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"Gierig darauf, das Ding zu gewinnen"

Am Abend (ab 20.45 Uhr im stern.de-Live-Ticker) trifft Michael Ballack mit Chelsea im Champions-League-Finale auf Manchester United. Im stern-Interview spricht der Mittelfeldstar über unerfüllte Träume, den gnadenlosen Konkurrenzkampf bei Chelsea und seine neue Härte.

Herr Ballack, die "Daily Mail" schreibt: "Ballack sieht unbesiegbar aus." Fühlen Sie sich selbst so?

Oh, ich fühle mich frisch, bin gut drauf, ich treffe das Tor. Aber unbesiegbar? Wir reden hier immer noch über Fußball.

Noch seien Sie ein Unvollendeter, es fehle Ihnen ein internationaler Titel, sagen Kritiker. Nun haben Sie am Mittwoch in Moskau gegen Manchester United erneut die große Chance, die Champions League zu gewinnen. Wenn es Ihnen glückt, herrscht ein für alle Mal Ruhe, oder?

Das ist mir von Herzen egal. Ich will diesen Pokal unbedingt gewinnen. Ich will nicht irgendwann auf meine Karriere zurückschauen und sagen, schade, es war ein paarmal knapp, aber es hat nie gereicht.

Worum geht es da, um Ihren inneren Frieden?

Was weiß ich. Wahrscheinlich um das Gefühl, das, was ich am besten kann, ausgereizt zu haben.

Vor sechs Jahren standen Sie zuletzt im Finale, mit Leverkusen gegen Real Madrid ...

... das war ja noch vor meinen vier Jahren beim FC Bayern. Unglaublich lang her. Wir waren die bessere Mannschaft, wir haben Real am Ende an die Wand gespielt - und wir haben eins zwo verloren. Wir haben uns selbst geschlagen damals.

Hadern Sie damit heute noch?

Nein. Man denkt ab und zu daran. So ist das im Fußball: Wir hatten mit Leverkusen diese tolle Saison gespielt und am Ende alles verspielt, davor auch Meisterschaft und Pokal. Du wirst in unserem Sport selten belohnt und manchmal sogar brutal bestraft.

Was kann man da tun?

Nicht viel. Sich nicht entmutigen lassen, was auch immer geschieht. Da sein, wenn sich das Glück zu wenden scheint.

Wendet es sich denn dieses Jahr? Im Meisterschaftsfinale der Premier League sind Sie nach großer Aufholjagd am Sonntag knapp gescheitert.

Das war ja leider zu erwarten, wir sind nicht zu sehr enttäuscht. In die Champions- League-Saison aber gehst du jedes Jahr und sagst dir: Dieses Jahr ist unser Jahr. Auch die Jungs von ManU, die wie wir eine bärenstarke Mannschaft haben. Bei mir war in den letzten Jahren der Traum manchmal ein bisschen früher zu Ende, manchmal später. Aber der Traum blieb. Und jetzt stehe ich ganz kurz davor. Es fehlt nur noch dieses Spiel. Ich bin ... Wie soll ich es sagen? Es lohnt sich ja nicht, sich verrückt zu machen. Ich bereite mich wie immer vor, und dann geh ich da rein und will es gewinnen, mit aller Macht. Mehr kannst du nicht tun, als es zu wollen.

Sie sprechen sonst nüchtern über Fußball. Aber nun benutzen Sie dieses Wort: Traum.

Das ist es ja auch: ein Traum. Als Vereinsfußballer gibt es nichts Größeres.

Vor der WM 2006 erzählte uns Joachim Löw, damals Co-Trainer des DFB, dass er sich jeden Abend vor der Nachtruhe dieses Bild vorstelle: Wie er den Weltmeisterpokal in den Händen hält. Machen Sie so etwas auch?

Nein, eigentlich nicht. Es klingt lapidar, es ist aber so, du darfst im Sport nicht zu weit denken. Immer nur ans nächste Spiel. Dieses Halbfinale jetzt gegen Liverpool, das war so eine schwere Aufgabe, die packst du nur, wenn du dich ihr mit Haut und Haaren stellst. Aber das Gefühl entwickelt sich gerade, wie es wäre, den Pott in den Händen zu halten. Das füllt irgendwann alles aus, das ganze Denken, wenn es auf den Spieltag zugeht. Und so muss es auch sein: Dass du total fokussiert bist, gierig, das Ding zu gewinnen.

Wie wird es Ihnen gehen vor diesem Finale, einem der größten Matches Ihrer Karriere?

Ich gehe in solche Spiele anders rein als noch vor ein paar Jahren. Gelassener. Ich habe gelernt, dass es nichts bringt, sich zu sehr unter Druck zu setzen. Auf der anderen Seite brauchst du Anspannung, um gut zu sein. Das ist eine Waage, die im Lot gehalten werden muss. Man kann sich zwar besser kontrollieren, wenn man älter wird. Und doch ... Wenn du da rausgehst und das Stadion betrittst, springt dich die Nervosität trotzdem an. Da kannst du dich nicht gegen wehren.

Wer Sie in Chelseas letzten Spielen beobachtet hat, der staunte: Das war der präsenteste, wachste, aber auch egoistischste Ballack, den es je gab – womöglich auch der beste. Sehen Sie das ebenso?

Sagen wir so: Von der Entwicklung, Präsenz, Ausstrahlung, vom Spielniveau insgesamt her entwickelst du dich mit dem Alter weiter, und zugleich arbeitest du weiter an deinen Schwächen.

Nach zwölf Jahren im Profigeschäft sprechen Sie noch von Entwicklung?

Natürlich. Ich habe in diesen knapp zwei Jahren bei Chelsea viel dazugelernt.

Sie waren 2007 acht Monate lang verletzt, kehrten im Dezember zurück. Nun rangeln Sie sich vor aller Augen mit Stürmerstar Didier Drogba, wer den Freistoß treten darf. Ist so ein Verhalten ein Ergebnis des Lernprozesses?

Das entsprang der Situation, es stand gegen ManU 1 : 1, die Zeit lief davon, wir mussten gewinnen. Er will den Ball, ich will den Ball, weil ich spüre, ich mache den rein. So ein Konflikt ist normal, wenn du Spieler hast, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Dann wollen sie es auch tun dürfen. Und es ist auch so: Ich bin jetzt 31, ich habe gewisse Dinge erlebt und Erfolge gefeiert, warum sollte ich da zurückstecken?

Sie laufen pro Spiel im Schnitt rund 13 Kilometer, gefühlte zwei bis drei Kilometer mehr als einst in der Bundesliga. Sind Sie härter geworden gegen sich selbst?

Gegen mich? Wahrscheinlich schon. Aber vor allem auch gegen die anderen. Im Training zum Beispiel, wenn du spürst, da ist dein Platz in Gefahr, musst du voll konzentriert sein. Zur Not auch mal ein Zeichen setzen, um zu dokumentieren: Ich rücke keinen Zentimeter zur Seite.

Auf gut Deutsch: einen umgrätschen?

(Ballack nickt, grinst) Klar.

Dennoch scheint es nun plötzlich zwei Ballacks zu geben: Bei der Heim-WM haben Sie im defensiven Mittelfeld den Laden zusammengehalten, kamen kaum selbst zum Torschuss - das uneigennützige Verhalten eines Kapitäns. Bei Chelsea tun Sie alles, um selbst zu glänzen. Es ist das Verhalten eines Stars.

Es sind nicht zwei Ballacks - es sind zwei verschiedene Rollen, die ich innehabe und die ich jeweils ausfüllen will, so gut es geht. Bei Chelsea spiele ich in einer Mannschaft, in der ich die Ellenbogen mehr ausfahren muss als in der Nationalmannschaft - dort habe ich mir über viele Jahre einen anderen Stellenwert erarbeitet. Es wird aber auch etwa erwartet, dass ich auf dem Platz mit entscheide: Rücken wir raus? Ziehen wir uns zurück? Anders bei Chelsea. Es spielen allein sechs Nationalmannschaftskapitäne bei uns: Terry für England, Drogba für die Elfenbeinküste, Schewtschenko für die Ukraine, Cech für Tschechien, Pizarro für Peru, ich für Deutschland. Nebenher etliche Top-Nationalspieler. Natürlich muss sich da jeder ein bisschen zurücknehmen, um den Erfolg nicht zu gefährden. Aber man muss sich diesem Kampf auch stellen. Man muss auf sich aufmerksam machen, sonst gehst du unter in so einem Gebilde, sonst frisst dich diese Maschine auf. Also fahre ich auch die Ellenbogen aus.

Als Sie nach England gingen, sprachen Sie stets von der Herausforderung, die Sie suchten - waren Sie überrascht, wie groß diese sein würde?

Ich wollte ja mit all diesen Stars spielen, egal, was passiert! Zu zeigen, dass ich eine solche Herausforderung bestehe, das war mir den Kampf wert. Jetzt kann ich sagen: Was auch immer noch kommt, ich habe mich durchgesetzt. Aber ich hatte zugleich nie Angst, dass mir das nicht gelingen könnte. Für mich ging es in meiner Verletzungszeit immer nur darum, wieder gesund zu werden. Da gab’s nämlich Tage, da war es schwer, nicht den Mut zu verlieren.

Und an die Rückkehr zu glauben?

Jeden Tag von neun Uhr morgens bis abends um sechs Reha zu machen, ein grausam langweiliges Programm, das geht an die Nerven, zumal du über Wochen und Monate keine Verbesserung spürst. Du hast nichts, was dich motiviert, keinen Fortschritt, keine Perspektive. Diese Zeit war schwer. Dagegen ist so ein Saisonfinale der reinste Genuss.

Hatten Sie wie bei Ihrem Knorpelschaden als 16-Jähriger in Chemnitz einen Antreiber?

Den brauchte ich nicht. Ich war selbst am bissigsten zu mir.

Ist es richtig, dass Sie in ihrer Heimatstadt das Gehalt des Physiotherapeuten Burkhard Wind bezahlen, der damals mitverantwortlich dafür war, dass Sie wieder fit wurden - und der jetzt nach dem Abstieg des Chemnitzer FC aus der Regionalliga arbeitslos geworden wäre?

Ja. Es ist eine Sache der Dankbarkeit und des Anstands.

Noch im September sah es danach aus, als wolle Sie der FC Chelsea loswerden. Nun heißt es, Ihr Vertrag solle vorzeitig bis 2011 verlängert werden. Stimmt das?

Bei Chelsea hat mir niemand den Eindruck vermittelt, dass man mich loswerden wolle.

Dieses Team hat als Trainer noch der Portugiese José Mourinho zusammengestellt, bevor er gefeuert wurde - wäre ein Champions- League-Triumph auch sein Triumph?

Die Frage sollten Sie unserem Trainer Avram Grant stellen. (lacht)

Mourinhos taktisches Korsett hat er gesprengt, eine neue Taktik aber ist nicht recht erkennbar, Grant wechselt merkwürdig aus, er wirkt so schlaff ...

Wir sind im Finale der Champions League, das ist das, was im Fußball zählt.

Die "Daily Mail" beschreibt Ihr Team so: Chelsea gleiche einem rasenden Zug voller Comichelden, die sich gegenseitig auf die Rübe hauen und damit nur aufhören, wenn der Zug aus den Gleisen zu springen droht.

Echt?

Die Chelsea-Fans sangen mehrfach "Du weißt nicht, was du tust" in Richtung des Trainers. Chelseas Erfolg, das ist nun unsere Sicht, gründet auf einem Kraftakt der Spieler, die den fehlenden Plan mit individueller Klasse und Leidenschaft ausgleichen.

Das ist Ihre Interpretation unseres Erfolgs.

Was ist denn Ihre?

Wir haben nun mal einen anderen Stil als Manchester, bei uns ist unheimliche Wucht im Spiel. Aber wenn unsere Mannschaft den Feinschliff bekommt, sieht es auf Jahre sehr gut aus. Wir sind als Team immer noch in einer Entwicklungsphase.

Wie bitte? Dass Philipp Lahm im stern kürzlich sagte, das neu formierte Team des FC Bayern brauche noch Zeit, das konnte man nachvollziehen. Aber Chelsea?

Man muss sehen, dass der Klub erst seit wenigen Jahren auf diesem Top-Niveau in Europa spielt. Und noch gibt es nicht diesen typischen Chelsea-Stil. Du musst Titel gewinnen, Titel, Titel, Titel, nur so holst du dir eine Tradition.

Ist das überhaupt möglich? Chelsea gilt vielen Fans als Spielzeug des russischen Milliardärs Roman Abramowitsch.

Die Sympathien müssen wir uns erst erarbeiten. Da ist schon oft Neid zu spüren, dabei ist es woanders genauso, Roman Abramowitsch war nur einer der Ersten, die privates Geld in einen Klub investiert haben. Aber schauen Sie sich Manchester United, Liverpool oder Manchester City an, da sind die Besitzstrukturen dieselben. Das ist die Realität in der stärksten Liga der Welt.

Wann haben Sie den Klubboss zuletzt gesprochen?

Im März, nach dem Carling-Cup-Finale.

Das ging verloren, Sie kamen erst spät aufs Feld, der Trainer wurde dafür hart kritisiert. Hatte denn Abramowitsch Sie treffen wollen?

Ich hatte um keinen Termin gebeten.

Über was spricht man da so?

Über Fußball, natürlich. Er hat dieses Ziel, dass wir die beste Mannschaft Europas werden. Insofern gehe ich davon aus, dass, wenn wir in Moskau gegen ManU gewinnen, Roman Abramowitsch ein glücklicher Mann sein wird.

Apropos Glück, wie zu lesen war, wollen Sie bald Ihre Lebensgefährtin Simone heiraten, die Mutter Ihrer drei Söhne. Nur ein Gerücht?

Es stimmt, wir haben geplant, in diesem Sommer zu heiraten.

Und vorher sollen Sie bei der EM die deutschen Fans glücklich machen. Die Formkrise, die viele Spieler irgendwann nach einer Verletzung ereilt, kommt doch nicht etwa pünktlich zum Turnier?

Ich habe einen guten Aufbau hinter mir, für die EM wird die Kraft reichen.

Vor dem Länderspiel im März haben Sie Alarm geschlagen: Die Lage sei ernst, sagten sie. Dann wurde die Schweiz 4 : 0 besiegt. Ist die Lage wirklich noch ernst?

Nein, das nicht. Aber wir hatten in diesem Jahr bisher nur zwei Spiele, wir haben noch kein Gespür für unseren Leistungsstand, doch das geht auch anderen Nationen so. Wir hatten eben nach der WM eine Dominanz und trotzdem eine Leichtigkeit, die wir zuletzt so nicht mehr gezeigt haben. Wir alle brauchen wieder mehr Biss, aber auch Geduld.

Wie fühlt sich das Gefüge dieser Mannschaft an im Vergleich zur WM-Elf vor zwei Jahren?

Zum Glück ist Torsten Frings zurück, aber Bernd Schneider wird uns fehlen, mit seiner ganzen Erfahrung. Christoph Metzelder hat über Monate kein Spiel für Real Madrid bestritten, da kann man nur abwarten, ob er rechtzeitig fit wird. Wenn ein, zwei wichtige Spieler wegfallen, wird es auch für uns schwer, das zu kompensieren. Und im Kader haben wir nicht die Breite wie zum Beispiel Italien oder Frankreich. Trotzdem: Wenn alle gut drauf sind, sind wir vorne mit dabei.

Das hätten Sie vor zwei Jahren so nie gesagt.

Diesen Anspruch haben wir uns unter Joachim Löw erarbeitet. Damals, vor der WM, habe ich gesagt: Es wäre schön, eines Tages mal in ein Turnier zu gehen und einer der Mitfavoriten zu sein. Jetzt sieht es so aus.

Einige Experten behaupten: Die ersten Gegner sind gut zum Aufwärmen.

Das sehe ich überhaupt nicht so. Ich kann auch nicht verstehen, warum viele Leute das sagen. Für uns ist es eine komplett neue Situation, dass wir sagen, wir müssen jetzt was reißen. Übrigens sagen auch die Kroaten, sie seien in unserer Gruppe Favorit.

Wirklich?

Natürlich. Und Kroatien ist tatsächlich stark, auch Polen besser als bei der WM.

Aber Österreich wird dem deutschen Team doch keine Probleme machen, oder?

Ich hoffe nicht.

An das Spiel gegen Österreich bei der WM 1978 in Argentinien erinnern sich die Fans mit Schrecken - Deutschland verlor 2 : 3 und musste nach Hause fahren. Diesmal droht aber kein Córdaba, oder?

Wenn man sieht, wie die Österreicher gegen uns oder gegen die Holländer eine Halbzeit lang gewetzt sind, kann man nur sagen: Hoffentlich halten die das Tempo nicht 90 Minuten durch. Die Laufbereitschaft, der Hunger, dazu der Heimvorteil - auch Österreich ist gefährlich.

Wir halten fest: Deutschland wird wieder mit der Nationalelf zittern müssen. Zumal Sie selbst noch kein EM-Spiel gewonnen haben.

Nee. (lacht) Wie alle anderen deutschen Nationalspieler in den letzten zwölf Jahren auch nicht. Es wird höchste Zeit, dass wir das ändern.

Interview: Rüdiger Barth/print

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