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Am Ende des Wahnsinns

Drei Jahre und sechs Monate Haft für Uli Hoeneß. Das ist der vorläufige Schlusspunkt in einem Drama, das zu großen moralischen, rechtlichen und politischen Diskussion anregt - vor allem aber verstört.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

  Sichtlich gezeichnet sitzt Uli Hoeneß nach der Urteilsverkündung hinter den getönten Scheiben seines Autos

Sichtlich gezeichnet sitzt Uli Hoeneß nach der Urteilsverkündung hinter den getönten Scheiben seines Autos

Drei Jahre und sechs Monate Haft für Uli Hoeneß. Das ist atemberaubend. Egal, wie man zu Hoeneß steht. Egal, wie man zum FC Bayern steht. Und auch trotz jener bisweilen surrealen drei Verhandlungstage, die dem Urteil vorausgingen. 3,5! 18,5! 27,2, zuletzt 28,5 Millionen! Wer bietet mehr? Drei Jahre und sechs Monate Haft für Uli Hoeneß. Revision hin oder her. Uli Hoeneß ist höher geflogen als, ja, alle anderen. Und er ist jetzt auch tiefer gefallen. Richter Rupert Heindl hat das nun mit seinem Urteil festgeschrieben. Hoeneß. Der Bayern-Macher. In Haft. Eigentlich unvorstellbar.

Ob das Urteil gerecht ist, ob die Strafe zu hart, zu milde, genau richtig ist, das werden wir nun rauf und runter diskutieren. Fest steht, dass Richter Heindl mit seinem Urteil auch den vorläufigen Schlusspunkt in einem Fall setzt, der weit mehr ist als ein juristischer Prozess - der Fall Hoeneß ist ein Drama, das viele berührt, das alle angeht. Nicht zuletzt deshalb gingen die Websites mit Verkündung des Urteils in die Knie.

Halten Sie das Urteil im Prozess gegen Uli Hoeneß für gerecht?

Abstoßend und faszinierend

Da ist, klar, die psychologische, die menschliche Komponente, ebenso abstoßend wie faszinierend. Ferndiagnosen verbieten sich. Aber die Tatsache, dass mit Hoeneß wieder einer, der alles hatte, wovon man nur träumen mag - Erfolg, Geld, Ruhm - seine Lebensleistung mit einer wahnsinnigen Zockerei in der Schweiz und mit schnöder Steuerhinterziehung aufs Spiel setzt, das ist nach wie vor unerklärlich. Dass er, als er dann entdeckt wird, weiter zockt, diesmal mit der Wahrheit, alles nur scheibchenweise zugibt, dass er meint, damit davonkommen zu können, das zeugt von einer für Normalmenschen unvorstellbaren Psyche. Und einer Tragödie.

Dass Hoeneß sich offenbar selbst auch nicht für einen normalen Menschen hielt, sondern für einen, der sich über die Gesetzmäßigkeiten der anderen erheben durfte, das ist die gesellschaftliche und die politische Dimension dieses Falls. Denn hier steht Hoeneß stellvertretend für einen Teil der deutschen Elite, die sich als Spitze der Gesellschaft versteht, aber nicht an deren Regeln gebunden wähnt. Dass Hoeneß als feudaler Spender, als gönnerhafter Patriarch, aufgetreten ist, ändert daran nichts. Sein Fall, sein Urteil, wird im Milieu der Reichen und Mächtigen die größte Abschreckungswirkung entfalten. Denn es zeigt eindrücklich, dass die Justiz auch die Großen nicht laufen lässt. Hoeneß war einer der Größten. Die Botschaft könnte nun nicht klarer sein: Niemand darf sich über das Gesetz erheben.

Peinliche Nibelungentreue des Aufsichtsrats

Auch für uns Journalisten ist der Fall Hoeneß ein Lehrstück. Der stern hat darin mit seinen Recherchen eine wichtige Rolle gespielt. Dass die Recherchen die Erstellung der Selbstanzeige beeinflusst haben, ist eine Sache. Eine andere ist es, dass Hoeneß die Redaktion für ihre Veröffentlichung mit allen Mitteln attackiert hat. Das ist okay. Aber es zeigt auch, wie unverzichtbar gut arbeitende, eigene Rechtsabteilungen für Journalisten sind. Auch sie müssen sich verteidigen lassen können, wenn die Großen große Geschütze auffahren.

Der FC Bayern wird jetzt handeln. Die peinliche Nibelungentreue des Aufsichtsrats, dieser Versammlung der Sponsoren, wird Hoeneß nicht als Vorsitzenden halten können. Und es bleiben viele Fragen, die noch ungeklärt sind. Woher kam das Geld für seine Zockerei? Gibt es noch weitere Verstrickungen? Wieso hat er erst im letzten Moment die hinterzogene Summe nach oben korrigiert? Gab es noch weitere Geschäfte? Auch über Sinn und Unsinn des Instruments der Selbstanzeige muss diskutiert werden. Und doch, am Ende wird im Fall Hoeneß das Unverständnis bleiben. Ein Kopfschütteln. Wie konnte er nur? Drei Jahre und sechs Monate. Wahnsinn.

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