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"Wenn ihr das Volk seid, werde ich Flüchtling"

Die Vorfälle in Clausnitz und Bautzen haben bundesweit Entsetzen ausgelöst. Sachsen nun jedoch als Symbol für Fremdenhass abzustempeln, wäre falsch, findet stern-Stimme Hans Sarpei. Er sieht das Problem woanders.

Symbol für Fremdenhass: Ortsschild von Clausnitz in Sachsen

Die Ereignisse von Clausnitz belasten das Ansehen Sachsens nicht nur in Deutschland negativ, sondern in der ganzen Welt, findet stern-Stimme Hans Sarpei

Sonntagabend habe ich kurz überlegt, ob ich meine Kolumne über die Schiedsrichter-Auseinandersetzung beim Spiel Leverkusen und Dortmund verfassen sollte. Für einen Moment. Dann aber war mir klar, dass man Dinge in Tagen wie diesen nicht überstrapazieren soll, wenn es Wichtigeres im Leben und in unserem Land gibt. 

Das Wochenende war nicht geprägt von den neun Minuten Spielaussetzung, sondern von 48 Stunden Berichterstattung über die Schande von Bautzen und Clausnitz. Zwei Orte, die das Bild von Sachsen nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt negativ belasten. Als deutscher Staatsbürger schäme ich mich zutiefst für die Einzeltäter, für die grölenden und applaudierenden Zuschauer, für die Geschehnisse vor Ort. Mit "Wir sind das Volk"-Parolen wurden die Flüchtlinge in Clausnitz "empfangen". Ganz ehrlich, da teile ich die Aussage, die gerade durch die sozialen Netzwerk geht: "Wenn ihr das Volk seid, werde ich Flüchtling."


Hans Sarpei: "Unser Problem ist nicht Sachsen"

Auch das umstrittene Vorgehen der Polizei und deren spätere Rechtfertigung sorgten nicht nur für betretendes Schweigen, sondern hunderttausendfachen Unmut im Netz. Zu Recht, wie ich finde. Es sind Bilder, die an dunkle Zeiten in Deutschland erinnern. Wenn auch nicht an die Pogromnächte im Nationalsozialismus, so doch an die fremdenfeindlichen Ereignisse von Mölln, Hoyerswerda oder Solingen Anfang der 90er-Jahre. Und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis hierzulande nicht nur Häuser brennen werden. 

Wir sollten diese Taten richtig einordnen. Wir sollten sie mit aller Härte verurteilen. Aber wir sollten einen Fehler nicht machen: zu pauschalisieren. Sachsen negativ abzustempeln als NPD- und AfD-Hochburg, als fruchtbaren Boden für Fremdenhass, das wäre falsch. Damit gießen wir nur Öl ins Feuer, so beschuldigen wir unzählige Bürger aus Sachsen, die jede Art von Fremdenhass auf das Schärfste verurteilen. Unser Problem ist nicht Sachsen, ist nicht der Osten Deutschlands. Unser Problem und die damit verbundene größte Herausforderung unserer Zeit ist die Chancengleichheit für alle: für Deutsche, für in Deutschland lebende Mitbürger ausländischer Herkunft und für Menschen, die zu uns flüchten. An der Flüchtlingskrise verdeutlichen sich zunehmend unsere Fehler bei der Integrations- und Bildungspolitik. Fehler, die wir, wenn wir nicht dagegen angehen, in den nächsten Jahren ausbaden werden. 

Wir schaffen das - wenn wir selbst damit anfangen

Kein Mensch kommt als Nazi, als Fremdenhasser auf die Welt. Es sind die Gesellschaft, das Umfeld, die Chancenungleichheit, Ablehnung und Ängste, die aus Mitbürgern Wutbürger machen. Wir ghettoisieren, anstatt zu integrieren. Wir zeigen mit Fingern auf Missstände, statt helfende Hände zu reichen. Unsere größte Herausforderung besteht darin, Menschen nicht nach Herkunft, Religion, Bildung und Vermögensverhältnissen zu trennen, sondern sie dazu einzuladen, einen positiven Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten. Unabhängig von Wohlstand.

"Wir schaffen das“, lautet Angela Merkels Credo in der Flüchtlingskrise. Wir werden es aber nur schaffen, wenn wir selbst damit anfangen. Jeder Einzelne von uns, indem er in seinem Umfeld wirkt, indem er auch sozial Schwachen und Ungebildeten hilft, bevor sie sich in rechtes Gedankengut flüchten.

Lasst es uns gemeinsam angehen! Lasst es uns gemeinsam schaffen!

Euer Hans

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