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"Mein Gefühl sagt mir, dass es nicht mehr lange dauert"

Marcus Wiebusch liefert mit dem Lied "Der Tag wird kommen" und dem Clip dazu einen Appell an Toleranz für Homosexualität im Sport. Im stern-Interview spricht er über Entstehung und Folgen.

Von Felix Haas

  Marcus Wiebusch glaubt, dass sich dank Thomas Hitzlspergers Coming-Out bald endlich ein aktiver Fußballprofi outen könnte

Marcus Wiebusch glaubt, dass sich dank Thomas Hitzlspergers Coming-Out bald endlich ein aktiver Fußballprofi outen könnte

Herr Wiebusch, hat Thomas Hitzlsperger Sie eigentlich schon einmal kontaktiert?

Witzig, dass Sie das Fragen. Er hat mich gerade erst für Ihre Kollegen von den "11 Freunden" interviewt. Da will ich natürlich nicht zu viel verraten. Nur so viel: Er kannte den Song schon vor dem Kurzfilm, hat ihn bei einem Kölner Radiosender gehört. Er findet den Song gut und wichtig.

"Der Tag wird kommen" sendet eine emotionale Botschaft gegen Homophobie. Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?

Ich bin durch und durch Fußballfan, gehe seit 25 Jahren zu Spielen vom FC St. Pauli. Mein Bruder ist homosexuell und wir schauen viele Spiele gemeinsam an. Wir haben viel und lange debattiert, warum es keine Coming-Outs von aktiven Spielern gibt. Danach war mir klar: Dazu muss ich einen Song schreiben. Ich habe dann viel recherchiert und gelesen, mit befreundeten Sportjournalisten gesprochen. Drei Monate lang habe ich dann an dem Song geschrieben. Im vergangenen November war er dann fertig.

Man darf sagen, er ist ein kleines Epos geworden. Immerhin ist der Song sieben Minuten lang. Normale Popsongs laufen vielleicht drei Minuten.

Ich wollte nicht unterkomplex bleiben. Es sollte eben nicht nur um Fußball gehen, sondern auch um Fortschritt. 1905 waren auch noch viele der Meinung, dass Frauen niemals wählen würden. Es kam anders. Warum sollte das mit Homosexualität im Fußball anders sein? Diese Dimension war mir ganz wichtig.

Ihr Lied bedient sich am Beispiel Fußball, aber es geht genauso um die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität. Bricht nach dem ersten Mutigen der Damm? Ist dann die volle Toleranz in der Gesellschaft da?

Homophobie wird es immer geben, das ist beim Rassismus ja ähnlich. Doch das Feld ist umkämpft. Die Stimmung in den Stadien ist im Wandel.

Ihr Video zeigt viele Fans, die entschlossen in die Kamera gucken. Haben die Vereine oder der DFB geholfen?

Ehrlich gesagt: Der Großteil davon ist dank meiner harten Arbeit entstanden. Das wollte ich aber auch so. Ich habe die Fanbeauftragten aller Vereine angeschrieben, meinen Song vorgestellt. Ich habe gesagt: Ich würde gerne diesen Film dazu drehen. Die Reaktionen waren enorm unterschiedlich. Es war alles dabei: von Missachtung bis hin zu einem euphorischen "Wir sind dabei!" Letztlich sind es zehn Vereine geworden.

Der Kurzfilm unterstützt den Song eindrucksvoll. Hatten Sie von vorneherein diese bewegenden Bilder im Kopf?

Ich bin den Song sehr szenisch angegangen. Ich mache das häufig so, ich bin ein sehr Film- und Serien-affiner Typ und ich mag gute Geschichten. Deswegen hatte ich ganz, ganz früh diese Idee von einer filmischen Umsetzung. Man kann schon sagen: Ein kleiner Spielfilm war schon beim Songwriting in meinem Kopf.

Sie dachten also stark in Bildern.

Und damit diese kraftvollen Bilder auch Wirklichkeit werden konnten, schrieb ich ein Drehbuch und präsentierte es einer Filmfirma. Dort empfahl man mir, mit einem Budget von 30.000 Euro zu kalkulieren.

Das konnte ihr kleines Label Grand Hotel van Cleef nicht aufbringen.

Ja, daher kam die Idee mit dem Crowdfunding. Die Resonanz war überwältigend. Insgesamt kamen letztlich 54.000 Euro von 1048 supportern zusammen.

Herr Wiebusch, schon die Kollegen der "Zeit" haben Ihnen die Frage kürzlich in einem Interview gestellt. Aber es muss jetzt sein: Wann wird der Tag kommen?

Ich habe natürlich keine Ahnung, aber mein Gefühl sagt mir, dass es nicht mehr lange dauert; dass die Möglichkeit besteht, dass sich ein Spieler outet. Ob der Spieler diesen Schritt geht, muss er natürlich ganz alleine wissen. Das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger war ein Baustein, der dafür sorgen könnte, dass es bald soweit ist. Die Aktion der Arsenal London Spieler dieses Wochenende (Die Spieler tragen als Zeichen gegen Homophobie im Fußball regenbogenfarbene Schnürsenkel) ist ein Baustein, die vielen Fan-Initiativen gegen Homophobie im Fußball sind Bausteine und vielleicht leistet mein Film auch einen kleinen Beitrag. Ich hoffe einfach, dass das Thema nicht wieder ein Jahr in der Versenkung verschwindet.

Vielen Dank für das Gespräch.

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