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Schwerer Kater nach der besten WM aller Zeiten

In Brasilien hatte man jeden Tag die Gewissheit: Die WM war hier zu Hause. Die Brasilianer wollten Teil des Spektakels sein. Jetzt aber kehrt die triste Realität zurück - und mit ihr die Wut.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

Ein neuer Tag in Rio de Janeiro. Die Sonne geht auf und bestrahlt die Christus-Statue hoch über der Stadt, die am Vorabend noch schwarz-rot-gold beleuchtet war. Am Strand der Copacabana weckt sie die Fans, die es nicht mehr ins Hotel geschafft haben. Irgendwo im Stadtteil Sao Conrado gehen die deutschen Spieler ins Bett, bevor sie wenige Stunden später weiter nach Berlin fliegen.

Ein neuer Tag in Brasilien, und er fällt den Einheimischen nicht leicht. Die WM hatte das Land fest im Griff, 700.000 Besucher aus dem Ausland brachten ihre Freude mit, es wurde ein berauschendes Fest - in den Stadien und den Städten, vom Amazonas bis in den tiefen Süden. Die Schlagzeilen an diesem Morgen erzählen von der Entlassung des brasilianischen Trainers Felipe Scolari. Und von den "party animals" aus Deutschland. Rihanna war im deutschen Hotel und ließ sich von Schweinsteiger knutschen. Poldi kickte mit seinem Sohn im Maracana. Brasilien feierte mit Deutschland.

Es wurde ein Heimspiel für das deutsche Team und die deutschen Fans. Etwa 100.000 Argentinier waren zwar in der Stadt, 25.000 im Stadion, aber sie hatten nichts Besseres zu tun, als die Brasilianer ständig zu provozieren, mit ihrem selbstgetexteten Song "Brasil decime que se siente" - Brasilien, sag mir, wie es dir geht (nach dem 1:7). Der Song dreht sich um Argentiniens großen Sieg gegen Brasilien 1986. Darum dass Maradona besser ist als Pelé. Wann immer die Argentinier jemanden im Brasilien-Trikot entdeckten, begannen sie, ihn zu singen. Es wirkte immer ein wenig so, als würden sie das Finale gegen Brasilien spielen und nicht gegen Deutschland. Am Abend antworteten die Brasilianer mit ihren eigenen Songs. Die Hauptzeile: Pelé hat mehr Weltmeisterschaften gewonnen als Maradona und Messi.

Es gab einige Ausschreitungen an der Copacabana, aber insgesamt blieb es ruhig. Viele Argentinier machten sich noch in der Nacht enttäuscht auf die 40-stündige Rückreise. Die meisten waren in Campingwagen und Bussen angereist. Sie übernachteten am Strand und im halb geöffneten Kofferraum. Sie kamen ohne Geld und Tickets, aber sie wollten dabei sein an diesem historischen Tag.

26.000 Sicherheitskräfte waren in Rio unterwegs, mehr als deutsche Fans. Sie hatten am Vortag 19 brasilianische Aktivisten festgenommen, um größere Proteste zu verhindern. Zu der kleinen Demo am Finaltag fanden sich kaum mehr als einhundert Menschen ein. Es gab insgesamt keine großen Proteste bei dieser WM, was nicht heißt, dass die Brasilianer plötzlich alles billigen, was sie vor der WM noch kritisierten. Die Unzufriedenheit wird zurückkehren. Sie nahm sich nur eine Auszeit.

Die Deutschen schwärmen vom Gastgeber-Land

Die deutschen Fans feierten den Sieg in Lemé, am Ende der Copacabana, direkt am Strand. Aber irgendwann waren sie überall in der Stadt unterwegs, im Party-Stadtteil Lapa und in Ipanema. Irgendwann mischten sich die Brasilianer hinzu und trösteten sich über das schlechte Abschneiden hinweg, in dem sie sich gegen den Erzrivalen verbündeten.

Jogi Löw und seine Jungs wurden gefragt, wie sie Brasilien als Gastgeber so fanden, und sie kamen aus dem Schwärmen nicht heraus. Man hörte alles von "überragend" und "sensationell" bis hin zu "ein Traum" (Schweinsteiger) und: "Es gibt kein besseres Land für eine WM" (Podolski). Sie sagten es nicht nur im Überschwang der Freude. Sie hatten es auch in den Tagen zuvor gesagt.

Am Tag des Finales trafen aus allen Ecken der Welt die ersten Urteile über die WM ein, ganz wie nach dem Release eines Blockbusters. Sie waren ausschließlich positiv: großartiger Fußball, dramatische Spiele, tolle Fans, wunderbare Gastgeber, ein Land, das süchtig macht. Simon Kuper von der Financial Times, der seit 1990 alle Weltmeisterschaften begleitet, hielt diese für die beste aller Zeiten.

Die WM in Brasilien bewies einmal mehr, wie wichtig die Wahl eines Fußballlandes als Ausrichter ist. Man kann eine WM perfekt organisieren und tolle Stadien bauen. Man kann die Milliarden von russischen Öloligarchen verwenden oder die von reichen Scheichs. Etwas Anderes aber ist die Atmosphäre, die Leidenschaft, die Wärme und Herzlichkeit, die diese WM getragen haben. In Brasilien hatte man jeden Tag die Gewissheit: die WM war hier zu Hause. Die Menschen klebten vor den Bildschirmen, sie freuten sich über die Gäste aus aller Welt, sie wollten sich mitreißen lassen, sie wollten Teil des Spektakels sein.

Nun erwachen die Brasilianer wieder in der Realität. Die Stadien sind modernisiert, werden aber nicht mehr voll sein. Die Schulen sind weiter schlecht, die Preise hoch, die Politiker korrupt. Im Oktober steht das nächste Großereignis an und die Vorfreude ist gering: die Präsidentschaftswahl.

Da macht die Schlagzeile am Morgen schon glücklicher: "Noch 754 Tage bis zu den Olympischen Spielen."

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