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Der Fußball steht vor einer Regel-Revolution

Die Regelhüter des Fußballs entscheiden am Donnerstag über die Einführung von technischen Hilfsmitteln für Schiedsrichter. Was sich verlockend anhört, birgt aber auch Probleme. Noch sind wichtige Details ungeklärt, Experten haben Zweifel.

  Drin oder nicht drin? FIFA-Präsident Joseph Blatter ist für die Einführung einer Torlinientechnologie.

Drin oder nicht drin? FIFA-Präsident Joseph Blatter ist für die Einführung einer Torlinientechnologie.

Joseph Blatter will ruhig schlafen können. Bitterböse Schlagzeilen von Torklau und Schiedsrichtern mit Tomaten auf den Augen sollen ein für alle Mal der Vergangenheit angehören.

Die mit Spannung erwartete Entscheidung des International Football Association Board (IFAB) zur Einführung der Torlinientechnologie am Donnerstag könnte zur größten Regel-Revolution im Fußball seit Jahrzehnten werden.

"Das IFAB wird am 5. Juli darüber befinden - bin zuversichtlich, dass die Zeichen der Zeit erkannt werden", teilte FIFA-Chef Blatter per Twitter seine nach Jahren der Wankelmütigkeit nun unumstößliche Meinung mit. Doch der letzte Widerstand ist noch nicht gebrochen. Größter Gegenspieler Blatters ist ausgerechnet sein ehemaliger Funktionärszögling Michel Platini, der als UEFA-Chef Stimmung gegen die Technik-Einführung macht.

Zweifel an der Zuverlässigkeit sind zerstreut

Der Fußball steckt tatsächlich im Entscheidungs-Dilemma. Offensichtliche Tor-Fehlentscheidungen wie zuletzt beim EM-Spiel der Ukraine gegen England (0:1) sorgen für großen Wirbel. Auch Blatter gab seine technikfeindliche Haltung erst vor zwei Jahren auf, als ihm das englische "Wembley-Tor" in Bloemfontein gegen Deutschland seine WM-Party zu vermiesen drohte. "Nach dem Spiel gestern Abend ist GLT keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit", twitterte Blatter nach dem Ukraine-England-Spiel.

Auch die Zweifel an der Zuverlässigkeit der technischen Systeme Hawk-Eye und GoalRef sind nach jahrelangen Diskussionen und diversen Praxis-Tests mittlerweile zerstreut. Doch die nationalen Fußball-Funktionäre verlangen Sicherheiten. In welchen Ligen und welchen Wettbewerben sollen Schiedsrichter das entscheidende Tor-Signal erhalten? Wann soll die Technik verbindlich angewendet werden? Und am wichtigsten: Wer steht für die zu erwartenden Millionenkosten gerade?

"Es ist allerdings unerlässlich, dass neben den technischen Grundlagen auch die sportlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen praxisnah und trotzdem verbindlich geklärt sind", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball der Nachrichtenagentur DPA. DFB-Chef Wolfgang Niersbach sieht die Lage ähnlich: "Im Grundsatz stehen wir dem Thema offen gegenüber, aber vor einer Entscheidung müssen die vielen noch offenen Fragen beantwortet werden.

Merk: "Wir brauchen technische Hilfsmittel"

Wie groß die Meinungsunterschiede zum Thema sind, offenbarte sich auch am Mittwoch bei der Pressekonferenz des deutschen Meisters Borussia Dortmund. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke steht der Technik-Hilfe eher skeptisch gegenüber, Sportdirektor Michael Zorc sieht mehr Vorteile, und Jürgen Klopp ist es im Grunde egal. "Wenn die technische Hilfe kommt, ist es kein Problem. Wenn nicht, werde ich trotzdem weitermachen", sagte der BVB-Trainer.

Die Schiedsrichter-Gilde hatte sich meist offen für technische Hilfen gezeigt. Ex-Referee Markus Merk sagte dem Radiosender Bayern 3: "Ich wünsche mir für die Gerechtigkeit im Fußball und auch für die Entlastung der Schiedsrichter und das Fairplay den ersten Schritt in die richtige Richtung. Klar, wir brauchen technische Hilfsmittel, um bei markanten Spielen auf Tor entscheiden zu können."

Angesichts der Differenzen zwischen FIFA und UEFA droht womöglich eine wachsweiche Lösung, die unterschiedliche Systeme bei unterschiedlichen Wettbewerben zulässt, damit alle Fußball-Bosse ihr Gesicht wahren. "Ich bin aber für eine Regelung für alle, oder man lässt es, wie es ist", mahnte Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß vor einem Regelchaos.

Fußball-Traditionalisten sehen Status Quo kritisch

Drei Ideen stehen am Donnerstag bei der IFAB-Sitzung zur Beratung. Das im Tennis erprobte Hawk-Eye aus England und GoalRef, ein vom Frauenhofer Institut entwickeltes System mit Magnetspulen im Ball, sind die technischen Varianten, die Schiedsrichter künftig die wichtigste Entscheidung des Fußballsports abnehmen können. Die UEFA drängt auf Bewahrung der menschlichen Entscheidungskompetenz mit den Torlinien-Assistenten.

Doch selbst Fußball-Traditionalisten sehen den Status quo kritisch. "Die Kamera ist ein Mittel, das klare Verhältnisse schaffen kann. Das Schlimme ist ja, dass trotz Torrichter die Treffer angeblich nicht gesehen werden", sagte DFB-Ehrenspielführer Uwe Seeler der DPA.

Das IFAB steht bei der Entscheidung auch unter einem gewissen Druck. Top-Funktionäre wie DFB-Ex-Präsident Theo Zwanziger fordern eine Reform des ultrakonservativen Gremiums, das seit 1866 über alle Regelfragen befindet - und den Fußball vor großen Veränderungen bewahrte. Vier FIFA-Vertreter - darunter immer der Präsident - und je ein Gesandter der Verbände aus England, Schottland, Wales und Nordirland sind die Gralshüter der Fußball-Gesetze. Für eine Einführung der Tortechnik sind am Donnerstag sechs Stimmen notwendig.

Arne Richter, DPA/DPA

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