Horrorshow in der Hauptstadt

17. Oktober 2012, 06:42 Uhr

Nicht zu glauben: Die Nationalmannschaft hat in der WM-Qualifikation gegen Schweden eine 4:0-Führung noch aus der Hand gegeben. Das Team hat ein Einstellungsproblem – noch immer. Von Klaus Bellstedt, Berlin

Plötzlich war sie wieder da: die Erinnerung an das Champions-League-Finale zwischen den Bayern und Chelsea. Das verloren die Münchner äußerst unglücklich im Elfmeterschießen. Und Bastian Schweinsteiger war der tragische Held. Das hier war nur ein WM-Qualifikationsspiel, das Match endete für die deutsche Nationalmannschaft auch nicht mit einer Niederlage. Aber wenn man Bastian Schweinsteiger dort unten auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions nach diesem verrückten 4:4 so sah, kamen einem sofort die Bilder vom Mai in den Sinn. Der Vizekapitän war der letzte Spieler aus der Mannschaft auf dem Feld. Er kniete auf der Höhe der Mittellinie und schlug beide Hände vor sein Gesicht. Seine Kollegen waren längst in der Kabine verschwunden. Jeder für sich, einer nach dem anderen. Eine kleine Gruppe um Manuel Neuer und Philipp Lahm hatte noch zaghaft versucht, sich beim Publikum zu bedanken. Sie waren schon auf halber Strecke zur Fankurve, machten dann aber kehrt. Die Pfiffe waren zu brutal.

Es ist kein Zufall, dass es der fassungslose Schweinsteiger war, der sich am längsten im Innenraum des Olympiastadions aufhielt. Ihm tun solche Niederlagen besonders weh – weil sie vermeidbar sind. Und weil er es war, der nach dem 6:1-Erfolg gegen Irland vier Tage zuvor, so als hätte er eine böse Vorahnung gehabt, als einziger deutscher Spieler gewarnt hatte. "Wir sind insgesamt auf einem sehr guten Weg, ich möchte aber sagen, dass wir den einen Schritt mehr gehen müssen, um Titel zu gewinnen. Wir müssen an jedem kleinen Rad gut sein, um die großen Spanier auch mal zu schlagen." Das waren seine Worte in Dublin. Nach dem 4:4 von Berlin lässt sich festhalten: Keiner hat Schweinsteiger zugehört. Momentan reicht es nicht mal für Schweden.

Blass wie Gespenster

Dabei war es bis zur 60 Minute eine einzige große Show der deutschen Nationalmannschaft im letzten WM-Qualifikationsspiel des Jahres gewesen. Die DFB-Auswahl machte da weiter, wo sie beim 6:1 in Irland aufgehört hatte. Mutig, offensiv, attraktiv. Marco Reus und Mesut Özil entzauberten die ängstlichen Schweden mit herrlichem Direktspiel und schnellen Kombinationen. Der ewige Miro Klose schnürte schnell einen Doppelpack (8./15.). Sogar der eher ungelenke Torverhinderer Per Mertesacker durfte zum 3:0 mal ran (39.) Alles klappte. Selbst das Umschaltspiel. Die Nationalmannschaft rollte wie ein Tsunami über den Platz. Ja, man dachte auch an Borussia Dortmund. Philipp Lahm und der gegen Schweden wieder rechts hinten spielende Jerome Boateng agierten fast wie Flügelstürmer und machten das Spiel breit. Als Özil schließlich kurz nach Wiederanpfiff das 4:0 gelang (56.) war der Deckel drauf. Dachten alle. Fans, Betreuerstab, Trainer, Angela Merkel - und leider auch die elf Spieler, die die letzte halbe Stunde dieser Partie mal eben so im Vorbeigehen zu Ende daddeln wollten. Was für ein fataler Fehler!

Es ist guter Brauch nach Länderspielen, dass sich beide Trainer hinterher noch den Fragen der Reporter auf einer Pressekonferenz stellen. Der Coach bringt dann den besten Spieler des Abends mit. Fast immer sind es Torschützen. Jetzt saß da oben Joachim Löw neben Philipp Lahm. Der hatte weder getroffen, noch war er der beste Mann auf dem Platz. Die Besetzung ließ vielmehr Rückschlüsse auf die Tragweite des Unentschiedens gegen Schweden zu. Der Chef und sein verlängerter Arm auf dem Platz, Kapitän Lahm, wollten mit dieser Aktion wohl auch Geschlossenheit demonstrieren. Blass wie zwei Gespenster saßen sie nun nur etwa einen halben Meter voneinander entfernt nebeneinander und suchten nach Erklärungen für das Unfassbare. Das klappte, nun ja, mal gut, mal weniger gut.

Hanebüchene Fehler in der Defensive

Erster Versuch Joachim Löw: "Es ist schwierig, dieses Ergebnis jetzt schon einzuordnen. Wir haben 60 Minuten überragend gespielt und in den restlichen 30 Minuten unheimlich vieles falsch gemacht." Dann Lahm, staatstragend wie immer: "Das ist schwer zu erklären. Wenn man 4:0 führt und es geht 4:4 aus, dann ist was schief gelaufen." Das kann man so sehen. Diese nur vordergründig nicht erklärbare halbe Stunde von Berlin lief in den vier entscheidenden Szenen, die zu den vier schwedischen Toren führten, immer nach dem gleichen Muster ab. Der Ball landete irgendwie im deutschen Strafraum - und es brach die nackte Panik aus. Das Schlimme daran: Selbst erfahrene Spieler wie die beiden Bayern-Profis Holger Badstuber und Manuel Neuer ließen sich von der kollektiven Nervosität im Abwehrverbund anstecken. Badstuber beging wie ein F-Jugendlicher mehrere hanebüchene Stellungsfehler, so kamen die Schweden auf 2:4 heran. Torwart Neuer war gar an drei der vier Gegentore beteiligt. Einer Dohle gleich hüpfte der Keeper ein ums andere Mal umher, anstatt sich wirklich nur auf den Ball zu fokussieren.

Symptomatisch für viele andere deutsche Spieler an diesem nass-kalten Herbstabend in der Hauptstadt, der mit zunehmender Dauer horrorhafte Züge annahm, war der Auftritt von Jerome Boateng: Als es noch lief, war er ein unermüdlicher Antreiber, dann, in der zweiten Hälfte, wirkte er nur noch überfordert und schläfrig. Schönredner mögen jetzt anführen, dass der Treffer zum 4:4-Ausgleich aufgrund des Ellbogeneinsatzes von Zlatan Ibrahimovic gegen Mertesacker nicht hätte zählen dürfen. Aber andererseits: So gnadenlos, wie die Schweden die Schwächen der deutschen Mannschaft aufdeckten, war der Treffer irgendwie auch verdient.

Der Trend ist eindeutig

Es herrscht eine merkwürdige Unwucht in dieser Mannschaft. Im vorderen Drittel ihres Spiels sind Künstler am Werk, die an guten Tagen alles kurz und klein kombinieren können. Vielleicht sogar die Spanier. Aber schon der Ausfall von Sami Khedira erschüttert, wenn es denn drauf ankommt, das statische Gleichgewicht im Team. Wenn dann auch noch die Defensive nicht konzentriert genug bei der Sache ist, geht selbst ein Vier-Tore-Vorsprung gegen einen mittelmäßigen Kontrahenten noch flöten. Womit wir beim entscheidenden Thema ‘Einstellung‘ angekommen wären. Den Punkt also, den Schweinsteiger in Irland gemeint hatte. „Das darf nie, nie passieren. Unerklärlich. Ich habe noch nie so etwas erlebt. Jeder hat sich zu sicher gefühlt und einen Schritt weniger gemacht“, analysierte der Vizekapitän auch diese Mal hinterher. Er traf damit genau den Punkt.

Auch Löw und Lahm fanden, als sie schließlich doch noch klarer sahen, die richtige Erklärung für die gefühlte Niederlage gegen Schweden. "Das war ein Lernspiel heute", sagte der Bundestrainer. Und er ergänzte: "Das 4:4 sollte uns für alle Zeit eine Lehre sein, niemals nachzulassen." Bei Lahm hörte sich das so an: "Wir müssen in Zukunft bis zur 90. Minute, bis zum letzten Einwurf, bis zum letzten Freistoß bei der Sache sein. Wir werden daraus lernen." Es bleibt zu hoffen, dass Löw das Kopfproblem seiner Spieler langsam in den Griff bekommt. Der Trend ist eindeutig. Eindeutig alarmierend. Trotz des hohen Sieges im vorletzten Spiel gegen ein drittklassiges Irland. Und trotz Platz 1 in der WM-Qualifikationsgruppe.

Die Diskussion um den Entwicklungsprozess der Nationalmannschaft wird weitergehen. Auch wenn der Bundestrainer das hinterher nicht wahrhaben wollte. "Ich denke nicht, dass da was hängenbleibt." Das 4:4 werde sie nicht aus der Bahn werfen, so Löw. Richtig überzeugend klang er dabei nicht. Dann war die Horrorshow von Berlin vorbei. Löw und Lahm erhoben sich zeitglich von ihren Stühlen. Dem Kapitän der Nationalmannschaft gelang es irgendwie, sich noch schnell hinter dem Rücken seines Trainers vorbei zu mogeln. Eilig und mit ernster Miene verließ Lahm das Podium. Es war kein gemeinsamer Abgang von der Bühne.

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