Schwule Fußballer sind eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft. Dabei ist in der Bundesliga einer von elf Profis homosexuell. Zwei haben sich im Fußballmagazin "Rund" geäußert. stern.de hat mit dem Chefredakteur gesprochen, der für einen Gesinnungswandel plädiert.

Der brasilianische Torhüter Roger vom Fußballklub Sao Paulo ist am 7.10.1999 nackt auf der Titelseite der jüngsten Ausgabe des brasilianischen Homosexuellen-Magazins "G Magazin" zu sehen© Picture-Alliance
Während in anderen Ländern langsam der Boden für ein schwulenfreundliches Klima im Fußball bereitet wird, beispielsweise mit Bewährungsstrafen für homophobe Äußerungen in Stadien, ist man in Deutschland noch weit davon entfernt. Rainer Schäfer, Chefredakteur des Fußballmagazins "Rund", hat sich lange mit dem Thema beschäftigt und ist zu der Ansicht gekommen, dass die Folgen eines Outing für einen deutschen Fußball-Profi nicht abzusehen wären.
Vielleicht liegt es daran, dass der Fußball sich sehr männlich gibt und darin sehr viele Macho-Attitüden zu finden sind. Daraus wird immer die These gesponnen, dass Homosexuelle sich im harten Männersport nicht zurechtfinden, weil sie ohnehin zu weich wären, diesen Sport zu betreiben.
Wir haben vor über zwei Jahren schon mal eine Geschichte darüber gemacht und sind an den Kontakten, auch in die homosexuelle Szene, dran geblieben. Wir konnten mit zwei Spielern sprechen. Es wäre nicht möglich gewesen, diesen Text innerhalb kürzerer Zeit zu schreiben, weil es notwendig war, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und deutlich zu zeigen, wie man mit den Informationen umgeht - eben nicht sensationslüstern. Wir hatten von Anfang an die Absicht, über Homophobie im Fußball aufzuklären und in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen. Die Spieler kriegen fast jedes Wochenende im Stadion mit, dass im Fußball eine sehr schwulenfeindliche Atmosphäre herrscht. Dagegen gilt es etwas zu tun.
Er kann nicht so leben, wie er gerne möchte. Einerseits wird er angehimmelt von seinen Fans, die davon ausgehen, dass er heterosexuell und "normal" ist, auf der anderen Seite muss er einen zentralen Teil seiner Persönlichkeit verbergen, nämlich seine Homosexualität. Dadurch ist er gezwungen, große Verdrängungsmechanismen aufzubauen und im Verborgenen seine Sexualität auszuleben. Wie wir von einem Sportpsychologen wissen, der seit Jahren Spieler berät, führt das zu großen psychosozialen Problemen. Die Spieler sollen funktionieren - wie wir inzwischen wissen, sind auch Spitzenspieler dabei -, und das ist schwierig, wenn man immer von Ängsten und Zweifeln geplagt ist, wenn man seine Familie belügen muss. Dieses Konstrukt aus Lügen und Notlügen macht es nicht gerade leichter, sich auf den Profifußball zu konzentrieren und seine Leistung zu erbringen.
Das ist ja das was uns selbst absurd vorkam bei der Recherche. Der holländische Profischiedsrichter John Blankenstein, der im August verstorben ist, hat uns vor einiger Zeit von homosexuellen holländischen Nationalspielern erzählt, die er kennt, und die verheiratet sind und Kinder haben. Die betrügen ihre Familie, die ganze Welt, vor allem sich selbst, weil sie nicht offen zu ihrer Lebensform stehen wollen. Das war für uns sehr absurd, was sind das für abenteuerliche Konstrukte! Das ist in den beiden Gesprächen, die wir mit homosexuellen deutschen Spielern geführt haben, bestätigt worden. Der eine von den beiden Profis ist verheiratet und hat Kinder, und sein Lebenspartner, mit dem er schon viel länger zusammen ist als mit seiner Ehefrau, lebt in einer anderen Stadt. Das ist seine eigentliche Partnerschaft. Und der andere nimmt immer zu Weihnachtsfeiern und Mannschaftsabenden seine beste Freundin mit, die eingeweiht ist, um im Kreise des Teams seine "Normalität" zu demonstrieren. Das sind schon Abende und insgesamt Normen, die ihnen sehr verhasst sind. Die sind es so leid, ein Bild abgeben zu müssen, dem sie nicht entsprechen.
Das behaupten wir nicht einfach so. Dieser statistische Wert beruht auf einer Aussage eines Sportpsychologen, der seit Jahr und Tag homosexuelle Profis in seiner Praxis berät. Er hat diesen statistischen Wert bestätigt, indem er sagt, es handelt sich nicht um Einzelfälle, sondern das entspricht in etwa der Prozentzahl von Homosexuellen allgemein in der deutschen Gesellschaft. Vielleicht muss man zwei, drei Prozent runter rechnen, vielleicht sind es nicht elf Prozent sondern acht, es ist schwierig, das auf die Ziffer genau zu benennen.
Wir sind sicher nicht die Einzigen, die wissen, dass es homosexuelle Fußballer gibt. Das wissen auch Boulevard-Journalisten. Von einem Berliner Buchautor haben wir erfahren, dass er zweimal aufgefordert wurde, einen Spieler zu outen, also ein Zwangsouting vorzunehmen. Dafür hat er eine beträchtliche Summe geboten bekommen, weil sich das Boulevardmedium selbst nicht die Finger schmutzig machen wollte. Diese Sensationsgeilheit wollten wir nicht mitmachen. Deswegen ist auch nicht zu raten, dass ein Spieler sich outet, solange sich der Fußball so schwulenfeindlich darstellt. Dem ersten Spieler, der sich outet, würde wochenlang hinterher gestiegen werden, er hätte keine ruhige Minute mehr, weil alle wissen wollen, wie der lebt.
Das riskante Leben schwuler Fußball-Profis Mit der Titelgeschichte der Dezember-Ausgabe von "RUND" wollen die Autoren Rainer Schäfer und Oliver Lück dazu beitragen, dass Schwulsein auch in der Bundesliga irgendwann kein Tabu mehr ist. Neben dem ausführlichen Bericht gibt es viele Interviews. Zusätzliche Infos zu dem Thema finden Sie bis zum 29. November 2006 unter www.rund-magazin.de