HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Mensch, FC Bayern! - Über eine desaströse Münchner PR-Woche

Selbstgerechter Uli Hoeneß, kaltherzig verabschiedeter Holger Badstuber? Was ist eigentlich in den FC Bayern gefahren? Fragt sich stern-Stimme Philipp Köster.

Holger Badstuber

Holger Badstuber im Januar im Trainingslager des FC Bayern München in Doha

Auf den ersten Blick war es eine gute Woche für den . Die Diskussion um die Niederlagen gegen Real Madrid und Borussia Dortmund war endlich abgeebbt und am Samstag gelang obendrein ein spektakulärer 4:5-Auswärtssieg beim ärgsten Verfolger RB Leipzig. Das Siegtor in allerletzter Minute ließ dabei sogar ganz kurz so etwas wie meisterliche Stimmung aufkommen, nach der eher mauen Platzfeier in Wolfsburg vor zwei Wochen.

Auf den zweiten Blick jedoch war es eine ziemlich desaströse Woche für die Münchner. Da war zunächst der sensationell missratene Auftritt des Aufsichtsratsvorsitzenden bei einem Bankett in Liechtenstein, bei dem Hoeneß all das vermissen ließ, was ihn nach seiner Gefängnisstrafe zurück ins alte Amt gebracht hatte. Hoeneß gerierte sich als verfolgte Unterschuld, als tragisches Opfer einer Medienkampagne. "Ich bin der einzige Deutsche, der Selbstanzeige gemacht hat und trotzdem im Gefängnis war", behauptete der Funktionär, was selbst die stets wohlgesonnene "Bild" zur Feststellung brachte: "Dreister Auftritt in der Steuer-Oase!"

Ein Bulletin in frostigem Ton

Und als sei es noch nicht genug an desaströser PR, veröffentlichte der FC Bayern Ende der Woche eine knappe Mitteilung, in der in offiziösem Ton klargestellt wurde, dass der an Schalke ausgeliehene keinesfalls nach München zurückkehren würde. Dass Carlo Ancelotti keine Verwendung für den verletzungsanfälligen Verteidiger mehr hat, war zwar bereits durchgesickert. Der Ton des Bulletins war jedoch derart frostig, dass man geneigt war, kurz zum Kühlschrank zu gehen, um sich aufzuwärmen. Und das bei einem Spieler, der seit früher Jugend beim FC Bayern spielte und mit aus seiner tiefen Identifikation mit dem Klub nie einen Hehl gemacht hatte.

Es waren dies zwei Vorfälle, die jeder für sich elementare Grundpfeile des Klubs konterkarierten. Sie sind auf der Homepage des FC Bayern in der Rubrik "Werte" nachzulesen und heißen "Familie" und "Verantwortung" und "Vorbild". Diese Werte hat der FC Bayern in der Vergangenheit stets zu Recht für sich reklamiert. Denn so kühl und geschäftsmäßig die Münchner daherkamen, wenn es darum ging, sich Pfründe und Einfluss zu sichern, so offenkundig gab es daneben auch immer den familiären, herzlichen und fürsorglichen FC Bayern. Dieser Klub sorgte mit großer Selbstverständlichkeit für seine ehemaligen Spieler und half unbürokratisch in Not geratenen Klubs. Dieser Klub hielt gekonnt die Balance zwischen internationaler Perspektive und volksnahem Habitus. Und dieser Klub verkörperte seine Werte durch die Persönlichkeiten, die ihn führten, durch das sich in ihrer Gegensätzlichkeit gut ergänzende Duo Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß.

Von diesem Klub ist derzeit nicht mehr viel zu sehen. Wer auf den FC Bayern im Jahr 2017 blickt, sieht einen Klub, dem auf ziemlich merkwürdige Weise die Moral abhanden gekommen ist. Dass die Münchner es neuerdings mit den ethischen Leitlinien nicht allzu ernst nehmen, wenn sie das Geschäft behindern, hatte schon der umstrittene Deal mit dem Flughafen Doha gezeigt, der Airport eines Landes, in dem Menschen- und vor allem Frauenrechte eher optional gehandelt werden.

Nun ließ sich diese Kooperation zumindest auf geschäftlicher Ebene rechtfertigen, mit stolzen Erlösen und Präsenz in Wachstumsmärkten und was man eben noch so erzählt, um das aufgebrachte Fanvolk zu beruhigen. Die Vorfälle dieser Woche sind hingegen deshalb so alarmierend, weil sie jeder für sich quasi absichtslos und ohne jeden wirtschaftlichen oder ideellen Nutzen geschahen.

Es hätte zehn Minuten gebraucht, um aus einer kühlen und geschäftsmäßigen Mitteilung eine herzliche Abschiedsnotiz an Holger Badstuber zu machen. Der FC Bayern hätte sich nichts vergeben und womöglich wäre dann nicht einmal der peinliche Umstand zu Tage getreten, dass im Falle eines Vertragsendes 2017 der Spieler gar nicht hätte ausgeliehen werden dürfen. Aber das scheint beim FC Bayern niemand mehr für nötig zu halten, stattdessen gab es seelenlose Textbausteine.

FC Bayern München: Höchste Zeit zur Rückbesinnung

Und Uli Hoeneß hätte vielleicht nur noch einmal kurz nachdenken müssen, bevor er selbstgerecht und bockig zu Protokoll gab, wie übel ihm in der Steuersache mitgespielt wurde. Dann wäre ihm aufgegangen, dass ihn die Mitglieder nicht als Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht zurück ins Präsidentenamt gehievt haben – sondern weil er glaubhaft versichern konnte, aus Fehlern gelernt zu haben und einen Neuanfang wagen zu wollen. Hoeneß' aktuelle Äußerungen zeigen: Es waren nur gut auswendig gelernte Lippenbekenntnisse. Dass er sie dennoch tätigte, als oberster Repräsentant des Vereins, zeigte nur, wie egal und optional moralische Fragen beim FC Bayern derzeit sind.

Höchste Zeit, sich darauf zu besinnen, was den FC Bayern bisher von anderen Großklubs unterschieden hat. Höchste Zeit, Holger Badstuber anständig zu verabschieden. Und höchste Zeit auch, Uli Hoeneß den klaren Hinweis zu geben, dass er so nicht weiter machen kann. Wenn das passiert, könnte es noch eine gute Woche für den FC Bayern werden.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity