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Wie Nazis den Fußball unterwandern

Die NPD versucht systematisch, sich in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren. Auch Fußballvereine und ihre Fans werden gezielt unterwandert. Aber woran erkenne ich einen Rechtsextremen? Und was tue ich, wenn er am Spielfeldrand pöbelt? Die unterklassigen Vereine fühlen sich von der Politik allein gelassen.

Von Christoph Ruf

Die Bilanz der vergangenen Wochen: der Rechtsextremist Horst Mahler wird wegen wiederholten Zeigens des Hitlergrußes zu sechs Monaten Haft verurteilt, einem rechtslastigen Honorarprofessor aus Leipzig wird die Lehrerlaubnis entzogen. In Mittweida greifen vier rechtsextreme Kameradschaftler eine 6- und eine 17-Jährige an und ritzen der Älteren ein Hakenkreuz in die Hüfte. Ein dem Wahn anheimgefallener Jurist, ein revisionistischer Dozent, vier tumbe Glatzen.

Das Spektrum des deutschen Rechtsextremismus ist vielfältig, in vielen Gebieten Deutschlands prägen seine Anhänger die Alltagskultur. Und da soll ausgerechnet der Fußball eine Oase der Völkerverständigung und der Toleranz sein?

NPD bewirbt ihre "Wortergreifungsstrategie"

Derzeit bewirbt die NPD parteiintern massiv die von ihrem Vorsitzenden Udo Voigt ausgerufene "Wortergreifungsstrategie". Die Aktivisten sollen in die Freiwilligen Feuerwehren gehen, sich in Elternbeiräte wählen lassen, sich inkognito auf politischen Versammlungen einschleichen, um sich dort jeweils eine Weile unauffällig zu verhalten, ehe es ans Missionieren geht. Auch der Breitensport Fußball soll gezielt unterwandert werden.

Holger Apfel, Fraktionsvorsitzender der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, gilt als einer der Vordenker der Partei. Als Fan von Eintracht Braunschweig braucht er sich keine große Mühe zu geben, um in der Sprache der Ultras deren legitime Anliegen aufzugreifen, um sie in das Süppchen seiner Partei einzurühren: "Wahrscheinlich wird es noch so weit kommen, dass auf dem Spielfeldrasen Sponsorenwerbung steht", klagt er. Um dann auszuführen, dass "diese gängige Kritik der Fans an der Kommerzialisierung" ja "wunderbar mit unserer Globalisierungskritik zusammen" gehe. Ihm, sagt Apfel, gehe es jedenfalls nicht darum, wie Fanprojektler ("stehen auf der Gehaltsliste der linksliberalen Mafia") oder die Vereinsführungen seine Partei bewerteten: "Uns geht es darum, die NPD in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren." Folgerichtig versuche man auch bei "Vereinen mit einem großen Potenzial" deren "Anhänger an die Partei heranzuführen."

NPD gründet Freizeitvereine

Die Anfänge sind gemacht: Beim Regionalligisten VfB Lübeck unterhält die NPD mit der "Lübschen Jugend" ihren eigenen Fanclub, in Kleinstädten wie Hildburghausen und Rathenow gründete die Partei laut Recherchen des WDR eigene Freizeitvereine. Eine CD mit rechten Fußballgesängen soll bereits konzipiert sein. Doch offenbar fehlt der Partei derzeit das Geld, sie massenhaft unter die Leute zu bringen.

In vielen Stadien würden ihre Verteiler wohl auch nicht lange unbehelligt bleiben: In Stuttgart und in Gelsenkirchen wurden NPD-Aktivisten in den vergangenen Jahren immer wieder eindrücklich daran gehindert, Propaganda zu machen. Anderorts probiert es die Partei erst gar nicht. Wohlwissend, dass sie auf verlorenem Posten stünde. Insofern, sagen Fanaktivisten, sei der Fußball eher ein "Brennglas" denn ein "Spiegelbild" der Gesellschaft. Will sagen: Rechtsextremismus ist im Fußball nicht verbreiteter als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Er wird nur stärker wahr genommen. In der Tat: Kein Handball-, kein Feuerwehrverein wird an den Pranger gestellt, wenn bei seinen Versammlungen ein Mitglied im T-Shirt einer rechtsextremen Bekleidungsfirma erscheint. Im Fußball sei das sehr wohl so.

"Wenn die Presse das mitkriegt?"

Und nicht nur beim DFB, sondern auch beim Gros der Vereine ist die Sensibilität geschärft. Doch die starke mediale (und nicht selten marktschreierische) Begleitung des Themas ist nicht nur segensreich. Aus lauter Angst, an den Pranger gestellt zu werden, getraut sich mancher Vereinsvertreter gar nicht mehr, die Initiative zu ergreifen: "Und wenn die Presse das mitkriegt?", fragte ein Vertreter aus Brandenburg jüngst auf einem Fankongress in Halle, "wenn die Eltern ihre Kinder abmelden?" Auch Steffen Kubald, Präsident des fünftklassigen Traditionsvereins Lok Leipzig findet, dass die kleinen Vereine mit ihrer problematischen Klientel allein gelassen würden: "Das Problem wird auf die Vereine abgewälzt". Ein Verein, der mit Mühe und Not eine Handvoll Ordner bezahlen könne, sei nicht in der Lage, dutzenden Fans zu erklären, warum sie ein Thor-Steinar-Sweatshirt ausziehen sollten.

Thor Steinar? Zahlreiche Erst- und Zweitligisten (Dortmund, Hertha, Jena uva.) haben das Tragen der aus dem rechtsextremen Spektrum stammenden Marke schon in ihrer Stadionordnung verboten. Doch manche rechtsextreme Codes sind so subtil, dass sie nur Insider dechiffrieren können. Dass es sich bei der "88" um einen Code für "Heil Hitler" (Die Initialen bestehen aus dem achten Buchstaben des Alphabets) handelt, ist vielen bekannt Aber kennen Sie die "14"? Sie steht für das "14 words" genannte Treuegelübde US-amerikanischer Rassisten: "We must secure the existence of our people and a future for white children" - wir müssen das Überleben unseres Volkes und eine Zukunft für weiße Kinder sichern."

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