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Die Bayern in Asien: Geplant kaputte Spieler auf der Suche nach "Likes"

23.000 Flugkilometer, schwüle Hitze, Mammutprogramm – die Bayern beklagen die Strapazen der Asienreise. Das wussten die Münchner aber vorher. Sagt stern-Stimme Philipp Köster.

Philipp Köster FC Bayern München China

Selfie in Shanghai: David Alaba und Franck Ribéry vom FC Bayern München

Es war alles so schön geplant gewesen, auf der Asientour des . Mal eben schnell hinüberfliegen, von enthusiastischen Fans am Flughafen empfangen werden, Werbetermine absolvieren, ein paar Freundschaftsspiele gewinnen und nebenher noch den mehr als "130 Millionen chinesischen Bayern-Sympathisanten" (Bayern-Vorstand Wacker) verklickern, dass sie doch bitte schnell das neue Trikot ordern oder sich die App des Klubs aufs Handy laden.

Nur doof, dass die Spieler sich mit den klimatischen Bedingungen und den Reisestrapazen derart schwer taten, dass sie auf dem Platz herumschlichen, als hätten sie sich zuvor monatelang mit einer Machete durch die Sümpfe Indochinas gekämpft. Vor allem das desaströse 0:4 gegen den AC Milan sorgte für Frust, sogar Chefdiplomat Carlo Ancelotti gab hinterher zu Protokoll: "Das Resultat überrascht mich." Dass der Coach zugleich abwiegelte, man habe ja noch Zeit, konnte jedoch nicht verhindern, dass anschließend eine große Diskussion über Sinn oder Unsinn solcher Überseereisen losbrach. "Wie kaputt macht diese Reise?" fragte schlotternd die Bild-Zeitung und Vereinsboss Uli Hoeneß wusste hinterher natürlich besser als vorher, dass vier Spiele in zwölf Tagen "sicherlich grenzwertig" seien.

FC Bayern München: "Erfreulich viele Liker"

Trotzdem ist diese Diskussion nicht mehr als eine humorige Randnotiz. Hätte man schließlich ahnen können, dass vier Spiele in zwölf Tagen womöglich an die Substanz gehen würden. Und dass im Sommer in China und Singapur in der Regel nicht gerade eine frische Brise bei angenehmer Luftfeuchtigkeit weht. Humorig ist die Diskussion aber auch, weil sich natürlich nichts, aber auch gar nichts an den Fernreisen des Klubs ändern wird. Denn es ist ja nun mal so, kühl wirtschaftlich gesprochen: Die großen deutschen Klubs, allen voran der FC Bayern, Borussia Dortmund und der FC Schalke, sind auf internationalem Expansionskurs. Das Wachstumspotential in der Heimat ist erschöpft, die Claims abgesteckt. In Asien, Nordamerika und anderswo sind hingegen noch Marktanteile zu verteilen. Wie viel Potential in den Übersee-Märkten steckt, berichtete Bayern-Chef Kalle Rummenigge neulich, als die Münchner den Transfer von James Rodriguez bekannt gaben. Der Wechsel bescherte den Bayern einen sechsstelligen Zuwachs "bei Instagram und Facebook ... und was weiß ich" (Rummenigge), erfreuliche viele "Liker ... oder Likes" (auch Rummenigge).

Was der Funktionär da etwas ungelenk umschrieb, ist die neue Währung des internationalen Spitzenfußballs. Eine virtuelle Anhängerschaft, die nie ein Spiel in der Allianz Arena sehen wird, die aber fleißig Trikots kauft und sich die Spiele im TV oder Netz anschaut und natürlich auch dafür fleißig bezahlt. Die englischen, spanischen, italienischen Spitzenklubs machen es genauso, nur schon viel länger. Und wer mithalten will im Konzert der Großen, ist in den neuen Märkten präsent und jagt seine Spieler eben über den Erdball, mit 23.000 Flugkilometern in zwölf Tagen.

Über die Folgen dieser globalen Expansion braucht man sich keine Illusionen machen. Jeder zusätzliche Euro, den der FC Bayern durch seine internationalen Aktivitäten einnimmt, macht die Bundesliga noch ein bisschen langweiliger. Der Abstand zwischen den Münchnern und dem Rest der Liga ist bereits jetzt grotesk, er wird durch die Gelder aus der internationalen Vermarktung und aus der Champions League noch größer, noch uneinholbarer. Eigentlich läge es in der Verantwortung der Bayern und der anderen großen Klubs, dieses Gefälle eher zu verringern als zu vergrößern –aber derlei Planspiele fallen in den Bereich weichgezeichneter Fußballromantik.

Also werden die Münchner, die Dortmunder und Schalker, ungeachtet aller Stresssymptome, nächstes Jahr wieder nach Asien reisen. Auf der Suche nach Marktanteilen und natürlich nach Likern oder Likes.

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