Der Abnutzungskampf im Profifußball ist offenbar nur noch unter massivem Einsatz von Schmerzmitteln zu ertragen. Der Fall Klasnic zeigt, dass der Tablettenkonsum oft bedenkenlos und ohne Rücksicht auf Risiken und Nebenwirkungen erfolgt. Mediziner und Fifa schlagen Alarm. Von Frank Hellmann

"Eine leichte Niereninsuffienz" diagnostizierten externe Ärzte bereits 2002 bei Ivan Klasnic© Carmen Jaspersen / DPA
Es gibt ziemlich verklärende Geschichten über den Schmerz, den Fußballer wahlweise aushalten oder unterdrücken. Dazu kann man Marko Pantelic, den Stürmer von Hertha BSC befragen, der sich am vergangenen Wochenende nach 30 Spritzen fit meldete. Eigens verabreicht von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Arzt des FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft.
Wenigstens für einen Teilzeiteinsatz langte die schmerzstillende Behandlung, die möglich machte, dass der Serbe nach Zwicken in Wade, Knie, Leiste und Rücken plötzlich mitwirkte.
Oder man erkundigt sich bei Jermaine Jones, der seine letzte Saison für Eintracht Frankfurt nur mit massivem Gebrauch von schmerzstillenden Präparaten überstand, nachdem ihm monatelang ein Ermüdungsbruch und Entzündungen im rechten Schienbein spielunfähig machten. Kann nicht sein, sagte sich der scheinbar unverwüstliche Einzelkämpfer. Und griff regelmäßig zu Schmerztabletten. Eine vor jedem Training. Zwei vor jedem Spiel. Tag für Tag, Woche für Woche.
"Manchmal habe ich auch mehr genommen", verriet Jones einmal. Irgendwann war der Frankfurter, dessen Auftreten Trainer Friedhelm Funkel "bewundernswert" nannte, nicht mehr einsatzbereit - der Magen machte nicht mehr mit. Wegen der Medikamente. Gestört hat sich an der Causa Pantelic wie Jones niemand.
Offenbar hat es den Fall Ivan Klasnic gebraucht, um einer breiten Öffentlichkeit zu verdeutlichen, dass der in gängigen Salben und Tabletten enthaltene Wirkstoff Diclofenac, der etwa zuhauf im Wundermittel Voltaren steckt, eben nicht nur die ach-so-tollen antientzündlichen und abschwellende Effekte hat, sondern auch eine ganze Latte an Nebenwirkungen.
"Der Beipackzettel ist ziemlich lang. Diclofenac ist ein gut wirksames Medikament mit entsprechend vielen Nebenwirkungen", warnt Ingo Tusk. Der Orthopäde ist nicht nur Mannschaftsarzt der Zweitliga-Fußballer von Kickers Offenbach und betreut die Fußball-Frauen des 1. FFC Frankfurt, sondern fungiert als Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, kurz DGSP.
Wenn sich Sportmediziner und Mannschaftsärzte fortbilden, dann lehrt Tusk. Etwa sagt der Doktor dann, dass das zur Gruppe der antisteroidalen Antirheumatika zählende Diclofenac - wenn überhaupt nötig - nur mit Magenschutzpräparaten verschrieben werden sollte. "Das Zeug wird viel zu lange und zu sorglos eingenommen. Manche Profifußballer brauchen das jeden Tag."
Eben der kroatische Nationalspieler Ivan Klasnic, dem schon 2001 bei seinem Wechsel zu Werder Bremen ein leicht erhöhter Kreatinin-Wert - ein Maß für die Nierenfunktion - bescheinigt wurde. "Eine leichte Niereninsuffienz" diagnostizierten externe Ärzte bereits 2002 - hätten da bei Werders Mannschaftsarzt Götz Dimanski nicht die Alarmglocken schrillen müssen?
"Als Sportmediziner schaue ich mit die Blut-, Nieren- und Leberwerte genau an. Ein Mannschaftsarzt muss wissen, was ein Kreatinin-Wert ist", betont Tusk. Genau das aber wird Dimanski vom Ehepaar-Klasnic zum Vorwurf gemacht.
Patricia Klasnic behauptete in der ARD-Sendung Beckmann: "Professor Arno Lison musste Götz Dimanski erklären, was ein Kreatinin-Wert ist." Es kam, was kommen musste: Offenbar bedenkenlos schluckte der Stürmer die Schmerzmittel, die in der Liga so beliebt sind. Über vier Jahre lang sollen Klasnic insgesamt 3250 Milligramm des Wirkstoffs Diclofenac verabreicht worden sein - sehr populär unter gestressten Profis, pures Gift für geschädigte Nieren.