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Sie tun nicht einmal mehr so, als gehe es noch um Fußball

Musical statt Fußball, Ablösesumme jenseits aller Vorstellungskraft. Die Bundesliga startet - aber es dreht sich nur noch ums Geld. stern-Stimme Philipp Köster über den selbst verschuldeten Niedergang eines Volkssports.

Ousmane Dembélé

Ousmane Dembélé: Vogelwilder Poker um Dortmunds Jungstar

An einem Freitagabend vor knapp drei Wochen bestritten der VfL Bochum und der FC St. Pauli das erste Saisonspiel der zweiten Fußballbundesliga. Wie jedes Jahr gab es vor dem Anpfiff eine kleine Eröffnungsfeier, auf dem Rasen schwenkten Jugendliche zu pathetischer Musik die Fahnen der 18 Zweitligaklubs. Etwas jedoch war diesmal anders. Die Zuschauer auf den Rängen pfiffen sich nämlich die Seele aus dem Leib, und in der Bochumer Kurve wurden Transparente entrollt: "Scheiß auf den Event! Wir wollen einfach , wie man ihn von klein auf kennt!" Es war dies nicht das erste Pfeifkonzert, schon im Mai war die Schlagersängerin Helene Fischer in der Halbzeit des Pokalfinales von großen Teilen des Publikums ausgebuht worden; zudem hatten beide Fankurven den DFB, den Deutschen Fußballbund, minutenlang mit Schmähgesängen bedacht.

Große Show, mehr Musical als Fußball

Pfiffe und Transparente umschrieben ziemlich gut, was die Anhänger derzeit so sehr am Profifußball hierzulande ärgert. Dass sich nämlich der einstige Volkssport inzwischen als perfekt inszenierter Event geriert, mit Glamour und großer Show, häufig mehr Musical als Fußball. Die Anhänger ärgert, dass die Fans in den Kurven von den Funktionären vornehmlich als Sicherheitsrisiko gesehen werden und nicht als wichtiger Teil des Spiels. Dass sich oft nur noch mühsam den Stadionbesuch leisten können, während die Spieler der großen Klubs grotesk hohe Gehälter kassieren. Und sie ärgert, dass seit nunmehr fünf Jahren die Bayern stets schon so früh im Jahr Meister werden, dass die Spieler froh sein können, wenn sie sich bei der Feier auf dem Platz nicht halb gefrorenes Weißbier über den Kopf schütten müssen.


Nun ist das alles nicht neu, sondern geht schon so, seit der Profifußball in den 90er Jahren begriff, dass er mit sich selbst viel Geld verdienen kann. Aus zugigen Leichtathletikstadien wurden schmucke Arenen und aus dem Wochenendvergnügen schnauzbärtiger Proletarier ein milliardenschwerer Zweig der Entertainmentbranche.

Fans sehen leider nicht als Kunden

Seither sind gute Fans in den Augen vieler Funktionäre vor allem zahlungskräftige Kunden. Sie sollen Dauerkarten erwerben, das neue Heimtrikot, das neue Auswärtstrikot und bitte schön auch noch den Toaster, der das Vereinswappen ins Weißbrot brennt. Nur sehen sich die Anhänger blöderweise gar nicht als Kunden. Sie lieben den Fußball und ihren Klub, schwören ihm ewige Treue, lassen sich bisweilen sogar das Wappen auf den Rücken tätowieren. Und sie können ziemlich grantig werden, wenn sie das Gefühl haben, dass es Klubs und Verbänden nur ums Geld geht.

Und gerade dieser Eindruck entstand in letzter Zeit ziemlich häufig. Etwa, als der neue TV-Vertrag ausgehandelt wurde. Um noch mehr Fernsehgelder zu kassieren, erstreckt sich ein ganz normaler Bundesliga-Spieltag künftig mitunter über eine halbe Woche. Oder als die Mannschaft von Borussia Dortmund im Frühjahr knapp einem Bombenanschlag entkam und trotzdem am Tag danach in der Champions League zu spielen hatte, weil die große Fußballshow eben weitergehen musste. Oder als der DFB mal eben eine chinesische Juniorenmannschaft als Sparringspartner in die Regionalliga Südwest integrierte, bloß weil im chinesischen Fußball gerade viel Geld unterwegs ist. Bei der Unterzeichnung der Kooperation schüttelten sich Kanzlerin Angela Merkel und Chinas Staatspräsident Xi Jinping die Hände, während auf einem Plakat im Hintergrund der FC Bayern versprach: "Langfristiges Commitment zu Chinas Fußballindustrie". Inzwischen geben sich die Klubs nicht einmal mehr die Mühe, so zu tun, als gehe es irgendwie noch um Fußball.

Fans froh, keinen Regenschirm mehr zu brauchen

Die Fußballfans haben die knallharte Kommerzialisierung lange als Kollateralschaden hingenommen. Weil der Fußball schneller und attraktiver wurde, weil die neu gegründete Champions League spannender war als die verschnarchte Landesmeisterschaft und weil die Anhänger froh waren, dass sie zu den Spielen keinen Regenschirm mehr mitnehmen mussten. Also ließen sie es sich gefallen, dass die Stehplätze weitgehend aus den Stadien verbannt wurden; dass heute deutlich mehr Kameras auf die Ränge gerichtet sind als aufs Spielfeld. Dass die Stadionsprecher der Bundesliga auf dem Rasen derart penetrant herumkrakeelen, dass im Vergleich sogar Aale-Dieter auf dem Hamburger Fischmarkt geradezu schweigsam daherkommt. Und dass heutzutage wirklich alles im Fußball an Sponsoren verhökert wird, sogar die Kinder, die an der Hand der Profis in die Stadien marschieren. In etwa nennen sie das "Signal Iduna Einlaufeskorte".

Der Fußballboom schien trotzdem endlos. Nichts schien der Faszination der Deutschen für ihren Lieblingssport etwas anhaben zu können. Nicht die schmutzige Affäre um die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland und nicht die Enthüllungen der "Football Leaks". Selbst groteske Szenen wie die Massenverhaftung korrupter Fifa-Funktionäre im Züricher Hotel wurden achselzuckend hingenommen. So sind sie halt, die Funktionäre.

Und deshalb wehren sich die Klubs hierzulande auch gegen jedes Krisengerede. Die Stadien seien doch voll, argumentieren sie, vom Fernsehen gebe es auch mehr Geld. Und die gellenden Pfiffe in den Stadien? Nur verabredete Aktionen der "radikalen Szene", polterte -Präsident Reinhard Grindel nach dem Pokalfinale genervt.

Ultras artikulieren Protest nur besonders drastisch

So zu tun, als seien nur unverbesserliche Traditionalisten unzufrieden mit der schönen, neuen Fußballwelt, gehört zum Standardrepertoire der Funktionäre. Doch die in den Kurven artikulieren sich nur besonders drastisch. Auch der ganz normale Fan mit Erdnussbüchse auf dem Sofa ist inzwischen reichlich angefressen. Etwa von den immer absurderen Transfersummen wie bei dem Wechsel des Brasilianers Neymar vom FC Barcelona zum französischen Vizemeister Paris Saint-Germain. Als das Geschacher endlich vorbei war, beteuerte der Stürmer pathetisch, eine innere Stimme habe zuvor dringlich zu ihm gesprochen. "Mein Herz hat gesagt: Geh zu PSG!" Nur eine unbedeutende Nebenrolle, suggeriert Neymar, sollen die 30 Millionen Euro Gehalt gespielt haben, die die katarischen Investoren des Pariser Klubs jährlich auf sein Konto überweisen werden. Ganz zu schweigen von den 222 Millionen Euro Ablösesumme, die den bis dahin teuersten Spieler der Fußballgeschichte zum Schnäppchen herabwürdigte: Der Franzose Paul Pogba war vor einem Jahr für 105 Millionen Euro zu Manchester United gewechselt.

Es sind dies Zahlen jenseits jeder Vorstellungskraft für den normalen Anhänger. Denn die Millionen aus Katar kommen natürlich auch in der Bundesliga an und verderben die Sitten. Sei es beim vogelwilden Poker um Dortmunds Jungstar Ousmane Dembélé oder sogar bei wenig glamourösen Abräumern wie Matthias Ginter, für den Borussia Mönchengladbach 17 Millionen an Borussia Dortmund überwies. Da stöhnte Gladbach-Manager Max Eberl: "Was sich auf dem Transfermarkt abspielt, ist Wahnsinn, wie Monopoly. Topstars werden von Verein zu Verein weitergereicht für Summen, die für uns alle nicht mehr zu begreifen sind."

Ablösesummen entfremden Fans vom Fußball

Dass diese Summen die Distanz wachsen lassen zwischen den Profis auf dem Rasen und den Zuschauern, ist nicht nur ein Bauchgefühl bockiger Fußballromantiker. In einer vom stern in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage befürchten 80 Prozent der befragten Fans, dass sich der Fußball durch die immer höheren Ablösesummen immer weiter von den Fans entfernt. Abstoßungseffekte sind schon heute spürbar, etwa bei den Spielen der Nationalmannschaft. Es ist erst ein paar Jahre her, da rissen sich die Leute um Länderspielkarten, selbst wenn es gegen chancenlose Außenseiter ging. Mittlerweile bleiben oft ganze Blöcke leer. Beim Abschiedsspiel von Bastian Schweinsteiger in Mönchengladbach wurden zahlreiche Schalensitze mit Fahnen abgedeckt, um das Ambiente nicht gar so trist wirken zu lassen.

Oliver Bierhoff, Manager der Nationalelf, warnt inzwischen vor einer Übersättigung. Was natürlich ein wenig schräg klingt, weil Bierhoff selbst im vergangenen Jahrzehnt die Kommerzialisierung des Fußballs engagiert vorangetrieben hat. Seine Diagnose stimmt trotzdem, und sie lässt ahnen, was wirklich das Ende der Boomjahre des Fußballs einläuten könnte: Es sind nicht die Ultras in den Kurven, es ist auch nicht das kulturkritische Genörgel einiger Journalisten.

Der große Knall wird kommen, wenn der gefräßige Fußballbetrieb irgendwann nicht mehr vom Fernsehen finanziert wird. Schon jetzt müssen die Sender mit spitzer Feder rechnen, um die horrend dotierten Senderechte einigermaßen zu refinanzieren. Es kann passieren, dass die Zuschauer nicht mehr in Massen einschalten. Weil ohnehin permanent Fußball im Fernsehen läuft. Weil die Bayern eh Meister werden. Und weil bei zahlreichen Spielen der mäßige Unterhaltungswert längst nicht mehr in gesunder Relation zu den bezahlten Abo-Kosten steht.

"Financial Fairplay" reicht nicht aus

Was zu tun ist? Es braucht dringend internationale Regeln, die Exzesse wie den Neymar-Transfer unmöglich machen. Das gegenwärtige Regularium namens "Financial Fairplay" reicht nicht aus. Und gerade die großen Klubs müssen sich zur Einsicht durchringen, dass die Gier nach immer neuen Erlösquellen nicht nachhaltig ist. Denn auf die Dauer werden die Menschen nur dann ins Stadion gehen, den Fernseher einschalten und sich neue Trikots kaufen, wenn sie das Gefühl haben, einem ernsthaften sportlichen Wettstreit beizuwohnen.

Ein System, in dem ein paar absurd reiche Großklubs gelangweilt ihre nationalen Ligaspiele absolvieren und erst im Viertelfinale der Champions League ansatzweise so etwas wie Spannung aufkommt, ist nicht einmal mehr die schwache Karikatur eines Wettbewerbs.

Viel Hoffnung auf Einkehr und Besinnung besteht allerdings nicht. Wie hat es Christian Streich, Trainer des SC Freiburg und ein kluger Beobachter der Szene, ausgedrückt? "Der Gott des Geldes wird immer größer, und irgendwann verschlingt er alles", mahnte er und fügte an: "Aber die meisten werden es erst merken, wenn alles verschlungen sein wird."

Bis auf Weiteres suspendiert: Dortmunds Stürmertalent Ousmane Dembélé, der seinen Vertrag brechen will

Philipp Köster

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