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Richtige Fragen, falscher Alarm - über die "Wutrede" des Julian Nagelsmann

Farbbeutel auf Busse, beleidigende Plakate im Stadion. Brennt den Fußballfans der Helm, wie Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann sagt? Ein zu pauschaler Rundumschlag, findet stern-Stimme Philipp Köster.

Julian Nagelsmann

Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann hat auf die Beleidigungen gegen Dietmar Hopp reagiert

Man kennt den Trainer der TSG Hoffenheim als eher sachlichen Vertreter seiner Zunft. Weder ist aktenkundig, dass Julian Nagelsmann seine Kollegen anpöbelt, noch sucht er nach Niederlagen bevorzugt die Schuld bei den Schiedsrichtern oder spinnt diffuse Verschwörungstheorien. Es war also bemerkenswert, dass Nagelsmann nach dem Auswärtsspiel beim 1.FC Köln zu einer Art ansetzte, in der er wortgewaltig den Verfall der Sitten in den Fußballstadien anprangerte und die anschließend flugs als "Aufrüttel-Rede" (Bild) und zur "emotionalen Brandrede" (n-tv) durch die Medien gereicht wurde.

Nun waren Nagelsmanns Ausführungen nicht immer stringent. "Es beginnt bei jeder Kleinigkeit, wie ich die Umwelt verschmutze, wie ich einkaufen gehe. Und endet, wie ich hier eine gegnerische Mannschaft empfange", klagte der Coach, wobei sich der Zusammenhang zwischen Discounter-Einkäufen und Hasstiraden am Stadion nicht so recht erschloss. Und am Ende wurde es auch wieder ein wenig krude, als Nagelsmann predigerhaft ins Globale abdriftete ("Einfach dumm, was wir aus dieser wunderschönen Welt machen").

Julian Nagelsmann stellt berechtigte Fragen

Dazwischen aber stellte Nagelsmann durchaus berechtigte Fragen. Nämlich, ob wir uns daran gewöhnen wollen, dass die Busse anreisender Mannschaften in Zukunft immer damit rechnen müssen, mit Steinen und beschmissen zu werden und durch eine von aufgebrachten Anhängern gesäumte Furt zu fahren, die den Spielern hundertfach den Mittelfinger entgegenrecken. Die Antwort heißt: nein. Dürfen wir nicht. Auf keinen Fall. Dazu hätte es jedoch Nagelsmanns Verweis auf den Anschlag auf den BVB-Bus nicht gebraucht. Das Ansinnen, Spieler vor dem Spiel durch Gewaltdrohungen einschüchtern zu wollen, ist schon prinzipiell bizarr. Und es bedarf dringend eines Konsens in den deutschen Fanszenen, derlei aggressive Spaliere in Zukunft zu unterlassen.

Mehr Differenzierung ist jedoch nötig, wenn es um Plakate geht, die in den Fanblöcken hochgehalten werden. Spruchbänder sind ein legitimes und wichtiges Mittel der Szenen, um zu aktuellen Entwicklungen Stellung zu nehmen. Dass derzeit durch Verbandsstrafen versucht wird, diese Freiheit einzuschränken, ist ein fataler Trend und zudem ein Kampf, den die Verbände und Vereine nicht gewinnen können – das zeigt die leidige Debatte um die Pyrotechnik. Was jedoch nicht bedeutet, dass Kugelschreiber-Hooligans jede nur erdenkliche Beleidigung auf Plakate schreiben sollen dürfen. Auch wenn die eine oder andere Verbalinjurie schon mal auszuhalten ist, gibt es Grenzen. Aber diese Grenzen definiert in der Regel auch das Strafgesetzbuch ziemlich gut.

Ansonsten aber sind die Botschaften auf Plakaten und Spruchbändern eine Sache der Fanblöcke selbst und nicht die einer Geschmackspolizei des Verbandes. Und auch wenn Nagelsmanns Wutrede einen anderen Eindruck erweckt, in den meisten Fanszenen funktionieren die regulativen Kräfte ziemlich gut. Es ist deshalb auch taktisch unklug und verschärft nur vorhandene Konflikte, wenn die Hoffenheimer immer wieder aufgebracht und empört reagieren und fast reflexhaft die DFB-Spitze um Hilfe bitten. Denn eines weiß man sicher: Von niemandem lassen sich Fanszenen weniger etwas sagen als von der DFB-Spitze in Frankfurt. Das entlässt die Fans in und anderswo natürlich nicht der Verantwortung, ihren Umgang mit Dietmar Hopp und anderen zu hinterfragen. Womöglich besteht ja irgendwann auch einmal die Möglichkeit, statt plumper Beleidigungen und erwartbarer Stammbaumplakate den Protest mit Witz und einem Mindestmaß an Intelligenz zu gestalten?

Weniger Wucht, mehr Wirklichkeit

Das Bedauerliche an Nagelsmanns Suada ist jedoch der Eindruck, es gehe in deutschen Stadien wesentlich hasserfüllter und feindseliger zu als früher. Dabei sind Fußballspiele der deutschen Profiligen gerade im Vergleich zu früheren wilden Jahrzehnten ziemlich harmlose und zivile Veranstaltungen. Das zu erwähnen und zu differenzieren, hätte Nagelsmanns Kritik vielleicht weniger wuchtig gemacht, sie hätte aber mehr mit der Wirklichkeit in deutschen Fußballstadien zu tun gehabt.


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