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Der heiße Tanz um die Schale

Die Bundesliga geht in ihre heiße Phase und ist spannend wie selten zuvor. Gleich fünf Teams machen sich berechtigte Hoffnungen auf den Titel Mitfavorit Bayern spielt im Spitzenduell gegen Schalke. stern.de hat alle Anwärter auf Herz und Nieren geprüft.

Von Marius Koch, Tim Schulze und Klaus Bellstedt

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Klaus Bellstedt und Tim Schulze

Zuletzt ging es in der Saison 2000/2001 so spannend zu, wie in dieser Spielzeit. Die ersten fünf Teams in der Tabelle liegen sechs Spieltage vor Schluss nur sechs Punkte auseinander. Der VfL Wolfsburg könnte nach zehn Siegen in Folge zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte die Schale holen. Nach der Schande von Barcelona hat sich der FC Bayern wieder gefangen und will die Saison zumindest mit einem Erfolg abschließen. Der Hamburger SV und Hertha BSC Berlin befinden sich weiter in Lauerstellung, auch wenn ihnen auf der Zielgeraden der Saison etwas die Puste auszugehen droht. Der VfB Stuttgart könnte das Überraschungsteam werden - wie vor zwei Jahren. Der Endspurt wird zum echten Thriller. stern.de hat einen Blick auf die Meister-Kandidaten geworfen. Wie ist die aktuelle Form und welcher Faktor kann der entscheidende im Titelkampf sein?

Das Restprogramm aller Clubs im Überblick

Lesen Sie auf den folgenden Seiten die stern.de-Analyse der Meister-Kandidaten. Los geht es mit dem VfL Wolfsburg

VfL Wolfsburg

Aktuelle Form

In Wolfsburg flogen unter der Woche die Fetzen. Spielmacher Zvjezdan Misimovic lieferte sich mit Ersatzspieler Rodrigo Alvim eine handfeste Auseinandersetzung. Die Streithähne wurden schnell von den Kollegen getrennt. Magath reagierte am nächsten Tag mit einer ganz speziellen Trainingsübung: Er ordnete Schattenboxen und Ringen an. Kapitän Josué kommentierte ironisch: "Wir zeigen, dass wir Kampfgeist haben."

Im Saisonfinale steigt das Meisterschaftsfieber, die Wolfsburger führen nach der einmaligen Serie von zehn gewonnenen Spielen in Folge die Tabelle mit drei Punkten vor den Bayern an.

Der nächste Gegner lautet Cottbus, die sich zuletzt Schalke ohne Gegenwehr ergaben. Spielen die Wolfsburger so wie in den vergangenen Partien, dürften die abstiegsgefährdeten Lausitzer ohne Chance sein. Offensiv brilliert das Trio aus Spielmacher Misimovic und den Stürmern Grafite und Dzeko. Josué ist im defensiven Mittelfeld Schaltzentrale, Taktgeber und Abräumer. In der Viererkette stehen Simunek und Barzagli sicher vor Keeper Benaglio, der eine starke Rückrunde spielt. Marcel Schäfer agiert sehr effektiv auf der linken Außenbahn. Zur Belohnung erhielt Schäfer jüngst seine erste Berufung in die Nationalmannschaft. Fazit: In der aktuellen Form ist Wolfsburg neben Bayern der heißeste Meisterschaftskandidat. Die Mannschaft spielt attraktiv, effektiv und wirkt trotz des Vorfalls im Training wie eine feste Einheit.

Der Meisterfaktor

Trainer Felix Magath weiß, wie man ein Meisterteam formt. Mit den Bayern holte er zweimal hintereinander das Double. Als Trainer und Manager hat er sich die Mannschaft, die jetzt auf dem Platz steht, selbst gebaut, ohne Einflüsterungen von außen. Magath pflegt einen guten Draht zum mächtigen VW-Boss Martin Winterkorn, der Club versteht sich mittlerweile nicht mehr als Marketinginstrument des Konzerns, sondern das Bewusstsein der eigenen Größe und der Erfolgsanspruch vom Global Player VW scheinen sich (auch dank der großzügigen finanziellen Ausstattung) auf die Mannschaft zu übertragen. Wolfsburg will in die europäische Champions-League-Elite vorstoßen. Magaths verlängerter Arm auf dem Platz ist Kapitän Josué, die Schaltzentrale im defensiven Mittelfeld, das Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff. Der brasilianische Nationalspieler ist Kopf der Mannschaft und definitv in meisterlicher Form.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was der FC Bayern aus der "Nacht der Schande" gelernt hat

FC Bayern München

Aktuelle Form

Im Heimspiel-Doppelpack gegen Schalke und eine Woche später gegen Gladbach möchten die Münchner mit zwei Siegen den Drei-Punkte-Rückstand auf Wolfsburg verkürzen. Und das könnte wirklich gelingen. Nach den derben Pleiten in Wolfsburg und beim FC Barcelona hat sich das Team bei den beiden darauffolgenden Pflichtsiegen gegen Frankfurt und in Bielefeld vor allem in kämpferischer Hinsicht stark verbessert präsentiert - und Gras gefressen.

Sinnbildlich dafür steht die Aussage von Bayerns Innenverteidiger Martin Demichelis vor dem Hit gegen Schalke: "Wir werden kämpfen wie nie zuvor in der Geschichte des FC Bayern. Wir werden nicht aufgeben“, so der Argentinier. Spielerisch geht nach wie vor nicht viel beim Rekordmeister, aber auch egal: Rechtzeitig vor dem Schlussspurt haben die beiden wichtigsten Spieler von Trainer Jürgen Klinsmann, Franck Ribery und Luca Toni, ihre Form wieder gefunden. Der eine glänzt wie zu besten Zeiten als Vorbereiter, der andere knipst. So kann es gehen. Welchen Anteil der bei den Fans in Ungnade gefallene Jürgen Klinsmann daran hat, sei mal dahin gestellt. Der Coach hat sich nämlich nicht geändert. In Sachen Motivation und Trainingsgestaltung ist kaum ein Unterschied zu erkennen. "Das finde ich aber normal. Alles andere wäre Schwachsinn. Es geht ihm wie uns. Wir können Meister werden oder alles verspielen“, bringt Philipp Lahm die Sache auf den Punkt. Übrigens: Die Bayern gewannen bisher die (mindestens) sechs letzten Spiele einer Saison und wurden stets Meister, wenn sie die letzten sechs Spiele voll abräumten.

Der Meisterfaktor

Ganz klar: die peinliche 0:4-Klatsche in der Champions League beim FC Barcelona hat den gesamten Club in seinen Grundfesten erschüttern lassen. Die Kritik nach dem Desaster war teilweise überhart, aber sie hat ihre Wirkung nicht verfehlt - vor allem innerhalb der Mannschaft. Jeder Spieler aus dem Münchener Ensemble, der in der "Nacht der Schande" auf dem Platz im Camp Nou stand, hat ein Stück weit an Ehre verloren. Und genau dieses Stückchen Ehre beginnen sich die Akteure in Meisterschaftskampf jetzt zurückzuholen. Wie das geht? Nur über den Kampf, das haben die Bayern-Spieler anscheinend begriffen. Die Blamage von Barcelona als Wendepunkt einer (im Moment noch) verkorksten Saison? Gut möglich!

Lesen Sie nun, was Martin Jol mit dem HSV noch in petto hat

Hamburger SV

Aktuelle Form

Die kräftezehrende Saison für die Rothosen zeigt erste Spuren. Es scheint so, als ginge der Mannschaft von Trainer Martin Jol (wie so oft in der Vergangenheit) auf den letzten Metern die Puste aus. Im Uefa-Cup-Viertelfinale bei Manchester City mit Ach und Krach den Vorsprung nach Hin- und Rückspiel über die Zeit gerettet, gegen Hannover in der Bundesliga zuletzt zum knappen Sieg gerumpelt und im DFB-Pokal am Mittwoch im Elfmeterschießen nach zuvor 120 rassigen, aber eben auch aufreibenden, Derby-Minuten gegen Werder ausgeschieden: Der HSV geht auf dem Zahnfleisch. Hinzu kommen nun auch noch Verletzungen von Schlüsselspielern wie Petric, Demel und Pitroipa. Für Trainer Jol und sein Betreuerteam kommt es jetzt darauf an, in der täglichen Arbeit mit den Profis die richtige Mischung aus Training und Regeneration zu finden. Seit 22 Jahren wartet das fußballverrückte Hamburg auf einen Titel, aber derzeit sieht es nicht danach aus, als ob der HSV seine glänzende Ausgangsposition im Meisterschaftskampf auch nutzen wird. Denn was gibt es Schlimmeres für einen Fußballer, als wenn Körper und Geist die nötige Frische fehlt?!

Der Meisterfaktor

Trainer Martin Jol! Der mit allen Wassern gewaschene Holländer ist immer für eine Überraschung gut, was die Aufstellung betrifft, aber auch in taktischer Hinsicht. Gegen Werder in Pokal ging das allerdings gründlich schief. Jol wechselte sein System mit der Doppel-Sechs und ließ im Derby mit der offensiveren Variante, der Raute, spielen. Trotzdem: Der Coach stellt seine Mannschaft immer wieder beeindruckend auf den Gegner ein. Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Aspekt, mit dem sich der HSV von den anderen Titelkandidaten abhebt: Die Spieler, wenn auch Ende mit ihren Kräften, brennen für ihre Raute. Und mit ihnen eine ganze Stadt. Die längst übergeschwappte Euphorie könnte der Mannschaft vielleicht doch noch einmal Flügel verleihen.

Warum bei Hertha der Erfolg zurückkehren kann, lesen Sie auf der nächsten Seite

Hertha BSC Berlin

Aktuelle Form

In höchstem Maße effektiv und mit eiserner taktischer Disziplin war das Team von Trainer Lucien Favre auf Tabellenplatz eins gestürmt, die Euphorie in der nicht gerade erfolgsverwöhnten Hauptstadt war groß, Meisterträume blühten. Es folgte der Absturz auf den vierten Tabellenplatz. Am vergangenen Wochenende konnte die Talfahrt mit dem Sieg gegen Bremen gestoppt werden, Hertha bleibt mit fünf Punkten Rückstand auf Wolfsburg im Meisterschaftsrennen. Der Sieg könnte die Initialzündung für den Endspurt gewesen sein. Trotzdem war die Fehlerqoute auch gegen die Grün-Weißen hoch. Nächster Gegner sind die strauchelnden Hoffenheimer. Aber: Kapitän Arne Friedrich, der bislang eine starke Saison in der Innenverteidigung spielte, fällt lange aus, Torjäger Andrej Voronin sitzt rotgesperrt vorerst nur auf der Bank, zwischen Manager Dieter Hoeneß und dem Präsidium knirscht es weiter gewaltig. Favre will die Störfeuer von außen möglichst klein halten, um die Chance auf die Meisterschaft zu wahren. Kehrt die kaltschnäuzige Effektivität zurück, greift Hertha wieder an, aber dafür muss die Fehlerquote der letzten Spiele reduziert werden.

Meisterfaktor

Der entscheidende Mann hinter dem Berliner Erfolg ist Trainer Lucien Favre. Er formte die Mannschaft mit knallhartem Drill, lässt im Training kein Undisziplinierten durchgehen. Die aktuelle Hertha ist seine Schöpfung, er stellte den Kader zusammen. Der Schweizer Favre predigt Teamzusammenhalt, die Mannschaft ist der Star, egoistisches Verhalten auf dem Platz geht ihm gegen den Strich. Favres Meisterfaktoren sind Disziplin und Teamgeist. Die preußischen Disziplinen haben bei der Hertha Einzug gehalten.

Zum Schluss noch ein Team, das bis jetzt niemand auf der Rechnung hatte

VfB Stuttgart

Aktuelle Form

Die Stuttgarter haben sich in eine bestechende Form gespielt. Klammheimlich hat sich der VfB wieder an die Spitzengruppe der Liga herangeschlichen. Zur Tabellenspitze beträgt der Abstand nur noch sechs Punkte. Vier Spiele in Folge haben die Stuttgarter gewonnen und unter anderem die Spitzenteams vom Hamburger SV und Hertha BSC geschlagen.

Wie kein anderes Team der Liga scheinen die Schwaben derzeit die eigentlich urbayerische "Mir san mir"-Mentalität angenommen zu haben, was unbestritten auch dem Teamchef und Bald-Trainer Markus Babbel zu verdanken ist. Die Stuttgarter präsentieren sich als Einheit und setzen die von Babbel geforderte Einsatzbereitschaft vorbildlich um. Babbel und der VfB – das scheint zu passen. Unter seiner Leitung holten die Stuttgarter aus 14 Liga-Spielen 33 von 42 möglichen Punkten und sind hinter Wolfsburg die zweitbeste Rückrundenmannschaft.

Der Meisterfaktor

Zwar ist das offizielle Ziel noch die Uefa-Cup-Qualifiaktion, hinter vorgeschobener Hand wird im Schwaben-Ländle allerdings längst von einem Coup wie in der Meistersaison 2007 getuschelt. Damals lag der VfB Stuttgart vor dem 27. Spieltag sieben Punkte hinter Tabellenführer Schalke 04. Danach begann eine beeindruckende Serie und der VfB gewann bis zum Saisonende jedes Spiel. Diesen Euphorie-Schub haben die Schwaben in diesem Jahr wieder auf ihrer Seite.

Ein weiterer Vorteil: Acht Spieler aus dem Meisterjahr sowie Markus Babbel (damals noch als aktiver Kicker) sind immer noch in Stuttgart und wissen genau, wie man einen furiosen Endspurt zu Deutschen Meisterschaft schafft. Niemand hatte den VfB auf der Rechnung und diesen Vorteil können die Stuttgarter auch in dieser Saison für sich nutzen. Als Meisterfaktor könnte sich dabei Torwart Jens Lehmann erweisen. Lehmann hat mittlerweile unzählige Schlachten im Weltfußball geschlagen und die mit Abstand größte Erfahrung im Kader. Allerdings macht Lehmann im Spätherbst seiner Karriere nicht nur durch weggeworfene Schuhe des Gegners und andere Provokationen auf sich aufmerksam, sondern zeigt auch überragende Leistungen und beeindruckt die Konkurrenz. Auf dieser Position ist der VfB im Gegensatz zu den anderen Titel-Kandidaten am stärksten besetzt. So ein Keeper kann im Finale um die Meisterschaft den Unterschied ausmachen.

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