12. Dezember 2006, 08:13 Uhr

HSV versinkt im Chaos

Schon im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, die Mitgliederversammlung des Hamburger SV könnte für Kundgebungen gegen die Politik von Vorstand und Aufsichtsrat genutzt werden. Aber den folgenden Eklat hat wohl niemand vorhergesehen. Von Nico Stankewitz, Hamburg

Medien unerwünscht: Bei der Mitgliederversammlung des HSV wurde die Presse per Abstimmung des Saals verwiesen©

Was für ein Massenandrang im Hamburger CCH! Über 1500 Mitglieder wollen dabei sein, wenn Vorstand und Aufsichtsrat des krisengeschüttelten Bundesligisten Hamburger SV ihre Jahresbilanz präsentieren. Die Versammlung beginnt mit einstündiger Verspätung, da nicht genügend Stimmzettel vorhanden sind, offenbar ist der Vorstand nicht auf den Ansturm vorbereitet.

"Presse raus"-Rufe

Nach einigen Ehrungen folgt eine vermeintliche Formsache: Die Zustimmung der Mitglieder zur Anwesenheit der Medienvertreter. Sofort branden Sprechchöre auf: "Presse raus, Presse raus!" Da bei zwei Abstimmungen kein optisch klares Ergebnis herauskommt, kündigt Aufsichtsratchef Udo Bandow unter großem Gejohle vieler offensichtlich alkoholisierter "Supporter" eine schriftliche Abstimmung an. Während der Auszählung der Stimmen gibt sich der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann noch entspannt: "Da passiert gar nichts, das war höchstens ein Drittel der Leute", so der HSV-Boss.

Es kommt anders, mit knapper Mehrheit beschließen die Mitglieder den Ausschluss der Medienvertreter (und aller anderen Gäste) - ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des deutschen Spitzensports und des HSV. Mehr "Presse raus"-Rufe, "Auf Wiedersehen" und Pfiffe begleiten den Auszug der Medienvertreter, darunter mehrere Fernsehstationen und überregionale Tageszeitungen. Nur gut, dass die Journalisten durch einen Seitenausgang an der Pressetribüne den Saal 1 im CCH verlassen können, bei einem Spießrutenlaufen durch die Menge der aggressiven HSV-Mitglieder hätte es wohl die eine oder andere "Bierdusche" gegeben.

HSV-Boss ausgepfiffen

Hoffmann zeigt sich dann wenig später auf dem Podium entsetzt: "Ich weiß, wir sind ein Verein, der eine Krise hat. Aber ich hatte mir eigentlich vorgestellt, dass wir dokumentieren, dass wir kein Chaosclub sind." Antwort: Ein gellendes Pfeifkonzert, "Hoffmann raus"-Rufe. Neben den etwa 60 Medienvertretern verlassen auch einige altgediente HSV-Mitglieder das CCH, unter ihnen der empörte ehemalige Präsident Dr. Wolfgang Klein. Die Journalisten werden von Ordnungskräften gezwungen, auch die Vorräume zu verlassen und sich ins ein Stockwerk tiefer liegende Foyer zurück zu ziehen. Nachdem die Verantwortlichen später dann bemüht sind die sportliche Schieflage zu erklären, wird die Mitgliederversammlung um Mitternacht ergebnislos abgebrochen, der Zeitplan kann nicht eingehalten werden.

Krise erreicht neuen Tiefpunkt

Die beispiellose Krise des hanseatischen Traditionsclubs hat mit diesem Abend einen neuen Tiefpunkt erreicht, auch wenn das zuvor kaum für möglich gehalten wurde. Nach beschämenden sportlichen Leistungen, einer Flut von Roten Karten aufgrund haarsträubender Unsportlichkeiten und zuletzt der Publikumsbeleidigungen durch den Spieler Atouba, zeigen nach der Mannschaft jetzt auch Teile der Mitglieder, dass sie nicht bundesligatauglich sind. Die Hamburger Presse als Sündenbock hinzustellen ist nicht nur sehr einfach, sondern auch sehr dumm. Das verantwortliche Trio Doll, Beiersdorfer, Hoffmann kann sich über Wohlwollen seitens der Medien nicht beklagen - andere Trainer (und Sportchefs) mussten schon mit weit besseren Bilanzen ein Sperrfeuer der Kritik über sich ergehen lassen.

Doch selbst wenn die Medien die Arbeit in einem Verein kritisch begleiten - das gehört zu ihren Aufgaben. Ein Fußball-Bundesligaklub gehört zu den wichtigsten Imageträgern einer Stadt und einer Region, die Berichterstattung interessiert Millionen von Lesern, Hörern und Zuschauern. Auf "Supporter" wie die brüllenden und pfeifenden Mitglieder kann nicht nur der HSV, sondern der Fußball insgesamt verzichen - auch in der zweiten Liga.

Von Nico Stankewitz, Hamburg
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
meller7 (12.12.2006, 23:55 Uhr)
"Bierdusche" ohne Bier?
Sehr bedenklich dieser Artikel.
Ich war gestern bei der Mitgliederversammlung anwesend und habe GEGEN die Presse gestimmt. Dies hat vielseitige Gründe, die ich hier nicht alle nennen möchte. Ein Grund jedenfalls ist auch die tendenziöse und einseitige Berichterstattung, wie sie auch in dem hier vorliegenden Artikel wieder zu erkennen ist.
Der Abschnitt
"Nur gut, dass die Journalisten durch einen Seitenausgang an der Pressetribüne den Saal 1 im CCH verlassen können, bei einem Spießrutenlaufen durch die Menge der aggressiven HSV-Mitglieder hätte es wohl die eine oder andere "Bierdusche" gegeben."
ist eine einzige Frechheit! Weder sind im Saal alkoholische Getränke erlaubt noch hätte die Presse sich einem Spießrutenlauf ausgesetzt, da jeder auf seinem Platz war und nur wollte das die Presse sich auch auf Ihren Platz zurückzieht... nämlich ausserhalb des Saales, in dem eine vereinsinterne Mitgliederversammlung stattfand!
SeUlBr (12.12.2006, 11:23 Uhr)
Vielleicht sollte man...
... mal beim HSV an einigen Stellen durchgreifen.
Irgendwie ist die Reaktion der Fans und Mitglieder nur verständlich, auch wenn sie vielleicht ein wenig übertrieben ist!
Wenn die Medien, wie sie es immer tun, wenn ein Verein unten steht, nur ewig nach dem Rücktritt des Trainers fragen und blind sind, in der Frage, woher die Situation kommt, brauchen sich die Medienvertreter auch net wundern, wenn sie rausgeworfen werden.
Vielleicht sollte man auch mal den ein oder anderen Spieler zeigen, daß er "nur" Arbeitnehmer ist und sein Verhalten und seine Leistungen nicht hingenommen werden. Auch auf die Gefahr hin, nächste Saison wirklich in der 2. Liga zu spielen.
In der Industrie usw. würde so ein Verhalten ggf. sogar mit einer fristlosen Kündigung geahndet werden und die Vorstandmitglieder ausgetauscht werden!
rango (12.12.2006, 11:06 Uhr)
Lernen vom Süden
Die Verantwortlichen der HSV's sollten einfach mal eine Versammlung des FC Bayern besuchen. Dann würde sie feststellen, dass es seit Jahrzehnten auch anders laufen kann. Diese Veranstaltungen sollten nicht nur ein Spiegelbild des sportlichen Erfolgs sein.
dregenrocks (12.12.2006, 09:51 Uhr)
Irgendwo verständlich
Die Presse hat sich (beinahe) als Ganzes auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert, was die Berichterstattung über den HSV angeht. Es nervt einfach jeden Tag mit anzusehen und zu lesen, wie Thomas Doll nach seinem Rücktritt gefragt, ja gerade zu gedrängt wird. Wo die eigentlich Hauptverantwortlichen für diese Misere ganz woanders sitzen, aber die Presse - egal ob Print, TV oder WWW - egal ob ÖR oder Privat - fragt immer den Trainer nach seinem Rücktritt, immer und immer wieder, überall. Statt einmal den positiven Trend zur Standhaftigkeit und Durchhaltewillen in der Bundesliga - nicht nur beim HSV - zu begrüßen und zu würdigen, auch im Interesse der Bundesliga, wird einfach draufgekloppt. Auch bei Schalke wurde kurz nach dem Presseboykott von allen Medien draufgehauen und vom Eklat geschrieben, kurz darauf waren aber alle Still, denn es brauchen sich beide Seiten, die Presse ist nicht der Fußball, sie ist nur Zuschauer im Dienst der Gesellschaft und kein Selbstzweck, noch inoffizielles Management.
M.I.B. (12.12.2006, 09:50 Uhr)
Sehrhoch geflogen....noch tiefer gefallen!
Letztes Jahr fast Vizemeister geworden, Champions Leauge erreicht und so viel vorgenommen für die neue Saison! Der HSV auf Wolke 7²...! Und nun die Ernüchterung...nein eher der totale Abstürz! Vom Himmel in die Hölle...und zurück? Eher nicht. Jedenfalls nicht so schnell! Alle haben erwartet, dass dieser HSV wieder um die Meisterschaft mitspielt und Int. sich die Sporen verdient. Himmel hoch jauchzend in die neue Saison. Alle geblendet von der spektakulären Vorspielzeit. Die (viel diskutierte) Frage ist nicht, warum man mit Bularouz, Van Buyten und Barbarez 3 wichtige Säulen hat gehen lassen (was soll der HSV machen, wenn Chealse und Bayern anfragen und es mit Barbarez differenzen gibt?), sondern eher, wie alle davon ausgehen konnten, dass es ohne die 3 so wird wie in der Vorsaison. Es wurde versucht Ersatz zu finden. Vielleicht ist jener ja auch qualitativ gleichwertig, jedoch mussten diese sich erst noch einspielen als alle schon oder noch immer die Tabellenspitze anpeielten.
Ich bin zwar kein HSV Fan, aber es ist schade um "unseren" Dino der Liga! Ich denke, der Klassenerhalt wird geschafft, mehr aber auch nicht!
catchme (12.12.2006, 07:31 Uhr)
Alles eine Frage des Niveaus !
Der HSV ist da angekommen, wo er in der Bundesliga - Tabelle schon steht ... ganz unten !
Aus einem Hamburger Traditionsverein ist ein Fußballverein geworden, der jedem Harz IV-Vorstadt zur Ehre gereichen würde. Das der HSV eine schlechte Mannschaft und einen noch schlechteren Trainer hat, kann man am Tabellenplatz ablesen, aber das der Vorstand und seine Mitglieder auch aus dem unteren Drittel der Gesellschaft sind, haben sie auf der Mitgliederversammlung im CCH bewiesen !
Es ist für einen Hamburger sehr schwer mitzuerleben, wie schnell das Niveau sinken kann.
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