten Weg zum Tor. Entscheidend für das torlose Remis zur Pause war, dass die Gastgeber die Italiener durch Forechecking und unglaublich konsequentes Verengen der Räume vom eigenen Tor festhielten.

Überall deutsche Tugenden

Welche immensen körperlichen Anstrengungen hinter so einer Spielweise stecken, weiß jeder Hobbykicker. Bei der genaueren Betrachtung von Barcelonas Mittelfeldspieler Deco muss Jürgen Klinsmann Tränen in den Augen gehabt haben. Dem kleinen Portugiesen kam, was die Ballzirkulation im kompakten Mittelfeld anging, eine Schlüsselrolle zu. Wie kein anderer Spieler verstand er es, defensive und offensive Aufgaben in gleicher Weise wahrzunehmen. So einen hab ich nicht in meinem Kader, mag sich der Bundestrainer gedacht haben.

Aber wohin Jürgen Klinsmann auch blickte: Überall auf dem Feld sah er Spieler, in einer mehr als beachtlichen körperlichen Verfassung. Noch wissen wir nichts über die Ergebnisse des Fitnesstests der deutschen Nationalmannschaft von dieser Woche. Der Trainer kennt die Werte auch noch nicht, aber er rechnet offenbar mit dem Schlimmsten. "Wir haben noch eine Menge aufzuholen", sagte er und klang dabei irgendwie resigniert. Das ist verständlich, weil die Mär von den viel gepriesenen deutschen Tugenden, die uns bis jetzt noch durch jedes WM-Turnier getragen haben, vorüber ist. Und mehr noch: Wir hinken auch auf diesem Gebiet hinterher. Jeder, der das Glück hatte, sich den Leckerbissen zwischen Barca und Milan anzuschauen, konnte sich davon eindrucksvoll überzeugen. Damit wir uns richtig verstehen: Wie reden hier lediglich über die körperliche Fitness. Über die Spielkunst eines Ronaldinhos liegt schon längst der Mantel des neidvollen Schweigens...

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