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Zehn Jahre Bosman-Urteil

Diese Woche jährt sich das vielleicht folgenschwerste Sporturteil des Europäischen Gerichtshofs zum zehnten Mal. Die EU-Rechtsangelegenheit "C-415/93" veränderte vor allem den Profifußball nachhaltig.

Von Klaus Bellstedt und Thomas Reimann

  • Klaus Bellstedt

Auslöser für die dem Urteil zugrunde liegende Schadensersatzklage war eine nach Auffassung des belgischen Profifußballers Jean-Marc Bosman zu hoch angesetzte Ablösesumme seines Arbeitgebers RFC Lüttich, welche nach Ansicht des Spielers seine Arbeitnehmerrechte unrechtmäßig einschränkte. Der RFC Lüttich verweigerte damals die Freistellung des Spielers Bosman für einen Wechsel zum französischen Zweitligisten US-Dünkirchen.

Bosman reichte zunächst gegen seinen Verein und den belgischen Fußballverband eine Klage auf Schadensersatz ein. Im November 1990 entschied ein belgisches Gericht, Bosman könne ablösefrei nach Dünkirchen wechseln. Der belgische Fußballverband legte gegen dieses Urteil Berufung ein. In der Revisionsverhandlung bestätigten die Richter am 15. Dezember 1990 den ablösefreien Wechsel Bosmans. Gleichzeitig rief das Gericht den europäischen Gerichtshof an, einheitliche Regelungen für die freie Wahl des Arbeitsplatzes für Berufssportler innerhalb Europas zu schaffen. Am 15. Dezember 1995 schließlich entschied der europäische Gerichtshof, dass Profifußballer innerhalb Europas normale Arbeitnehmer im Sinne des EG-Vertrages seien und dabei die Freizügigkeit des EG-Vertrages, insbesondere des Artikel 39 EGV, nicht nur für behördliche, also staatliche Maßnahmen gilt, sondern sich auch auf Vorschriften anderer Art erstreckt, die zur kollektiven Regelung der Arbeit dienen.

Experten fürchteten eine "Katastrophe"

In der Folge verbot der Gerichtshof alle Forderungen nach Zahlung einer Ablösesumme, wenn ein Spieler nach Vertragsende von einem Verein eines EU-Staates zu einem Verein in einem anderen EU-Staat wechseln wollte. Auch die in einigen Ländern geltenden Ausländerregelungen, nach denen nur eine bestimmte Anzahl von Ausländern innerhalb einer Mannschaft eingesetzt werden durften, wurden, soweit Spieler aus den EU-Staaten davon betroffen waren, für ungültig erklären. Zudem wurde Joan Marc Bosman ein Schadensersatz in Höhe von umgerechnet € 400.000,00 zugesprochen.

Die damaligen Reaktionen in der deutschen und der europäischen Fußballwelt waren extrem. Man beurteilte die Auswirkungen des Urteils als dramatisch. So sah Bayerns Manager Uli Hoeneß "mittelfristig das ganze System kaputt gehen". Zudem befürchtete man Probleme für die deutsche Nationalmannschaft. Der damalige Manager von Werder Bremen Willi Lemke prognostizierte gar eine "Katastrophe, weil billige Gastarbeiter die Plätze für den deutschen Nachwuchs blockieren könnten".

Kritiker des Urteils bemängelten, dass ein bislang funktionierendes System mit Anreiz und Ausgleichmechanismen zerstört werde, welches Vereine und Spieler schütze. Transferentschädigungen schützten die Vereine, weil sie die Wahl hätten, entweder selbst Spieler kurzfristig auszubilden oder bereits ausgebildete Spieler gegen ein entsprechendes Entgelt einzukaufen. Für die Spieler seien die Transferentschädigungen insofern ein Schutz, da sie ermöglichten, dass die Vereine alle Spieler kostenlos ausbildeten, obwohl sie nur für einen Teil der ausgebildeten Spieler ein entsprechendes Entgelt erhielten.

Folgen für die Vereine gravierend

Nunmehr, zum 10. Geburtstag des Urteils, zeigt sich, dass die Auswirkungen des Urteils nicht ganz so drastisch sind, wie erwartet. Zumindest ist festzustellen, dass das System entgegen düsterer Prophezeiungen immer noch besteht. Dabei ist zu bedenken, dass der Europäische Gerichtshof eben keineswegs die generelle Unzulässigkeit von Transferzahlungen und Ausländerklauseln im Fußballsport festgestellt hat. Das Urteil bezieht sich lediglich auf EU - grenzüberschreitende Fälle. So sind beispielsweise Ausländerklauseln für Drittstaatsangehörige zulässig; auch Transferklauseln für Drittstaatsangehörige oder für rein innerdeutsche Vereinswechsel ohne Gemeinschaftsrechtsbezug blieben zulässig. Weiter spricht auch nach dem Bosmann Urteil nichts dagegen, Ablösesummen für nationale wie für grenzüberschreitende Vereinswechsel vor Ablauf eines bestehenden Vertrages zu verlangen.

Dennoch sind die Folgen für die Vereine in ökonomischer Hinsicht gravierend. Selbst wenn man sich auf den Standpunkt stellt, dass die fehlenden Einnahmen aufgrund ausbleibender Ablösesummen bei Wechsel eines Spielers nach Vertragsende durch die Einsparungen bei der Neuverpflichtung eines Spielers ausgeglichen werden, so hat die Praxis der Zahlung des sog. Handgeldes an neue Spieler die Kosten für die Vereine insgesamt erhöht. Das Handgeld soll den Spieler dazu bewegen, sich für den jeweiligen Verein zu entscheiden. Gute Spieler sind ohne erhebliches Handgeld nicht zu haben. Der Unterschied zur Ablösesumme ist allerdings, dass diesen Ausgaben der Vereine keine Einnahmen gegenüberstehen, da das Handgeld direkt an die Spieler fließt.

"Besonders gravierend sind die wirtschaftlichen Folgen für die kleineren und mittleren Vereine, deren Einnahmen zum großen Teil daraus bestanden, junge Spieler auszubilden und sie mit Transfergewinn an größere Vereine zu verkaufen, sagt Rechtsanwalt Thomas Reimann aus der unter anderem auf Sportrecht spezialisierten Wirtschaftsrechtskanzlei Reimann Gläbe Linden aus Hamburg. Die alternativen Einnahmequellen aus Sponsoreinnahmen, TV-Geldern, Zuschauereinnahmen und Merchandising bleiben gerade kleineren Vereinen vorenthalten bzw. können nur in wesentlich geringerem Maße genutzt werden.

"Das Urteil hat nur den Spielern geholfen"

Aber auch für die großen Clubs geht mit dieser Systemänderung ein klarer Machtverlust einher. Konnten die Vereine vor dem Bosman-Urteil im Prinzip frei über ihre Spieler verfügen, so ist jetzt der Spieler alleiniger Träger der Entscheidung, bei welchem Verein er zu spielen gedenkt. Die Vereine können hier nur über das Steuerungselement des Handgeldes lenken und werden erpressbar. Die Vereine reagieren natürlich. Die Laufzeiten der Spielerverträge haben sich erheblich verlängert. In vielen Fällen sind die Verträge zudem sehr schwer kündbar, es werden hohe Strafzahlungen bei Vertragsbruch verlangt. Die Clubs versuchen, sich auf diese Weise gegen den ablösefreien Wechsel von Spielern zu schützen und das Bosman-Urteil so zu "umspielen". Längere Verträge allerdings erhöhte Risiken für die Vereine mit sich, denn sie bedeuten die Zahlung eines festen Grundgehaltes über die Vertragslaufzeit unabhängig von der Leistung und Entwicklung des Spielers. "Der Verein", so Reimann, "wettet auf den Spieler und der Einsatz ist nun höher als vor dem Bosman-Urteil".

Es profitiert am Ende der Spieler. Er trifft nun die Entscheidungen, kassiert ein kräftiges Handgeld und erhält Verträge, die sein Einkommen über einen langen Zeitraum sichern. Gerade die langen Verträge können im Einzelfall von Spielern natürlich auch als Nachteil empfunden werden. Selbst mittelmäßige Spieler kommen jedoch nach dem Bosman-Urteil auf ein stattliches Gehalt. So stellte Karl-Heinz Rummenigge fest: "Die Zeche haben die Vereine bezahlt. Das Urteil hat nur den Spielern geholfen."

Berufssportler haben das gleiche Recht wie alle Arbeitnehmer

Im Gegensatz zu diesen eher direkten Auswirkungen sind jedoch auch mittelbare Folgen sichtbar. Die Aufhebung der Ausländerklausel führte zu einer enormen Migrationsbewegung in der Fußball-Bundesliga und damit zu einer erheblichen Steigerung des Ausländeranteils in den Mannschaften. Für die jungen deutschen Nachwuchstalente wurde und wird es damit einhergehend immer schwieriger, den Sprung in den Kader ihres Teams zu schaffen. Und das wirkt sich dann natürlich in letzter Konsequenz auch auf das Leistungsvermögen der deutschen Nationalmannschaft aus.

Es bleibt abschließend festzuhalten, dass das Bosman-Urteil unmissverständlich klarstellt, dass Berufssportler - das Urteil gilt nicht nur für den Fußballsport, sondern für den bezahlten Mannschaftssport generell - nach dem EU–Gemeinschaftsrecht die gleichen Rechte wie alle übrigen Arbeitnehmer genießen. Dies dürfte in den vergangenen zehn Jahren zumindest so manchen Spieler, aber vor allem deren Berater glücklich gemacht haben.

Den Co-Autor Thomas Reimann erreichen Sie unter: www.rgl-kanzlei.de/

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