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"Hurra, hurra, die Weltmeister sind da"

Die deutsche Frauen-Fußballnationalmannschaft kann besser schießen und köpfen als tanzen und singen. 20.000 Menschen bereiten dem alten und neuen Weltmeister auf dem Frankfurter Römer trotzdem einen begeisternden Empfang. Der Festakt im Kaisersaal bietet allerdings auch einige wenige weltmeisterliche Erscheinungen.

Von Helmut Frankmann, Frankfurt

Die deutschen Fußball-Frauen haben manch Mann den Blick für die Realitäten getrübt. Ginge es nämlich nach Herbert Becker, dem eloquenten Aufsichtsratschef des Bundesligisten Eintracht Frankfurt, dann ist es nicht mehr lange hin, bis die erste Nationalspielerin in der Bundesliga auftaucht. Unter Männern wohlgemerkt. "Da sind einige dabei, die könnte man auch bei uns in der Bundesliga einsetzen", befand Becker, irgendwie immer noch vom Gebotenen des alten und neuen Weltmeisters im Frauenfußball euphorisiert. Gemach, gemach.

Und eigentlich wollte Becker ja auch am Montagabend im überfüllten Kaisersaal des Frankfurter Römer nur irgendwie in den Jubelchor einstimmen. Die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten waren mit prominenter Besetzung und ihren Expertinnen Nia Künzer und Steffi Jones im Schlepptau gekommen, die beide aus 2003 noch schildern konnten, wie das ist, wenn sich eine Frauen-Nationalmannschaft auf dem Römerberg als Titelträger feiern lässt. "Das ist einzigartig", sagte Steffi Jones, "das tut richtig gut", urteilte Nia Künzer. Beide waren glücklich, manch Nachfolgerin oder Mitspielerin nach dem zehnstündigen Flug aus Shanghai persönlich herzen zu können.

Pompöser und lauter als beim ersten Titel

Die Feierlichkeiten gerieten dabei sogar noch ein bisschen pompöser, lauter, aber auch aufgesetzter als vor vier Jahren. Diesmal strömten sogar mehr als 20.000 Menschen herbei, bejubelten mit Emphase um 19.30 Uhr das Erscheinen eines Teams, das von einer durchfeierten chinesischen Nacht sichtlich gezeichnet war. "Die meisten haben ja maximal eine Stunde geschlafen", verriet die Duisburgerin Lira Bajramaj, "doch für so etwas macht man gerne durch." Die brünette Einwechselspielerin schrieb Autogramme, posierte für Fotos, "man fühlt sich wie ein Popstar - das habe ich noch nie erlebt." Andere schon: Routiniert schritt Torjägerin Birgit Prinz von Kamera zu Kamera und gab mit nüchterner Stimme Auskunft über die Lage der weiblichen Fußball-Nation.

Kein Kaffeeservice und Bügelbrett mehr als Prämie

Das taten auch andere: DFB-Boss Theo Zwanziger, selbst ernannter "König des Frauenfußballs", stimmte die Anhänger gleich vom Balkon auf die Unterstützung zur WM-Bewerbung 2011 ein. Interessant überdies, wer sich beim Deutschen Fußball-Bund alles im Glanze eines solchen Erfolges sonnt: Neben dem scheinbar auf ewig glücksseligen Zwanziger strahlte auch der unvermeidliche Ex-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder und dessen Gattin Margot beim Aufmarsch in den Kaisersaal. Nur zur Erinnerung: Noch beim Gewinn des EM-Titels 1989 unter der Ägide Mayer-Vorfelders waren die Frauen mit einem Kaffeeservice und Bügelbrett prämiert worden. Diesmal allerdings schüttete der Verband auf Initiative des MV-Nachfolgers für jede Spielerin 55.000 Euro aus.

Peinlich wirkte auch manche Rede zum Festakt- etwa jene der überforderten Frankfurter Sportdezernentin Daniela Birkenfeld. Doch die Bühne gehörte ja glücklicherweise anderen. Den glucksenden Spielerinnen oder Trainerin Silvia Neid, die gleich dreimal ein "Ich-freue-mich" ins Mikrofon krächzte, während ihr Team den Lieblingssong "Hurra-hurra-die-Weltmeister-sind-da" intonierte. Dabei wurde allerdings auch schnell deutlich, dass sich Birgit Prinz oder Renate Lingor auf Fußball doch besser verstehen als auf Gesang. Gut, dass alsbald der bei der WM 2006 erprobte Oliver Pocher als eifriger Animateur und erste Mikrofonstimme zur Hilfe eilte.

Von der Glitzerwelt in den harten Alltag

Doch das von einem privaten Radiosender kräftig gehypte, aber nach zwei Stunden ebenso rasch wieder beendete Event war durchaus als gelungen zu bezeichnen, "das wird gewiss neue Dimensionen für den Frauenfußball öffnen", glaubt Siegfried Dietrich, Manager des 1. FFC Frankfurt. Schon am Sonntag im Punktspiel gegen den Hamburger SV rechnet der Primus der Frauen-Bundesliga mit "vielleicht 3.000 Zuschauern" - das wären fast dreimal so viel wie sonst. Doch nicht allen ist recht, dass der Ligabetrieb auf Weltmeisterinnen keine Rücksicht nimmt. Sandra Minnert, die mit dem SC Bad 07 Neuenahr am Sonntag zum dritten Spieltag den VfL Wolfsburg erwartet, ahnt schon, "dass es hart wird, sich wieder in unseren Alltag zu integrieren." Fernab der Glitzerwelt der vergangenen Wochen. Gleichwohl hegen die Protagonisten die Hoffnung, "dass dieser Erfolg auf den gesamte Frauen- und Mädchenfußball abstrahlen möge" (Zwanziger).

Doch wollte man an diesem Abend wirklich über die Perspektiven reden? Mitnichten. "Mir ist erst einmal alles egal", sagte Nadine Angerer auf die Frage, ob sie den Wunsch Zwanzigers erfüllen werde, neben Birgit Prinz neues Gesicht für die WM 2011 zu werden. Die 28-Jährige, die demnächst vier Fernsehauftritte hat, schwenkte ihr Sektglas, zog eine beige Baumwollmütze vor die Augen und berichtete darüber, dass eine Fränkin zum Feiern "am liebsten viel Bier trinkt". Sie werde jetzt nur "noch feiern, feiern, feiern", verriet die WM-Heldin, die direkt nach dem Empfang mit den Mitspielerinnen von Turbine Potsdam die nächste Maschine nach Berlin nahm, um mit der Verwandtschaft und den Freunden daheim fröhlich zu sein. Im trauten Kreise könne es bestimmt noch länger gehen, verriet die unbezwingbare Torfrau, "glaubt mir, ich habe eine wahnsinnige Ausdauer."

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