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Die Trainerfrage ist nicht entscheidend - ein Machtkampf lähmt die Bayern

Die Bayern in der Krise: Die entscheidende Frage für den Rekordmeister lautet nicht, wer neuer Coach wird. Viel wichtiger ist: Der Machtkampf zwischen Hoeneß und Rummenigge muss ein Ende haben, sagt stern-Stimme Philipp Köster.

FC Bayern München: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß auf der Tribüne der Berliner Olympiastadions

Der FC Bayern München strauchelt: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß (r.) auf der Tribüne der Berliner Olympiastadions

Ach, sie hatten sich das beim so schön vorgestellt. Am Mittwoch den Coach Carlo Ancelotti beurlauben, gleich anschließend Interimstrainer Willy Sagnol installieren und am Wochenende in einer Trotzreaktion Hertha BSC überzeugend wegfiedeln. All das hätte den schlagenen Beweis erbracht, dass mit dem Trainer sich auch die Krise verflüchtigt hat, die Mannschaft intakt ist und es auch mit der Trainersuche nicht übermäßig eilt.

Das 2:2 gegen die Hertha, bei dem obendrein auch noch völlig unnötig ein Zwei-Tore-Vorsprung verspielt wurde, legte jedoch schonungslos dar, dass der gefeuerte eben nur eine Teilschuld an der bayrischen Misere trägt. Denn es ist ihm nur bedingt anzulasten, dass der FC Bayern von 2017 keine Mannschaft ist, die souverän den Titel gewinnen wird, geschweige denn vom Champions-League-Titel träumen darf. Sie ist stattdessen ein Team, dem anzusehen ist, dass der längst überfällige Umbruch nach der Triple-Saison 2013 viel zu lange herausgezögert und dann nur halbherzig umgesetzt wurde.


Schon die Aufstellung spiegelt die Probleme

Man könnte die Misere ziemlich gut an der Aufstellung des Rekordmeisters in festmachen. An Keeper Sven Ulreich, dessen limitierte Fähigkeiten am Ball die Münchner einer wichtigen Variante der Spieleröffnung berauben. Am Münchner Mittelfeld, dessen Positionsspiel in nahezu jeder Spielminute die alten Recken Philipp Lahm und Xabi Alonso vermissen lässt. Und die einstmals gefürchtete Flügelzange aus Arjen Robben und Franck Ribéry, denen jene tödliche Präzision abhanden gekommen ist, mit der sie früher ihre Tempodribblings angingen.

Viel entlarvender ist jedoch der Blick hinter die Kulissen, der Blick auf jene beiden Funktionäre, die im Zusammenspiel derzeit die Modernisierung des FC Bayern verhindern. Der Antagonismus zwischen und Uli Hoeneß, die offenbar völlig unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft des FC Bayern haben, lähmt den Klub, weil zahllose Sach- und Personalfragen nicht argumentativ, sondern entlang vorgezeichneter Frontlinien entschieden werden.

Sichtbar geworden ist dieser Konflikt immer mal wieder. Sei es bei der Rezeption des Lewandowski-Interviews, als Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge den Stürmer wie ein Oberschulrat zurechtwies ("Ich weiß, wie man Spieler zur Räson bringt!"), während Vereinschef Uli Hoeneß stante pede dem gescholtenen Stürmer beisprang. Oder sei es bei der Inthronisierung des neuen Sportdirektors, der ja ein klassischer Kompromisskandidat war, letztlich aber in seiner hemdsärmligen Art eher für den rustikalen FC Bayern steht.

Die Bayern verdrängen die großen Fragen

Keine Woche verging, in der Uli Hoeneß Salihamidzic nicht über den grünen Klee lobte. Was der alles anschiebt, wie der auf der Tisch haut, wie der den Finger in die Wunde legt, wie der mit den Spielern spricht! Je mehr Uli Hoeneß versuchte, den Eindruck zu wecken, hier habe der FC Bayern einen Jahrhundertfunktionär verpflichtet, desto mehr verstärkte sich der Eindruck, dass einem jungen, etwas überforderten Azubi etwas zu penetrant den Rücken gestärkt werden sollte.

Diese Personalie steht beispielhaft für all die verdrängten, großen Fragen, die die Bayern umtreiben müssten. Es braucht eine nachhaltige Weichenstellung, in welche Richtung sich der Klub Weiterentwickeln soll. Will er auf Augenhöhe mit all den Klubs agieren, die von milliardenschweren Scheichs oder risikofreudigen Investmentsfonds beherrscht werden, so wie es Rummenige befürwortet? Oder will er aufs bewährte Bayern-Rezept setzen, das darauf setzt, dass am Ende Solidität und Volksnähe nachhaltiger sind als die hektischen Investments in Paris und Manchester und anderswo? Oder geht irgendwie beides zusammen?

Und als Konsequenz aus dieser Frage: Wie sieht eigentlich die sportliche Philosophie des Klubs aus? Will der FC Bayern für einen wiedererkennbaren Spielstil stehen, der der Philosophie des Klubs entspricht? Oder will er sich den jeweiligen Vorlieben des Trainers ausliefern und so das Erbe des Pep Guardiola, der die Mannschaft spieltaktisch auf Weltniveau gebracht hatte, langsam verlottern lassen?

Fragen, die sich der FC Bayern stellen muss und von deren Beantwortung die nähere Zukunft des Klubs anhängt. Ganz wurscht übrigens, ob der neue Coach Thomas Tuchel oder Julian Nagelsmann heißt.

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