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Der neue Staatsfeind Nr. 1

Nach dem WM-Aus für Michael Ballack ist der Schrei der Empörung laut und Kevin-Prince Boateng zum Buhmann der Nation geworden. Besonders im Internet ist eine regelrechte Hetzjagd entstanden.

Von Daniel Barthold

Das brutale Foul gegen Michael Ballack im FA-Cup-Finale wird der gebürtige Berliner Kevin-Prince wohl noch lange bereuen. Denn der Hass von Teilen der deutschen Fußballfans gegen Boateng kennt keine Grenzen mehr. In den sozialen Netzwerken im Internet, wie Facebook oder studiVZ, lassen die User ihrem Unmut freien Lauf. Die Gruppen "82 Millionen gegen Boateng", "K.P.-Boateng - Staatsfeind Nr. 1" oder "Anti-Boateng" schießen sich auf den Portsmouth-Spieler ein.

Viele forden, dass Boateng seinen deutschen Pass abgeben sollte. Für die meisten war die Aktion gegen Ballack pure Absicht. Weil Boateng höchstwahrscheinlich für Ghana im WM-Spiel gegen Deutschland auflaufen wird, hat die Wut diese Dimension überhaupt erst erreicht. Auch wenn es einige Facebook-Nutzer gibt, die versuchen zu schlichten, der Umgangston in den Gruppen bleibt aggressiv. Dabei gleitet die Kritik oftmals auch in Drohungen und rassistischen Andeutungen ab.

Die Gruppe "82 Millionen gegen Boateng" bildet Boateng neben einem Affen ab und beschimpft den Fußballprofi als "Hurensohn". Zudem drohen Mitglieder mit "Wir kriegen Dich" oder "Am 23.06. sehen wir uns wieder!", in Anspielung auf das Deutschland-Spiel gegen Ghana in Johannesburg. Die Mitgliederzahlen schießen dabei unaufhaltsam in die Höhe. 82 Millionen sind der Gruppe zwar noch nicht beigetreten, mit über 60.000 Usern ist sie aber beachtlich groß.

Schneeballeffekt Internet

"Jeder Nutzer ist auch Kommunikator", hebt Jan-Hinrik Schmidt vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung der Universität Hamburg warnend den Zeigefinger. Dadurch könnten sich Hetzparolen schneeballartig verbreiten. Zudem würden in Foren häufig Pseudonyme genutzt. Die Hemmungen könnten sinken, da die Verbindung zur realen Person nicht gegeben sei. "Hier liegt es auch bei den Forenbetreibern, zu reagieren, wenn die Nutzer deutlich über das Ziel hinausschießen", so Schmidt.

Unterdessen hat das mediale "Boateng-Bashing" auch zu Protesten geführt. "GEGEN die Hetzjagd von Kevin Prince Boateng", heißt eine weitere Facebook-Gruppe, die sich "fremdschämt" für die vielen virtuellen beleidigenden Kommentare. "Für alle, die nicht auf diese widerliche Medienhetze aufspringen wollen", heißt es dort und "Fouls gehören zum Fussball (leider) dazu". Allerdings hatte diese Gruppe bis Dienstagnachmittag lediglich knapp 100 Mitglieder.

Ballacks Berater sieht "Tritt mit Ansage"

Boateng, Ex-Spieler von Hertha BSC und Borussia Dortmund, hatte sich am Montag mehrmals für das Foul an Ballack entschuldigt und eine absichtliche Attacke ausgeschlossen. Ballacks Berater Michael Becker sieht dies übrigens anders. Becker sah einen "Tritt mit Ansage" und schließt sogar juristische Schritte gegen Boateng nicht aus. Auch durch die Aussage von Boatengs Vater, die Attacke sei nicht so schlimm gewesen, kocht die Stimmung der Fans hoch. Selbst die Familie des 23-jährigen muss sich im Netz übelste Beschimpfungen anhören.

Inwieweit Boateng diese Welle des Hasses wahrnimmt und realisiert, bleibt sein Geheimnis. Klar ist allerdings, dass jetzt die schwierigste Zeit seiner Karriere anbrechen wird. Auch weil die Anti-Boateng-Bewegung im Internet wohl weiter wachsen und zu einer zusätzlichen Belastung für den Mittelfeldspieler führen wird. Im Internet-Zeitalter sei es für Prominente besonders schwer, sich zu schützen, erklärt Medienforscher Schmidt. "Sie können lediglich versuchen, mit der neuen Öffentlichkeit umzugehen."

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