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Gelassene Hamburger, gläubige Bayern

Keine Tore im Nord-Süd-Klassiker: Der HSV und Trainer Armin Veh zeigten sich nach dem enttäuscheden Unentschieden gegen die Bayern trotzdem entspannt. Für die Münchner wiegen die vergebenen Punkte schwerer. Sie sind vergeblich auf der Suche nach ihrer Form.

Von Tim Schulze

HSV-Trainer Armin Veh saß noch lange auf dem Podium im Pressesaal der Hamburger Imtech-Arena und beantwortete geduldig die vielen Fragen, die den Berichterstattern nach der Nullnummer gegen die Bayern unter den Nägeln brannten. Der Trainer des Rekordmeisters, Louis van Gaal, hatte da nach einem kurzen Statement schon längst das Weite gesucht: "Wenn ein Trainer das Gefühl hat, es war mehr drin, dann ist er unzufrieden", sagte van Gaal und fügte hinzu: "Aber bei der Chance von Pitroipa haben wir natürlich auch Glück gehabt." Auch der Niederländer war sich nicht so recht sicher, wie das bis zum Ende offene Spiel zu bewerten war. Enttäuscht war er logischerweise trotzdem. Die Bayern wollten unbedingt drei Punkte in Hamburg mitnehmen.

"Ich weiß nicht, ob ich glücklich sein soll oder nicht", beschrieb Veh seine Gemütslage. Aber so entspannt, wie sich der 49-Jährige den vielen Fragen stellte, musste man davon ausgehen, dass der Trainer der Hamburger mit dem Ergebnis besser leben kann als sein Münchner Kollege. In der 81. Minute hatte Jonathan Pitroipa die große Chance auf den Siegtreffer für den HSV vergeben, als er frei vor Bayern-Keeper Jörg Butt auftauchte und den Ball an den Pfosten schoss. Die ärgerliche Szene versetzte Veh - zumindest äußerlich - nicht in Rage: "Pit hat leider die falsche Entscheidung getroffen", kommentierte er nüchtern.

Gelassenheit als Strategie

Das liegt wahrscheinlich daran, dass Veh sich eine gewisse Gelassenheit im Laufe seiner Karriere zugelegt hat. So kokettiert er gerne damit, dass er den Mietvertrag für seine Hamburger Wohnung kurzfristig kündigen kann. Der Mann kennt die gnadenlosen Härten des Geschäfts nach seinen Rauswürfen in Stuttgart und Wolfsburg nur zu gut. Die Gelassenheit mag ein wenig gespielt sein, aber er weiß, dass er beim HSV auf einem potentiellen Schleuderstuhl sitzt. Die große Medienmacht in der Hansestadt, ein hochkarätiger und mit vielen starken Egos ausgestatteter Kader tun ihr Übriges. Veh wurde für seine Personalpolitik kritisiert, als zwischendurch die Erfolge ausblieben. Dann gab es die Diskussion um Angreifer Mladen Petric, der den Club schon Richtung Stuttgart verlassen wollte, weil Veh ihn nicht spielen ließ. Da wird Gelassenheit zur Überlebensstrategie.

Nach dem Spiel gegen die Bayern kommt vielleicht der nächste Brandherd auf den Trainer zu. Als Veh in der 61. Minute Paolo Guerrero vom Platz holte, kam es zu einem kleinen Eklat. Der peruanische Angreifer demonstrierte deutlich, dass er mit der Entscheidung des Trainers nicht einverstanden war. Erst schlich Guerrero betont langsam vom Rasen, trat dann eine Kameraabdeckung um und würdigte den Coach keines Blickes. "Das geht nicht, darüber brauchen wir gar nicht zu reden", sagte der Trainer. Veh wird sich Guerrero zur Brust nehmen, soviel ist klar.

Auch das Keeper Frank Rost vor der Halbzeit verletzt ausgewechselt wurde, wird eine weitere Personaldiskussion zur Folge haben. Ersatz-Torwart Jaroslav Drobny kam zu seinem ersten Einsatz. Veh sieht den Tschechen "auf Augenhöhe" mit Rost. Man darf gespannt sein, wie der Trainer die Personalie behandelt, wenn Rost wieder fit ist. Die Diskussionen werden beim HSV nicht abreißen, so viel ist sicher. Dennoch zeigte sich Veh mit der Leistung seiner Mannschaft am Freitagabend "halbwegs zufrieden, am Ende wollten wir auch nicht komplett aufmachen und in einen Konter laufen". Der HSV steht vorläufig auf dem vierten Rang. Damit können sie in Hamburg leben, auch wenn die Ansprüche höher gesteckt sind.

Einig waren sich die Akteure auf dem Rasen, dass dieses torlose Unentschieden zumindest ein "spannendes" (Schweinsteiger) und "interessantes" (Jansen) Spiel war, was durchaus zutreffend ist, auch wenn beide Teams gleichermaßen mit den vergebenen Torchancen haderten. "Wir hätten ein Tor machen müssen", sagte Hamburgs Marcell Jansen. "Es ist schade, dass wir nur einen Punkt geholt haben. So war die Stimmung in der Kabine", erzählte Bastian Schweinsteiger, der nicht seinen besten Tag erwischt hatte, aus Bayern-Perspektive.

Das Prinzip Hoffnung

Anfangs von der Taktik und zahlreichen Fehlern auf beiden Seiten geprägt, war der HSV über weite Strecken die bessere, die aktivere Mannschaft und hatte mehr Torchancen. Allerdings hätten sich die Hamburger im Gegenzug nicht beschweren dürfen, wenn sie einen Treffer kassiert hätten. Vor allem in der zweiten Halbzeit nutzten die Bayern die größer werdenden Räume für gefährliche Konter, die ihnen die ausgelaugten Hamburger anboten. Die Bayern hielten sich damit an die taktischen Vorgaben von van Gaal, defensiv sicher zu stehen und auf schnelle Vorstöße zu setzen. Zum Ärger des Trainers spielten sie zu schlampig, der letzte Pass kam oft nicht an. Und die Gelegenheiten, die sie hatten, nutzten sie nicht. Das größte Problem der Bayern in dieser Saison bleibt die Chancenverwertung. Thomas Müller, Philipp Lahm und Mario Gomez – alle scheiterten sie vor dem Tor.

Nach dem Sieg gegen Hannover wollten die Bayern in Hamburg die Aufholjagd in der Meisterschaft fortsetzen. Daraus wurde nichts, die Münchner stecken mit zwölf Punkten im Tabellenmittelfeld fest und können am Wochenende von Bremen, Freiburg und Wolfsburg überholt werden. Ihnen bleibt im Moment nichts anderes als der Glauben an baldige Besserung. Der Form der vergangenen Saison laufen sie weit hinterher. Der Sturmlauf auf die Tabellenspitze ist vorerst verschoben, aber nicht aufgehoben. "Eine Serie ist möglich, alles ist möglich", fasste Kapitän Lahm die Lage zusammen.

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