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Ein hoher Preis

Fußball-Deutschland diskutiert über ein Buch. Philipp Lahm hat es geschrieben. Auch weil er sein Profil damit schärfen wollte. Nun droht das Werk zum Bumerang zu werden.

Ein Kommentar von Klaus Bellstedt

Es war im November 2009, als Philipp Lahm der "Süddeutschen Zeitung" ein viel beachtetes Interview gab. Mutig griff der Weltklasseverteidiger darin die Bayern-Führung an, indem er eine fehlende Philosophie im Club und die beliebige Transferpolitik beklagte. Der 27-Jährige erntete dafür eine Menge Respekt im eigenen Verein wie in der Öffentlichkeit. Er hatte sich der Sache wegen mit den Vereinsoberen angelegt und dafür selbst eine Geldstrafe in Kauf genommen. Seine starken Leistungen und sein untadeliger Ruf machten ihn unverdächtig, aus bloßer Profilierungssucht gehandelt zu haben.

Nun hat sich Philipp Lahm in seiner Biografie mit dem Titel "Der feine Unterschied" wieder im großen Stil zu Wort gemeldet. Diesmal liegen die Dinge allerdings etwas anders. Nicht die aktuelle Bayern-Führung, sondern seine ehemaligen Trainer Rudi Völler (Nationalmannschaft) sowie Felix Magath, Jürgen Klinsmann und Louis van Gaal (alle FC Bayern) hat sich Lahm vorgeknöpft. Sie alle kommen nicht gut weg. Jedem von ihnen hält er Schwächen in der Trainingsarbeit vor.

Kapitales Eigentor

Es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet der aktuelle Kapitän des FC Bayern und der Nationalmannschaft mit einem Tabu bricht, nach dem man öffentlich keine Kritik an ehemaligen Trainern übt. Zumal Lahm noch dazu hohe Anerkennung bei jedem der Coaches genoss. Tatsächlich ist die jüngste Veröffentlichung nichts weiter als der Versuch, über den Fußballplatz hinaus weiter an Profil zu gewinnen. Als reflektierter Fußballerklärer soll Lahm weiter an Konturen gewinnen.

So war es geplant.

Stattdessen hat sich Philipp Lahm, so viel ist jetzt schon sicher, noch bevor das Buch überhaupt in den Läden steht, ein Eigentor geschossen. Denn schwerer als die Kritik an seinen ehemaligen Vorgesetzten wiegt, dass er mit einem Tabu gebrochen hat, nach dem Profis weder ehemalige Trainer im nachhinein diskreditieren, noch Interna aus der Kabine preisgeben. Dass Lahm nun vor allem von Völler, der sieben Jahre nach seinem freiwilligen Rückzug vom Amt plötzlich um seine Reputation kämpfen muss, heftig angegangen wird, ist da nur konsequent.

Lahm wird ab sofort mit anderen Augen gesehen

Die Marke Lahm wollte sein Management mit dem Buch, das in vielen Passagen eher ein Büchlein ist, weiter schärfen. Das ist in gewisser Hinsicht gelungen, so viel steht schon jetzt fest: Niemand im deutschen Fußball wird in Zukunft noch behaupten, Lahm sei zu sanft, zu naiv und überhaupt zu wenig hart für ein Führungsamt im deutschen Fußball.

Philipp Lahm zahlt allerdings einen hohen Preis. Er wird ab sofort mit anderen Augen gesehen, nicht nur in der Fußballfamilie, auch draußen an den Stammtischen. Hier wie dort wurde er vor allem seiner Glaubwürdigkeit und Integrität wegen geschätzt. Das ist nun erst einmal vorbei. Es wird vieler guter Spiele bedürfen, um den alten Ruf zurückzugewinnen.

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