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27. März 2008, 12:40 Uhr

Auf Tuchfühlung mit dem Torero

Mit 22 Fußballer des Jahres, fast so viele Tore wie Luca Toni und ein starker Auftritt gegen die Schweiz. Bundestrainer Löw hört gar nicht auf zu schwärmen - zu Besuch beim spanischen Schwaben Mario Gomez, Deutschlands großer EM-Hoffnung. Von Mathias Schneider

Seine spanischen Wurzeln sind sichtbarer als die schwäbischen, und im Süden will Mario Gomez später auch leben© Maks Richter

Wenn er sie orten sollte, die Basis seines Aufstiegs - was käme heraus? Mario Gomez muss überlegen, bevor er antwortet. "Er war es. Er hat mir gezeigt, was man mit Arbeit erreichen kann. Das prägt", sagt er und meint seinen Vater. Die Familie also, dort liegt sein Kraftfeld. Ob man sie besuchen dürfe, um den Jungen, um den sich die halbe Fußballwelt reißt, besser zu verstehen? Wieder überlegt Gomez.

Denn die Dinge liegen nicht mehr gar so einfach. Eine Person des öffentlichen Lebens ist dieser Mario Gomez, 22, aus Unlingen, Landkreis Biberach, Schwaben, Deutscher Meister mit dem VfB Stuttgart, Fußballer des Jahres. 15 Tore in dieser Bundesligasaison, so viele wie Bayerns Luca Toni, eine Traumquote. Im Spiel gegen die Schweiz hat er mit zwei Toren dieses Versprechen eingelöst. Jetzt hofft ein ganzes Land, dass im Juni bei der Europameisterschaft die Fortsetzung folgt. Gomez ist jetzt ein Star, und von Christoph Daum bis zu Joachim Löw sind sich alle sicher, dass er bald in der Gewichtsklasse der Rooneys und Drogbas spielt. Außer bei den Lieben daheim gibt es für so einen kaum Möglichkeiten zum Rückzug. Nach etwas Zögern stimmt er einem Besuch bei den Eltern zu. "Es muss aber die Ausnahme bleiben."

Mit unerschütterlicher Liebe erzogen

Am nächsten Tag steht man vor einem schmucken Einfamilienhaus in Unlingen, einer 2500-Seelen-Gemeinde. Der Hausberg Bussen ruht friedlich im Hintergrund, ringsum Wiesen und Hügel. Der Vater Pepe, 49, ein kleiner Mann mit schwarzem Haar, weichen Augen und Armen wie ein Holzfäller, bittet hinein und an den Esstisch im hellen Wohnzimmer. Zierblumen auf der Fensterbank, in der Ecke ein paar frische Tulpen. Christa, die Mutter, setzt sich dazu. Sie sieht mit ihren schwarzen Haaren und dunklen Augen ebenfalls aus, als käme sie aus Spanien. Die Schwester Jasmin, 25, Architektin, lebt mit ihrem Freund in einer Wohnung im Haus. Und der Mario? Schaut noch immer einmal pro Woche vorbei. Die Bande sind eng.

Pepe Gomez hat seine Kinder mit einer unerschütterlichen Liebe erzogen, der sein Sohn heute seine Zuversicht verdankt. Mit elf Jahren kam er mit der Familie aus dem südspanischen Dörfchen Albuñán nach Unlingen. Ein Gastarbeiterkind. "Ich hatte damals kein Geld für Fußballschuhe, und manches Mal sind wir hungrig ins Bett gegangen", sagt er. 1981, er war gerade Anfang 20, konnte er bereits mit dem Bau des eigenen Hauses beginnen. Heute gehört ihm ein Malerbetrieb.

Er hat hart gearbeitet und ließ doch dem Sohn seine Freiheit. Nur die Noten mussten stimmen. "Ich habe ihm immer gesagt, er soll das Abitur machen, dann kann er immer noch Sport studieren, wenn es mit dem Fußball nicht klappt." Das Fachabitur erledigte sein Mario nebenher. "Er hat ja nie viel lernen müssen." Ein einfaches Kind sei er gewesen. Kein Alkohol, keine Discos, nur ein Gedanke: Fußball. Pepe Gomez war auch Marios erster Trainer. Einer jener typischen Fußball- Väter, die sich über den eigenen Sohn definieren, sei er aber nie gewesen. Von ihm habe Mario zwar den Ehrgeiz, das Temperament. Angetrieben habe er den Filius aber nie. Wenn seine Kinder nur bescheiden und ehrlich gerieten, war alles gut.

Erst als Mario 15 war, entließ der Vater ihn in das VfB-Internat nach Stuttgart, obwohl ihn mancher Späher schon Jahre zuvor angemault hatte, ob er seinem Spross die Karriere verbauen wolle. Pepe kann das nicht verstehen. "Was will denn ein Kind mit 13 allein woanders? Das ist doch viel zu früh." Lieber haben sie ihn ins nahe Bad Saulgau gefahren und auch zum SSV Ulm. Irgendwann war er dann einfach zu gut. Mario Gomez sagt heute über seine Kindheit, sie sei "beinahe luxuriös" gewesen. In die italienische Trattoria Vivaldi hat er zum Mittagessen gebeten. Auf die Sekunde pünktlich steht er vor der Tür.

Fünf Minuten sind es vom Gottlieb-Daimler- Stadion hierher, einfach den Berg hinauf. Man befindet sich in der inoffiziellen Vereinsgaststätte, nicht nur, weil das Team neulich seine Krisensitzung hier abhielt. Auch der Trainer Armin Veh ist ein regelmäßiger Gast. Zwei Trikots markieren seinen Tisch. Weil Veh heute pausiert, nimmt sein bester Stürmer Platz, Gomez bestellt Spaghetti mit Thunfisch.

Er hat sich verändert, das wird schnell deutlich, tritt selbstsicher auf. Nichts erinnert mehr an den schüchternen Burschen, der im Mai 2006 am Flughafen Stuttgart-Echterdingen am Gate saß, um als Fan das Champions-League-Finale zwischen Arsenal London und dem FC Barcelona zu besuchen. Ob er sich beim VfB Stuttgart durchsetzen werde, war da noch die Frage. Gomez mochte nicht viel sagen. Er war ja nicht mal Stammspieler.

Muskeln panzern jetzt den einst schlaksigen Körper. Unter die Hülle lässt er sich aber noch immer nicht schauen. Deshalb zum Auftakt eine kleine Finte. Was sagt er zu folgender Einschätzung?: "Ich erlebe Mario als sehr reife Persönlichkeit. Er verfolgt seine Ziele mit Vehemenz. Er will in die absolute Spitze. Sein Weg ist imposant, er hat eine unglaubliche Ausstrahlung, sein Torhunger ist sehr ausgeprägt. Es ist schwierig, bei ihm noch eine Schwäche auszumachen. Er hat ein unglaubliches Potenzial, wie nur ganz wenige Stürmer in Europa in diesem Alter. Diesen Spieler werden wir in Deutschland unbedingt brauchen."

Gomez blickt ungerührt. Als er hört, dass es der Bundestrainer Joachim Löw ist, der ihn mit so viel Lob überhäuft, sagt er nur: "Das freut einen natürlich." Er nimmt das zur Kenntnis, als gutes Zwischenzeugnis. Wirklich geschmeichelt scheint er nicht.

Er will die ganz große Karriere

Mario Gomez hat niemals etwas anderes angestrebt als die ganz große Karriere. Wohl selten hat man in Deutschland einen Fußballspieler erlebt, der ähnlich zielgerichtet seine Ausbildung vorantrieb. "Ich weiß, dass ich super Voraussetzungen für Profisport habe. Ich weiß, dass nicht jeder so einen Körper hat und mit beiden Beinen gleich gut schießen kann."

Er meint das nicht arrogant. Mario Gomez ist so höflich und bescheiden, wie er es schon als Jugendspieler war, die Erziehung hat voll angeschlagen. Doch die Unsicherheit ist weg. Er erinnert nun in seinem Auftritt an Dirk Nowitzki, dezent, aber bestimmt. Es ist kein Zufall, dass er den NBA-Star bewundert und ebenfalls so wirkt, als lasse er sich weder von Lob noch von Kritik verrückt machen. Eine wertvolle Qualität für einen Stürmer.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 13/2008

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