Ergaunerte Tore machen den Fußball kaputt

21. November 2012, 20:26 Uhr

Von wegen Fairplay! Das umstrittene Tor von Luiz Adriano zeigt, dass die Kampagnen von Uefa und Fifa nicht überall auf offene Ohren stoßen. Was zählt, ist einzig und allein der Sieg - sonst nichts. Ein Kommentar von Joel Stubert

Luiz Adriano, Schachtjor Donezk, Fairplay, Nordsjaelland, Respekt, Champions League

Luiz Adriano ist sich nach seinem umstrittenen Tor in Kopenhagen keiner Schuld bewusst©

Es gibt einige Tore in der Fußball-Geschichte, die diskussionswürdig waren. Das Wembley-Tor 1966 oder Diego Maradonas Hand-Tor bei der WM 1986. Doch eine so strikte Missachtung des Fairplay-Gedankens gab es wohl noch nie.

Im Vorrundenspiel der Champions League zwischen Außenseiter FC Nordsjaelland und Schachtjor Donezk nutzte der Brasilianer Luiz Adriano einen dem dänischen Team zustehenden Schiedsrichterball, um allein auf das Tor zuzulaufen und zum Ausgleich einzuschieben. Der Ball war zuvor ins Aus gespielt worden, weil ein dänischer Spieler verletzt am Boden lag, ohne dass der Gegner Schuld daran hatte. Nach den Fairplay-Regeln hätte klar sein müssen: Die Kugel steht der Mannschaft vom FC Nordsjaelland zu.

Doch Luiz Adriano tat so, als wisse er von nichts, als habe er diese weltweit übliche Geste der Sportlichkeit, einen Ball freiwillig an den Gegner zurückzuspielen, noch nie gesehen. Sein Jubel mit typischer Unschuldsgeste suggerierte: "Was wollt ihr denn? Selbst schuld, wenn ihr mir den Ball gebt!" Und anschließend auch noch zu verhindern, dass das Underdog-Team einen Treffer zur Wiedergutmachung geschenkt bekommt, ist eine Schweinerei.

Erschreckend auch sein Mangel an Einsicht. Während sich Donezk-Trainer Mircea Lucescu entschuldigte und versuchte, das fiese Tor mit "Stürmer-Instinkt" zu begründen, zeigte Adriano keine Reue. Im Gegenteil erklärte er einen Tag später, er sei glücklich über alle seine Tore, "auch über das erste" - also das ergaunerte.

Tiefschlag für den Fairplay-Gedanken

Nicht nur das unsportliche Verhalten, sondern auch die fehlende Einsicht in seine Untat sind ein Tiefschlag für den Fairplay-Gedanken im Sport. Sicher, streng genommen war das Tor regelgerecht. Nirgendwo steht geschrieben, dass ein Ball nach einer Verletzungsunterbrechung zu demjenigen gespielt wird, der ihn zuvor hatte. Und doch existiert das eherne Gesetz, das jeder kennt, auch Adriano, als Zeichen der gegenseitigen Achtung und des Fairplays die Kugel zurückzuspielen. Man stelle sich vor, Brasilien verlöre durch solch einen miesen Trick das WM-Finale 2014. Das Land stünde Kopf, Luiz Adriano würde vor Wut in den nächst greifbaren Torpfosten beißen.

Die freiwillige Rückgabe ist ein Zeichen, dass der Gegner eben nicht egal ist, der Sieg nicht über allem steht, sondern das Miteinander im Sport. Zugegeben, das ist das ein romantischer Gedanke. Aber Träumen gehört zum Sport. Durch so eine hinterlistige Ausnutzung eines Schiedsrichterballs werden die Fairplay-Kampagnen von Fifa und Uefa jedenfalls vollkommen ad absurdum geführt. Gewissermaßen hätten sich alle Dänen auf dem Platz das blaue Emblem auf ihrem Ärmel abreißen müssen. "Respect" steht da nämlich drauf. Kapitän Nicolai Stockholm brachte es auf den Punkt: "Ich habe auf meine Armbinde hinabgesehen, und dort steht etwas von Respekt. Aber ich muss sagen: Davon haben wir nicht viel gesehen."

Alle Sportarten sollten diesen schönen Gedanken weltweit leben und vorleben. Respekt ist ein wichtiger und bedeutender Bestandteil in jeder funktionierenden Gesellschaft. Gegenseitiger Respekt bedeutet Wertschätzung der oder des Anderen, auch derjenigen, die anders sind: ob schwarz, schwul oder behindert. Zum Funktionieren einer Gesellschaft gehören nicht nur geschriebene Regeln, sondern auch ungeschriebene. Davon lebt auch der Sport. Das sollte Herr Adriano wissen und beherzigen.

Arsene Wenger zeigt, wie es geht

Sein Verhalten am Dienstagabend und das all der Donezk-Spieler, die den Dänen das Wiedergutmachungstor nicht gönnten, zeigt schmerzhaft, dass die Respektkampagne der Fußballvereine nicht überall auf offene Ohren stößt. Auch in der Halbzeit hätte die ukrainische Mannschaft eine Korrektur des Ergebnisses befürworten können. Fehlanzeige. Dass Luiz Adriano einen späteren Treffer gar mit einem höhnischen Grinsen feierte, krönte die peinliche Vorstellung.

Dabei hatte Donezk alle sportlichen Mittel, den Kopenhagener Vorortverein, der wie durch ein Wunder in die Champions League kam, fair und ohne jeden unappetitlichen Beigeschmack zu besiegen. Das Endergebnis von 5:2 - Auswärtssieg! - zeigt klar, wer das stärkere Team war. Donezk, nun im Millionen bringenden Achtelfinale, blendete das aus und entschied sich bewusst gegen einen sauberen Sport.

Der Sport lebte immer von einem fairen Kampf mit gleichen Chancen für alle. Vorbildcharakter für einen anständigen Umgang miteinander in der Gesellschaft wollte er haben. In Zeiten, in denen Millionen mit dem Sport verdient werden und Athleten vor Doping nicht zurückschrecken, ist dies sicherlich schwer. Doch versuchen sollte man es. Oder zumindest nicht die Sitten verrohen lassen. Deshalb ist es richtig, dass die Uefa gegen den Brasilianer ermittelt.

Es gibt ein Beispiel aus jüngster Zeit, das beweist, dass Ehrlichkeit ankommt und geschätzt wird. Als Miroslav Klose (Lazio Rom) Ende September im Spiel mit dem SSC Neapel zugab, dass seinem Tor zum 1:0 ein Handspiel vorausging, feierte ihn ganz Italien. Völlig zurecht!

Vielleicht nehmen sich Adriano und seine Teamgefährten ein Beispiel an Klose. Oder sogar an Arsenals Trainerlegende Arsene Wenger, der 1999 echtes Fairplay bewies. Nach einem Siegtor kurz vor Schluss im Achtelfinale des FA-Cups durch eine ähnliche Situation wie am Dienstagabend, bot er Gegner Sheffield ein Wiederholungsspiel an. Zehn Tage später gewannen die Londoner erneut - dieses Mal sauber.

Zum Thema
Sport
Sport-Liveticker
Fußball-Bundesliga - live Fußball-Bundesliga - <i>live</i> Die Jagd nach der Schale Zum Liveticker