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Beten und boxen für Wayne Rooney

Vor vier Jahren war er sehr schwer verletzt, was England sehr schwer zu schaffen machte. Jetzt bangte das Land wieder um Wayne Rooney, den besten und englischsten aller seiner Fußballer. Es betete sogar. Und siehe da: Der Herr erhörte England.

Von Cornelia Fuchs, London

Es begab sich aber zu der Zeit alle vier Jahre und ein paar Wochen vor dem Beginn der Fußballweltmeisterschaft, dass sich England sicher war: Diesmal schaffen wir es! Nach Monaten der Verzweiflung und Niederlagen, gab es eine Hoffnung, einen Talisman, den einen Mann, der die Nation nach vorne treiben wird, den Star, an den die Englandfans alle Hoffnungen hängen.

34 Tore hat Wayne Rooney in dieser Saison geschossen, seine Landsleute – und darunter nicht nur Manchester-United-Fans – halten ihn für den besten Fußballer der Welt, vielleicht könne Lionel Messi noch mithalten. Aber auch nur vielleicht. Es ist klar: Dieses Jahr, wie alle vier Jahre, hat man die besten Chancen, endlich, endlich wieder Weltmeister zu werden. Die ersten Werbeplakate in der U-Bahn verkünden schon: Denkt an 66.

Und dann kam es, wie es kommen musste, und schon immer gekommen ist – 2002, 2006 und jetzt in München am Tag des Champions-League-Spiels gegen Bayern: Die große Hoffnung der Nation verletzt sich. 2002 war es Beckham, vor vier Jahren schon einmal Rooney und jetzt in München das: Der Superstürmer aus Manchester kämpft um den Ball, erschreckt, greift sich ans untere Ende seines Beines, fällt, wälzt sich in Schmerzen auf dem Boden, und die englische Fußballnation stöhnt auf. Soll dies das Ende der Träume sein, noch vor dem unvermeidlichen Elfmeterschießen, das sie sonst hinwegfegt vom sicheren Gang zum Siegespodest?

"Betet"

Fast einen ganzen Tag bangte die Nation. "Betet", forderte die Boulevardzeitung "The Sun" ihre Leser auf und druckte am Donnerstag ein Gebet neben den zwei Bildern ab, die Rooney zeigen, wie er am Mittwoch und vor vier Jahren auf Krücken aus einer Tür humpelte, das rechte Bein in einer Plastikumschalung. Dieses Jahr trug er dabei immerhin eine Krawatte.

Um 12 Uhr mittags sollten die "Sun"-Leser ihre mentalen positiven Energien auf Rooneys abgebildeten Knöchel lenken, im Kopf das Bild des mit Energie berstenden Torjägers. Sie sollten Rooneys gesegneten Fuß ganz zart streicheln und zu ihrem Gott beten. Und dann mit derselben Hand siegessicher in die Luft boxen und "Rooney, Rooney, Rooney" brüllen.

Es gibt keine gesicherten Zahlen, wie viele der über drei Millionen "Sun"-Leser diesen Tanz vollführt haben. Aber auch dies steht in einer guten Tradition: 2002, als sich David Beckham kurz vor der WM den Mittelfuß brach, schmückte das Titelblatt der "Sun" der nackte Fuß des Mittelfeldspielers. Die Zeitung beschwor Beckhams Fangemeinde, diesen Fuß zu bebeten. Er heilte und spielte damals in Japan und Südkorea. Aber es gibt nicht wenige, die im entscheidenden Viertelfinal-Spiel seine Angst vor einer weiteren Verletzung des geplagten Fußes für Fehler verantwortlich machten, die ihn und die Mannschaft den Sieg kosteten.

Wie inspirierend ein Mittelstürmer sein kann

Beckham ist übrigens schon längst ausgeschieden, er hätte auch spielen wollen in Südafrika. Aber seine Achillessehne hielt nicht. Für ihn war es das Ende, und manche glauben, dass es ganz gut ist ohne ihn. 1998 flog er vom im Achtelfinale gegen Argenitien vom Platz und auch für England war gegen die "Gauchos" Schluss, 2002 und 2006 war es dann im Viertelfinale vorbei mit Englands und Beckhams Herrlichkeit. Kurzum: Beckham hat England nicht viel Glück gebracht bei Weltmeisterschaften.

Anders soll es mit Rooney sein, dem ehrlichsten und einfachsten Fußballstar unter den vielen nicht besonders einfachen und besonders zu ihren Ehefrauen selten ehrlichen Fußballstars Englands. "Wayne’s pain is only a sprain so he’s on the plane", titelte die "Sun" in unübersetzbarer Reim-Freude nach den ersten positiven Meldungen zu Rooneys Knöchel. Ins Deutsche übersetzt klingt es leider holprig: "Waynes Schmerzen kommen nur von einer Verstauchung, also wird er das Flugzeug (nach Südafrika) besteigen können."

Anatomiekurse für das ganze Land

Die "Times" ist in ihrer Analyse der Geschehnisse etwas prosaischer: Die Zeit sei gekommen für die vierjährliche Periode des Insichgehens, dem wichtigen Ritual des Nachdenkens vor der Weltmeisterschaft. Ein Teil dieses Rituals bestehe im Dazulernen wichtiger anatomischer Begriffe der unteren Körper-Anatomie. In den vorangegangenen Perioden war es der Mittelfußknochen, auf Englisch "metatarsal": "Und wer wusste schon, dass er einen metatarsal sein eigen nennt, bevor ihn sich Beckham gebrochen hat. Davor besaßen wir nur Knochen in unseren Füßen."

Rooney hat es diesmal nur bis zum verknacksten Knöchel geschafft, eine eher alltägliche Verletzung, die nicht ganz einher geht mit seinem Status als Allerheiliger der englischen Nationalmannschaft. Die Gebete wurden erhört, sie waren aber auch gar nicht nötig: Denn die Katastrophe ist nur eine halbe Katastrophe. Wie Physiotherapeuten und Sportärzte in gleich mehreren Zeitungen lang und breit erklären durften: Er wird schon bald wieder vorsichtig im Fitness-Studio trainieren und in zwei Wochen leichte Laufübungen auf dem Platz absolvieren. In ein paar Wochen ist Rooney fit - zum Glück für Bayern München kommt die Genesung zu spät für das Champions-League-Rückspiel.

Simon Barnes, der große Sportschreiber der "Times", hält das ganze Theater unter Berücksichtigung englischer Befindlichkeiten vielleicht sogar für eine gute Nachricht. In seiner Erholungsphase wird Rooney sich wohl kaum noch schwerer verletzen können: "Er wurde vor sich selber gerettet, für England, für den Weltcup." Und dann kommt ein sehr fatalistischer, sehr englischer Schlusssatz: "Er wird spielen, bevor die Saison vorbei ist. Und dann können wir anfangen, uns wieder Sorgen zu machen. Das Ende der Welt ist noch nicht über uns hereingebrochen."

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