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Wie zurückgekehrte Nationalspieler zu Assads Schergen werden

Syriens Nationalelf hat weiterhin die Chance auf ein WM-Ticket. Möglich wurde der Erfolg, weil Nationalspieler zurückgekehrten, die früher mit dem Aufstand gegen Assad symphatisierten - jetzt dienen ihre Tore der Propaganda des Diktators.

Syrien Syrische Nationalelf

Nach dem Schlusspfiff feiern die syrischen Spieler im Stadion in Teheran ihren historischen Erfolg gegen Iran

Als der syrische Angreifer Omar al Soma am vergangenen Dienstag in der Nachspielzeit ins Tor traf, brachen alle Dämme. Die Spieler, die Betreuer und die Ersatzspieler verschmolzen zu einer einzigen Menschentraube, die den Torschützen unter sich begrub. Die Fans auf der Tribüne in Teheran jubelten entfesselt und der syrische TV-Kommentator schrie wie man nur schreien kann, bis zu guter Letzt nur noch ein tränenersticktes Schluchzen zu hören war.

Dass Tore im Fußball die größten Gefühlsstürme freisetzten, ist nichts Neues, aber der emotionale Ausnahmezustand der syrischen war außergewöhnlich. Das lag zum einen daran, dass der Treffer zum 2:2-Unentschieden gegen den Iran in der Nachspielzeit der bisher wichtigste in der Fußball-Geschichte des Landes war: Als Dritter in der Asien-Gruppe A geht Syrien in die Play-offs. Der nächste Gegner heißt Australien. Danach kann es zu einem Aufeinandertreffen mit den USA kommen. Mit einem Erfolg in beiden Partien wäre Syrien das erste Mal in seiner Geschichte für eine Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert.

Der Erfolg grenzt an ein Wunder

Zum anderen hat der entfesselte Jubel seine Ursachen im zerstörerischen Bürgerkrieg in dem Land. Seit Ausbruch des Konflikts 2011 haben rund 470.000 Menschen ihr Leben verloren oder werden vermisst. So ein sportlicher Erfolg lässt zumindest für einen kurzen Moment das alltägliche Grauen vergessen.

Dass es die syrische Mannschaft in der WM-Qualifikation so weit gebracht hat, grenzt fast schon an ein Wunder. Einen Ligabetrieb gibt es in dem größtenteils zerstörten Land nicht mehr, viele Stadien dienen als Militärcamps. Heimspiele absolviert die Nationalmannschaft im fernen Malaysia. Die meisten syrischen Nationalspieler verdienen ihr Geld bei arabischen Clubs in Katar oder Saudi-Arabien. 

So wie der Torschütze zum Ausgleich, al Soma. Der syrische "Ibrahimovic" spielt für den saudischen Klub Al Ali. In der Person des 28-jährigen Angreifers spiegelt sich die ganze Zerrissenheit des Landes. Zudem macht seine Geschichte deutlich, dass die Siege der Nationalelf auch Propaganda-Erfolge des brutalen Assad-Regimes sind. Al Soma ist nämlich ein Rückkehrer. Er lief jahrelang nicht für die Nationalelf auf, nachdem er Symphatien für den Aufstand gegen Assad bekundet hatte. In diesem Sommer kehrte er zurück. Und dann das: Nach dem Spiel gegen den Iran dankte er in einem syrischen Sender Assad für dessen Unterstützung des Fußballs. In den sozialen Medien lösten die Worte viel Kritik aus. Viele Syrier wie auch Araber beschimpften al Soma deswegen ("Verrat für den Hund Assad") und forderten seinen Verein auf, den Vertrag mit ihm zu lösen. Andere wiederum zeigten Verständnis und deuteten an, das Profis wie er möglicherweise vom Regime unter Druck gesetzt werden.

Viele Fußball-Fans schimpfen auf Rückkehrer

Ein noch größerer Erfolg für das ist die Rückkehr des früheren Mannschaftskapitäns Firas al Khatib. Als er im März auf dem Flugplatz in Damaskus landete, feierte ihn das Regime demonstrativ wie einen Popstar. "Es gibt kein schöneres Gefühl, als wieder daheim zu sein", gab der Star damals schmallippig zu Protokoll.

Zahlreiche Freunde und Fans hat er seitdem verloren. "Du wirst im Mülleimer der Geschichte landen zusammen mit allen, die Bashar al-Assad unterstützen", schrieb ihm ein ehemaliger Teamkollege auf Facebook und schwor, nie wieder mit Firas al Khatib zu reden. Gegenüber dem amerikanischen Sport-Magazin ESPN, das sich in einem ausführlichen Feature mit dem syrischen Fußball beschäftigt hat, gab al Khatib zu, dass er Angst habe. Jeden Abend denke er vor dem Schlafengehen über seine Entscheidung nach. Als Fußballer stehe er zwischen den Fronten: "Was immer auch passiert, zwölf Millionen Syrer werden mich lieben und die anderen zwölf Millionen werden mich töten wollen.“


Was al Khatib bewusst verdrängt: Fußballer zu sein schützte in der Vergangenheit nicht vor Verfolgung. Nach Recherchen des in der Türkei lebenden syrischen Sportjournalisten Anas Ammo sind 13 Erstligaspieler seit Ausbruch des Krieges spurlos verschwunden, womöglich in den Folter-Verliesen umgekommen. Mehr als 40 Athleten der ersten und zweiten Liga wurden von der syrischen Armee oder vom IS getötet.

Ob das Assad-Regime Druck auf die Fußball-Exilanten ausübte, lässt sich nicht sagen. Tatsache ist: Ihre Rückkehr ist ein großer Propaganda-Erfolg für den Diktator, der zuletzt seine Macht wieder gefestigt hat. ESPN schreibt dazu: "Tatsächlich hat das Assad-Regime den Fußball in seine grausige Kampagne staatlich unterstützter Unterdrückung eingeflochten - mit stillschweigender Unterstützung der Fifa."

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