"Sie nennen mich Messi"

2. Juli 2010, 10:24 Uhr

Mesut Özil ist das Hirn der deutschen Nationalmannschaft. stern.de traf ihn vor der Partie gegen Argentinien und sprach mit ihm über Lionel Messi, Löws Kabinenansprachen und die Siegtaktik.

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© Oliver Lang/DDP Mesut Özil, geboren 1988 in Gelsenkirchen, hat bis zu seinem Wechsel zu Werder Bremen, Zeit seines Lebens im Ruhrpott Fußball gespielt - meistens in seiner Heimatstadt. Mit der A-Jugend des FC Schalke wurde er deutscher Meister, 2009 mit der U21 Europameister. Özil ist mit Anna-Maria Lagerblom, der Schwester von Sarah Connor zusammen.

Mesut Özil, Sie werden von den Kollegen "Messi" gerufen. Woher kommt eigentlich dieser Spitzname?

Das kommt aus früheren Schalker Zeiten. Wegen meines Vornamens wurde ich von den Mitspielern irgendwann mal so genannt. Mesut erinnert ja ein bisschen an Messi. Das hat sich bis heute gehalten. Hier bei der Nationalmannschaft nennen mich die Jungs auch "Messi" oder "Mess".

Was zeichnet das Spiel von Lionel Messi aus?

Messi ist ein sehr schneller Spieler. Dazu ist er klein. Deshalb ist er auch so wendig. Er ist selbstbewusst auf dem Platz und sucht immer wieder den Abschluss.

Hätten Sie gerne etwas von Messi? Was fehlt Ihnen noch im Vergleich zu ihm?

Ich bin ein anderer Spielertyp, habe meine eigenen Fähigkeiten. Messi kommt viel lieber über die Außenpositionen. Ich dagegen ziehe mein Spiel in der Mitte auf und bewege mich in der Zentrale. Der Pass in die Tiefe, die Tempodribblings, die Schüsse aus der Distanz, das sind meine Stärken.

Werder-Manager Klaus Allofs hat Sie in einem Interview sogar über Lionel Messi gestellt. Was sagen Sie dazu?

Das ehrt mich sehr. Aber ich denke darüber nicht viel nach. Für Lob und Kritik ist im Moment keine Zeit. Wir haben einen Auftrag zu erfüllen.

Der nächste Auftrag heißt Argentinien. Welchen Stellenwert hat die Partie? Ist es DAS Spiel Ihrer bisherigen Laufbahn?

Nein, das nicht. Ich habe schon viele K.o.-Spiele in meiner Karriere absolviert. Auch hier in Südafrika bei der WM: Der Druck gegen Ghana war viel größer, weil es das Aus in der Vorrunde bedeutet hätte. Dann kam England. Diese Hürde haben wir auch genommen. Es ist ein besonderes Spiel, natürlich, aber ich bin eigentlich ganz ruhig. Wir müssen nur unsere Fähigkeiten abrufen, dann gewinnen wir auch.

Bastian Schweinsteiger hat vor möglichen Provokationen der Argentinier gewarnt. Wie würden Sie damit umgehen?

Ich bin ein ruhiger Typ, schon deshalb kann ich damit umgehen. Und die Mannschaft kann das auch. Die Argentinier spielen einen harten Stil, vielleicht werden sie auch provozieren. Für uns geht es darum, sich spielerisch durchzusetzen.

Heinze, Demichelis, Walter Samuel, die Abwehrreihe der Argentinier ist sehr erfahren. Dagegen steht die Unbekümmertheit des deutschen Angriffsspiels. Wer wird sich da durchsetzen?

Die Engländer sind auch sehr erfahren. Terry, Ashley Cole, Lampard, das sind gestählte Spieler. Aber wir haben sie geschlagen. Erfahrung spielt eine Rolle, aber es kommen andere Faktoren dazu. Wichtig wird sein, sich auch körperlich und mit fairen Mitteln gegen die Argentinier zu stemmen.

Argentinien hat bis jetzt zehn Tore bei dieser WM erzielt, das DFB-Team eines weniger. Rechnen Sie am Samstag mit einem Feuerwerk der Offensivreihen?

Nein, daran glaube ich nicht. Es wird ein sehr taktisch geprägtes Spiel werden. Die Defensive wird dieses Match entscheiden. Hintern zu null und vorne eine Bude machen, so könnte es gegen Argentinien klappen (lacht).

Was für eine Stimmung herrscht vor den WM-Spielen in der Kabine?

Angespannte Lockerheit. Das trifft es vielleicht am ehesten. Wir hören viel Musik. Kurz vor dem Rausgehen wird dann unserer Heißmacher-Lied aufgedreht, "Fackeln im Wind" von Bushido.

Und die Ansprache von Joachim Löw? Vor dem ersten Spiel gegen Australien soll es etwas lauter zugegangen sein ...

Er motiviert uns unglaublich gut. Er findet auch in der Halbzeit, wenn es erforderlich ist, immer die richtigen Worte, um uns neu einzustellen. Das ist eine besondere Fähigkeit. Wenn es mal nicht so gut läuft, dann kann Löw natürlich auch mal lauter werden. Was er dann sagt, verrate ich aber nicht (lacht).

Haben Sie im Spiel der deutschen Nationalmannschaft wirklich alle Freiheiten?

Ja schon. Es ist ein bisschen so wie bei Werder. Deshalb kommt mir das Spiel der Nationalmannschaft auch so entgegen. Die Systeme ähneln sich. Natürlich muss man im modernen Fußball heutzutage auch nach hinten arbeiten. Das versuche ich auch (lacht.) Aber vorne bin ich eindeutig stärker. Und da habe ich auch alle Freiheiten. Die Kollegen halten mir den Rücken frei. Und der Trainer legt auch viel Wert darauf.

Sie füttern die Stürmer mit Ihren Pässen. Miroslav Klose ist oft genug ein dankbarer Abnehmer. Was halten Sie von ihm als Angreifer?

Er ist ein fantastischer Stürmer - und ein toller Mensch. Auf dem Platz verstehen wir uns blind. Das macht mir sehr viel Spaß. Er kann Situationen vorausahnen. Das kann nicht jeder. Abseits des Platzes machen wir auch viel zusammen.

Wer ist denn Ihr bester Kumpel im Team?

Kumpel kann man gar nicht sagen. Es sind mehrere, vor allem natürlich meine Mitspieler von Werder. Die kenn ich einfach am Besten. Da gibt es schon so ein paar heiße Duelle beim Tischtennis oder am Snooker-Tisch.

Wie wichtig war eigentlich Ihr Wechsel von Schalke zu Werder für Ihren weiteren Verlauf der Karriere?

Der Wechsel war das Beste, was mir passieren konnte. Bei Werder konnte ich mich entwickeln. Man gab mir die nötige Zeit.

Kann man daraus schließen, dass Sie Ihren Vertrag in Bremen verlängern werden?

Ich habe ja noch einen Vertrag bis 2011. Was danach kommt wird man sehen. Da wird es noch Gespräche geben. Jetzt gilt meine volle Konzentration erstmal der Weltmeisterschaft.

Interview: Klaus Bellstedt
 
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