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Die Risse werden tiefer

In Bremen brennt vor dem letzten Champions-League-Spiel gegen Inter Mailand (ab 20.45 Uhr im stern.de-Live-Ticker) der Baum: Aus in der Königsklasse, rüpelhaftes Verhalten der Superstars und Mittelmaß in der Liga. Jetzt geht auch noch der heimliche Boss auf Distanz zu seinen Mitspielern.

Von Frank Hellmann, Bremen

Es ist durchaus üblich, dass ein Cheftrainer sich nicht mehr bei profanen Dingen wie dem Aufwärmprogramm betätigt. Auch Thomas Schaaf tut das längst nicht mehr. Der 47-Jährige, der im Mai 2009 sein zehnjähriges Dienstjubiläum in verantwortungsvollster Position bei Werder Bremen feiern würde, überlässt dies seinen Assistenten Matthias Hönerbach und Wolfgang Rolff. Die beiden leiten und weisen das Vorspiel an - auch beim finalen Champions-League-Heimspiel am Dienstag gegen Inter Mailand (ab 20.45 Uhr im stern.de-Live-Ticker).

Schaaf spielt in der halben Stunde davor nur noch den stillen Beobachter. Dabei ist immer gut zu sehen, wer wen zum ungezwungen Partnerspiel sucht und findet. Meist besonders fröhlich passen sich stets Diego und Naldo, die beiden Brasilianer, das Bällchen zu; die beiden sind nicht nur Kollegen im Klub und bei der Selecao, sondern auch noch Hausnachbarn. Doch heute gegen den italienischen Meister fehlen beide. Diego ist nach drei Gelben Karten gesperrt ist, bei Naldo schmerzt der Zeh zu sehr. Das ist hinderlich, denn zum Überwintern im Uefa-Cup benötigen die Bremer zwingend einen Sieg. Der Bundesligist würde aber nur dann Anorthosis Famagusta überflügeln, sollten die Zyprioten nicht bei Panathinaikos Athen gewinnen. Inter-Trainer Jose Mourinho sagt, er wolle einige Junge testen und überhaupt sei ihm der Gruppensieg egal. Aber das ist wohl ein Bluff des Portugiesen, der aus einem vor Selbstvertrauen strotzenden Luxuskader auswählen kann.

Frings in Rage wegen Pizarro und Diego

Die Deutschen haben es da schon schwerer: Diego und Naldo nicht dabei, bei Hugo Almeida ist sogar ein Wirbelfortsatz angebrochen, bei Frank Baumann macht die Wade Probleme. Was irgendwie symbolisch ist. Es zwickt und zwackt an viel zu vielen Stellen. Zu den Verletzten kommen in der Bundesliga bald die Gesperrten. Für Stürmer Claudia Pizarro ist nach dem heutigen Spiel schon Winterpause - das DFB-Sportgericht hat ihn nach seiner Ohrfeige von Karlsruhe für drei Spiele gesperrt. Und Diego kann im Grunde jetzt schon in die Winterferien fliegen. Nach seinem Würgegriff im Wildpark hat der DFB ihn für vier Spiele aus dem Verkehr gezogen.

Sportchef Klaus Allofs sprach von "Fahrlässigkeit" und kündigte bereits Geldstrafen an. Dazu kam die verbale Abstrafung des Wortführers. "Beide werden uns sehr fehlen. In unserer gesamten Situation ist man zwar anfälliger dafür, aber damit machen wir uns unser Image kaputt", sagte Torsten Frings im Studio Radio Bremen, wo sich der 32-Jährige beim Thema Diego/Pizarro in Rage redete: "Das darf nicht passieren. Die beiden sind ja keine 20 mehr." Sondern bald 24 (Diego) und kürzlich 30 geworden (Pizarro). Frings ging auf Distanz zu seinen Mitspielern. Man darf das durchaus als Indiz für das gespaltene Verhältnis werten, das der Vorkämpfer seit jeher zu den mitunter zu selbstverliebten Ballkünstlern hat. Diego und Frings - das hat noch nie menschlich wirklich gepasst. Mittlerweile ziehen sich viel zu viele Risse durchs grün-weiße Gefüge, dem an den vielen schlechten Tagen dieser Achterbahn-Spielzeit beinahe alle Selbstverständlichkeiten abhanden kommen. Werder wirkt dann wie eine Biedermeier-Elf; passiv und pomadig das Auftreten, lauf- und zweikampfschwach die Profis, durchschaubar und furchtbar die Spielweise.

Problem Teamgeist

Erklärungen für die Wankelmütigkeiten fallen den Beteiligten schwer. "Dieses ständige Auf und Ab ist für mich das Schlimmste. Das kann kein Zufall mehr sein", bestätigt Baumann, der Kapitän. Der Trainer spricht von zwei Gesichtern seiner Mannschaft, "wir sind scheinbar nicht bereits, alles alle drei oder sieben Tage abzurufen" (Schaaf). Gegen Inter sollen die Seinen bitteschön "klar machen, dass sie etwas verändern wollen." Man müsse mehr Aktivität auf dem Platz zeigen, verlangte Schaaf in der Pressekonferenz am Montagabend, ehe ihn Mourinho mit einer Umarmung auf dem Podium ablöste. Selbst Mourinho verriet sinngemäß, er wundere sich, warum Werder so schlecht dastehe.

In einer Hinrunde hat Werder gegen die ersten Fünf der Tabelle neun Punkte geholt - 5:2 bei den Bayern, 5:4 gegen Hoffenheim, 5:1 gegen Hertha triumphiert -, aber doch gleichzeitig gegen die letzten Fünf nur fünf Zähler verbucht - und 2:3 in Mönchengladbach, 0:1 in Karlsruhe dilettiert. Und man erinnere sich: Am 18. September dieses Jahres, einen Tag nach der Nullnummer gegen den Novizen Anorthosis Famagusta, holte eben der ansonsten so besonnene Baumann zum Rundumschlag aus. "Der unbedingte Siegeswille fehlt. Ich vermisse den Erfolgshunger. Wir haben ein Einstellungsproblem." Das war nun auch Frings' Kernsatz. Und noch etwas verriet der 32-Jährige: "Der Teamgeist könnte sicher besser sein."

Schon Baumann mahnte

Damit ist manifestiert, was immer vermutet wird. Der mannschaftsinterne Kitt ist dahin. Das fragile Gebilde des Profikaders brüchig. Beobachter mutmaßen längst, dass sich Grüppchen gebildet haben. Die Brasilianer Diego, Naldo und der Portugiese Almeida bilden eine, die deutsche Nationalspielergarde (Frings, Baumann, Fritz, Mertesacker) eine andere Interessensgruppe, dazu gibt es die ähnlich tickenden Talente (Hunt, Özil, Boenisch) und gesellen sich die Einzelgänger (Wiese, Pasanen). Die Abgänge wie Tim Borowski und Ivan Klasnic mögen ja sportlich zu verschmerzen gewesen sein - für die innere Balance waren solche Altgedienten jedoch wohl wichtiger als gedacht. Schon Baumann teilte vor knapp drei Monaten die Mannschaft in verschiedene Gruppen ein.

Wie erklärte der 33-Jährige damals? "Einige glauben, es geht einfach so, andere denken, dass sie weniger tun müssen. Dritte verlassen sich zu sehr auf ihre individuelle Klasse und wiederum andere sind zu sehr damit beschäftigt, wie sie selbst dastehen, anstatt die Mannschaft in den Vordergrund zu stellen." Damals war das Donnerwetter des ansonsten ziemlich zurückhaltenden Franken schnell verklungen, weil weder Schaaf noch Allofs dem vorbehaltlos beipflichten wollten. Doch im Rückblick dürfte das ein Fehler gewesen ein.

Wieder so wie gegen Real?

Nach der erneuten Allofs-Kopfwäsche - der Sportchef sprach noch nach der Rückkehr aus dem Badischen zu den versammelten Versagern - wird die Beobachtung interessant sein, wie sich Werder jetzt präsentiert. Und das ohne Diego, der auch vor fast genau einem Jahr gesperrt war. Trotzdem glückte gegen Real Madrid am 28. November vergangenen Jahres ein Kraftakt - mit 3:2 triumphierte Werder gegen die Königlichen. Sich nun aus der Königsklasse ähnlich spektakulär für vermutlich längere Zeit zu verabschieden, traut ihnen zwölf Monate und zwei Wochen später kaum jemand zu.

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