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Das scheint faul im Fall Hoeneß

Das Urteil ist gefällt - und doch bleibt im Fall Uli Hoeneß, wie es den Anschein hat, vieles im Dunkeln. Ein Überblick über die größten Ungereimtheiten.

  Trotz Prozess: Noch liegt vieles im Fall Uli Hoeneß im Dunkeln

Trotz Prozess: Noch liegt vieles im Fall Uli Hoeneß im Dunkeln

Demnächst muss Uli Hoeneß in die Justizvollzugsanstalt Landsberg einrücken. Doch aufgeklärt ist sein Fall damit nicht. Der Prozess blendete viele Fragen aus. Das treibt zu immer neuen Spekulationen an. Ein Überblick über die Ungereimtheiten in der Causa Hoeneß.

Blitz-Prozess

In nur vier Tagen handelte das Landgericht München II das Verfahren wegen Steuerhinterziehung ab. Und das, obwohl rund 70.000 Seiten mit Hoeneß' Kontounterlagen aus der Schweiz erst wenige Tage vor Prozessauftakt vorgelegt worden waren. Unmöglich, diese so schnell zu sichten.

Zudem: Die Verteidigung verzichtete auf jede Art der Konfrontation. Im Gegenzug unterließ es die Staatsanwaltschaft sogar, den Angeklagten zu befragen. Nach dem Urteil – dreieinhalb Jahre Haft - verzichteten zuerst Hoeneß und nach kurzer Schamfrist auch die Staatsanwaltschaft auf Revision vor dem Bundesgerichtshof.

Juristen reagierten fassungslos: Einen solchen Prozessverlauf hatte noch niemand erlebt. Eine Absprache? Das Gericht bestreitet einen Deal. Die Zweifel sind damit nicht ausgeräumt: "Dieses Urteil hätte vor dem Bundesgerichtshof niemals Bestand gehabt", meint ein Vorsitzender Richter einer anderen Wirtschaftsstrafkammer. Hoeneß könne sich über das milde Urteil freuen, sagte der bekannte Hamburger Strafverteidiger Gerhard Strate: Der Verzicht auf Revision sei ein "deutlicher Hinweis" auf verbotene "informelle Absprachen".

  Die Zentrale der Vontobel-Bank in Zürich

Die Zentrale der Vontobel-Bank in Zürich

Devisen-Tricks

Im Verfahren wurde bekannt, dass Hoeneß nicht nur auf seinem lange verborgen gehaltenen Depotkonto 4828Beaufort bei der Privatbank Vontobel in der Schweiz mit Devisen spekuliert hatte, sondern auch bei dem Münchner Bankhaus Reuschel (heute Donner & Reuschel AG). Die Reuschel-Geschäfte waren dem Fiskus bekannt, Hoeneß wurde alle paar Jahre einer "Regelprüfung" unterworfen, sagte ein Betriebsprüfer im Prozess aus.

Nach stern-Informationen liefen aufgrund der Reuschel-Geschäfte bei Hoeneß allein bis Ende 2008 steuermindernd Verluste aus Veräußerungsgeschäften in Höhe von 118,9 Millionen Euro auf. Das heißt: Während Hoeneß in der Schweiz Millionengewinne versteckte, nutzte er hier einen sogenannten Verlustvortrag in sagenhafter Höhe. Wie passt das zusammen?

Grundsätzlich: Professionelle Devisenhändler bezweifeln, dass es Privatanlegern überhaupt gelingen kann, derartig hohe Gewinne in dem kaum kalkulierbaren Währungsmarkt zu machen. Stimmt die im Prozess verbreitete Darstellung über Hoeneß' Devisentransaktionen, dann wären aus rund 15 Millionen Mark Startkapital plus einer Bürgschaft über weitere 15 Millionen binnen vier Jahren annähernd 140 Millionen Euro Profit erwachsen. Absolut unmöglich, sagen die Profis: Das schaffe nicht einmal ein professioneller Hedgefonds mit angeschlossener Research-Abteilung.

"Uli, der Zauberer", schrieb das Schweizer Magazin "Bilanz". Das Wirtschaftsblatt vermutet hinter dem Zocker-Glück ein Doppelspiel zweier Banken. Denkbar: Auf den Konten im In- und Ausland seien auf jeweils gegensätzliche Währungspositionen gesetzt worden. Geht die Wette auf, dann fallen auf dem Konto in der Schweiz unversteuert Gewinne an, während die Verluste in gleicher Höhe in Deutschland verbucht werden und sich steuermindern einsetzen lassen.

Ob es solche "Backuped Deals" gab, kann nur ein Abgleich der Kontounterlagen beider Banken erweisen. Doch ausgerechnet eine genaue Betrachtung aller Unterlagen aus der Schweiz ist in dem Steuerverfahren gar nicht vorgesehen. Nun ist das Urteil gesprochen. Wollte die Staatsanwaltschaft, die zumindest eine Unterbrechung des Verfahrens hätte beantragen können, es gar nicht so genau wissen?

Insider abgewiesen

Im August 2013 bot ein ungenannter Hinweisgeber der Staatsanwaltschaft München über seinen Anwalt Informationen zum Fall Hoeneß an. Der stern berichtete damals ("Mehr Millionen, mehr Konten?"). Allerdings verlangte der Whistleblower Quellenschutz von den deutschen Behörden, bevor er weitere Angaben machen wollte. Die Sache ging hoch ans bayerische Justizministerium. Das Ministerium lehnte den besonderen Informantenschutz ab.

Im Februar dieses Jahres unternahm der Mainzer Wirtschaftsanwalt Volker Hoffmann, der den Mandanten aus der Schweiz vertritt, einen erneuten Anlauf. Er nannte weitere Details. Wieder wurde die bayerische Politik eingeschaltet. Und diesmal kommt es zu einer auffälligen Parallelität der Ereignisse: Kaum ist das Ministerium mit dem Fall des Hinweisgebers betraut, legt Hoeneß' Verteidigung kurz vor Prozessbeginn endlich die Kontounterlagen aus der Schweiz vor – Papiere, die den Fall in eine neue Dimension rückten. Auf die Unterlagen hatte die Staatsanwaltschaft über ein Jahr lang gewartet. Die Anklage war noch von 3,5 Millionen Euro an hinterzogenen Steuern ausgegangen. Plötzlich sind es mindestens 28 Millionen Euro. Alles purer Zufall? Oder trieb erst die Befürchtung vor weiteren Enthüllungen die Hoeneß-Seite zum Einlenken?

Für Anfang kommender Woche hat die JVA Landsberg die Presse zum Rundgang geladen. So kann sich die Öffentlichkeit ein Bild davon machen, welche Haftbedingungen Hoeneß erwarten. Es wird viele Bilder geben in Zeitungen und im Fernsehen. Wie die Zelle aussieht, weiß man dann. Doch viele Hintergründe, warum der ehemalige Bayern-Patron hier einsitzt, die bleiben weiter undurchsichtig.

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