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Ein Spiel dauert 60 Minuten? Lasst den Fußball, wie er ist!

Fußballspiele sollen keine 90 Minuten, sondern 60 Minuten dauern. Wenn der Ball ruht, wird die Zeit angehalten. Ein schwachsinniger und kulturvergessener Vorschlag, der den Fußball spaltet, sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Fifa Regel Schiedsrichter

Spieler am Boden? Spielzeitunterbrechung! So soll die Fußballwelt nach Willen einiger Fifa-Funktionäre demnächst aussehen

Man wird den legendären Bundestrainer Sepp Herberger korrigieren und neu formulieren müssen: Ein Spiel hatte mal 90 Minuten. Denn wenn umgesetzt wird, was die Regelhüter des Fußball-Weltverbandes  , die in einem reichlich bizarr zusammengesetzten Gremium namens IFAB über Reformen des Spiels nachdenken, dann müssen Schiedsrichter demnächst ständig mit der Stoppuhr herumlaufen.

Gute Änderungen, bizarre Änderungen

Den Herren der IFAB muss bei ihrem letzten Treffen offenbar sehr langweilig gewesen sein, sonst hätten sie nicht am Wochenende eine Vorschlagsliste erarbeitet, indem unter anderem die bizarre Idee niedergeschrieben wurde, dass künftig nicht mehr 90 Minuten dauern sollen. Stattdessen soll eine Nettospielzeit von 60 Minuten gelten, bei jeder Unterbrechung würde dann die Zeit angehalten.

Zunächst einmal: Nicht alle Änderungsvorschläge des Gremiums sind Unfug, über manches wird man diskutieren können. Dass etwa der Ball beim Abstoß unbedingt den Strafraum verlassen muss, ist ein Relikt aus jener Zeit, als der Ball noch beliebig häufig zum Torwart zurückgespielt werden durfte. Die Regel ist überflüssig und kann abgeschafft werden, ebenso wie es sinnig erscheint, dass ein Spiel erst dann abgepfiffen wird, wenn der Ball nicht mehr im Spiel ist.

Wer schützt die Schiedsrichter?

Und vielleicht am drängendsten ist die Frage, wie endlich die Schiedsrichter effektiver geschützt werden. Die vom Regelgremium vorgeschlagenen Kollektivstrafen für protestierende Teams sind zwar Unfug, trotzdem sind die ewigen Rudelbildungen rund um den Referee ein Unding und es bedarf dringend drakonischer Strafen für all jene, die auf dem Platz die Unparteiischen bedrängen.

Was nichts an der Tatsache ändert: Der Vorschlag, die Spieldauer eines Fußballspiels so radikal zu ändern, ist ein Zeichen für den abgehobenen, arroganten und kulturvergessenen Geist, der in den internationalen Fußballverbänden herrscht. Und dass er nun tatsächlich ernsthaft in Fifa-Gremien diskutiert werden soll, zeigt, wie sehr sich die Funktionäre inzwischen von der Basis entfernt haben.

Denn klar ist ja: Die Einführung einer Nettospielzeit wäre nur im Profibereich möglich. Um mal in Deutschland zu bleiben: Woher sollten im Amateurbereich und erst recht im Jugendbereich die technischen Möglichkeiten und das Personal kommen, um eine Nettospielzeit zu ermitteln. Zahllose Jugendspiele finden heutzutage ohne Referee statt. Sollen die Jugendtrainer oder gar Eltern mit der Stoppuhr am Spielfeldrand stehen? Eine völlig weltfremde Annahme. Die Konsequenz wäre also: Im Amateurbereich wird weiter nach alter Zeitmessung gespielt, im Profibereich nach der neuen. Wer solche eine Spaltung ernsthaft betreibt, ist von allen guten Geistern verlassen.

Einheit von Amateur- und Profisport? Egal!

Und außerdem: Nicht einmal der Profibereich täte sich damit einen Gefallen. Derzeit rollt während der 90 Minuten durchschnittlich 56 Minuten tatsächlich der Ball. Für etwas weniger als vier Minuten aktive Zeit mehr will man eine der elementaren Regeln des Fußballspiels entfernen?

Die Faszination des Fußballs bestand immer auch darin, dass er von der Kreisklasse bis zur Champions League den gleichen Regeln gehorcht. Der Profifußball hat sich in den letzten Jahren schon so manches Extratour gegönnt, den 4. Offiziellen und die Torkamera und nun auch noch den Videobeweis, der bei den letzten Turnieren vorwiegend dazu geführt hat, dass Spieler und Referees mehrere Minuten lang dämlich auf dem Platz herumstehen und auf die Einflüsterungen eines Bildschirm-Schiris warten.

Aber die Einheit von Amateur- und Profisport  war den vermeintlichen Regelexperten offenbar egal. "Die Rückmeldungen aller Beteiligten in der Fußball-Gemeinschaft sind bislang sehr positiv", wird der Fifa-Funktionär David Elleray zitiert und der IFAB- Geschäftsführer Lukas Brud jubilierte : "Ein Meilenstein!"

So kann man das auch formulieren. Wenn einem der und seine Kultur völlig egal ist. 


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