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Das fatale Gerede von den wahren Fans

Nach den Nazi-Rufen beim Länderspiel der Nationalelf in Prag behaupten die Funktionäre: "Das sind nicht unsere Fans." Sind sie aber leider doch. Sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Joachim Löw gilt als wohltemperierter Bundestrainer. Selten bringt ihn etwas aus der Fassung, ist der Coach verärgert, so zeigt er das in der Öffentlichkeit gerne dadurch, dass er hörbar die Luft einzieht oder starr am Kontrahenten vorbeiblickt. Insofern war ihm an Sonntag die Entrüstung abzunehmen, mit der er über die rechtsradikalen Ausfälle eines Teils der deutschen Anhänger am Freitag in sprach. "Eine Schande“ sei das gewesen, sagte der Bundestrainer, und Löws Wortmeldung war überfällig , nachdem er direkt nach dem Spiel noch verkündet habe, von den "Sieg Heil“-Rufen aus dem deutschen Block nichts mitbekommen zu haben.

Was ihn von so ziemlich allen anderen Anwesenden im Prager Stadion unterschied. Umso wichtiger also, dass er nun mit Zorn in der Stimme und deutlichen Worten Stellung nahm. Nicht ansatzweise sollte der Eindruck aufkommen, die Nationalmannschaft ignoriere die Rufe oder versuche sie, zu verharmlosen. Nach dem Statement von -Präsident Reinhard Grindel und den klaren Äußerungen der Spieler Julian Brandt und Mats Hummels sollten den rechtsradikalen Hooligans klar geworden sein, dass sie bei der Nationalelf unerwünscht sind.

Joachim Löw: "Das sind nicht unsere Fans"

So positiv die klare Abgrenzung war, so sehr folgte die Argumentation aller Beteiligten einem altem und leider auch denkfaulem Muster. Die rhetorische Figur, zwischen den Krawallmachern und den "wahren Fans“ zu unterscheiden oder einfach mal festzustellen "Das sind nicht unsere Fans“ () oder "Das sind keine Fans“ (Mats Hummels) ist wirkungslos, weil sie ignoriert, dass die rechten Hooligans natürlich auch Anhänger der Nationalelf sind. Fan zu sein ist kein Ehrentitel, der entzogen werden kann, sondern eine emotionale Verfassung. Ehrlicher wäre deshalb zu sagen: Ein Teil der Fans der Nationalelf sind Nazis. Davor drückt sich jedoch die Führung der Nationalmannschaft, weil eine solche Feststellung weitere unangenehme Fragen aufwürfe: Seit wann ist das so? Und was ist bisher getan worden, um solche Vorfälle zu verhindern?

Die Antwort auf die erste Frage ist deprimierend. Rechtsradikale Hooligans nutzen nicht seit Jahren so, sondern seit Jahrzehnten deutsche Länderspiele im Ausland als Aufmarschgebiete. 1990 legten deutsche Randalierer während der WM in Italien die Mailänder Innenstadt in Schutt und Asche und skandierten dabei: "Wir sind keine Fußballfans, wir sind deutsche Hooligans." 1998 marodierten Randalierer und Nazis durchs französische Lens und schlugen den Polizisten David Nivel halbtot. Beim ersten Spiel der deutschen Mannschaft bei der EM 2000 in Lüttich gegen Rumänien riefen mehrere hunderte Anhänger über Minuten: "Zick-Zack Zigeunerpack“. Und auch abseits großer Turniere formierten sich bei Länderspielen rechtsradikale Schlägertrupps, beim letzten Gastspiel der deutschen Elf in Tschechien wurden gleich reihenweise hiesige Schläger aus den Zügen nach Prag gezogen, was nicht verhinderte, dass stiernackige Rechtsausleger in der Innenstadt den Hitlergruss zeigten und Einheimische verprügelten.

Diese Vorkommnisse durch die Jahrzehnte zeigen wie attraktiv auswärtige Länderspiele für die rechte Szene sind. Anders als bei Heimspielen der kommen auch einschlägig bekannte Krawallmacher relativ bequem an Karten. Die nationalen Symboliken begünstigen die üblichen Großmachtsphantasien mancher Anhänger. Der ebenso gängige wie geschmacklose Gesang "Wir sind wieder einmarschiert“, ist nur eines von vielen Indizien für das krude Weltbild der Hooligans. Wohlgemerkt: Das ist kein deutsches Phänomen, bei englischen Auswärtsspielen tummelt sich auch schon seit vielen Jahren eine ähnlich unappetitliche und nicht minder gewalttätige Klientel.

DFB: Fanszene leidet an merkantilen Interessen

Wirklich überraschen konnten die Vorfälle also nicht. Und es fällt eben auch auf, dass es bei der Nationalelf keine vitale, lebendige, selbstbewusste Fanszene gibt, die ihrerseits ein integeres Gegengewicht zu den Neonazis bilden könnte. Das liegt natürlich einerseits daran, dass sich in den Heimkurven der Klubs deutlich leichter stabile Beziehungen der Fans untereinander bilden können. Andererseits leidet die Fanszene der Nationalelf eben auch unter den merkantilen DFB-Interessen. In den Fanszenen der Republik hat der Fan-Club der Nationalmannschaft, der in den Verbands-Verlautbarungen zwanghaft den Zusatz "powered by Coca-Cola“ angehängt bekommt, einen verheerenden Ruf. Er gilt als reines Marketing-Instrument, dessen Mitglieder nur beigetreten sind, um bequem am Länderspieltickets zu kommen. Dass Oliver Bierhoff von zwei Blöcken sprach ("Einer war vom DFB geordnet, beim anderen lief die Kartenvergabe nicht über uns“), sprach da nur Bände.

Auf die Schnelle zu lösen wird das Nazi-Problem bei Länderspielen nicht. Es bedarf besserer Abstimmung der nationalen Sicherheitsbehörden. Die klare verbale Abgrenzung der Nationalelf ist ebenfalls wichtig. Aber den Eindruck zu erwecken, als seien die rechtsradikalen Schreihälse in Prag nur zufällig in den Fanblock der Nationalelf geraten und hätten nichts zu tun mit den "wahren Fans“, verschleppt das Problem nur. Bis zu den nächsten "Sieg Heil“-Rufen und hochgereckten rechten Armen in der deutschen Ecke.

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